Wärmeplanung in Stuttgart Wärmepumpe oder Fernwärme fürs Häusle?

, aktualisiert am 07.05.2024 - 10:13 Uhr
In der Innenstadt und in Wohngebieten könnte künftig unterschiedlich geheizt werden – doch auch die Bewohnerschaft ist unterschiedlich zusammengesetzt (Symbolbild). Foto: Imago/Arnulf Hettrich

Eine Berechnung unserer Redaktion zeigt erstmals, wie Haushalte mit hohem und geringem Einkommen von der Stuttgarter Wärmeplanung betroffen sind. Einen Anschlusszwang gibt es nicht, aber die Analyse wirft ein neues Licht auf die Kritik, die Stadt plane mit zu wenig Fernwärme.

Digital Desk: Simon Koenigsdorff (sko)

Ein Fernwärmeanschluss oder eine andere grüne Heizung, womöglich eine Wärmepumpe? Die Wärmeplanung soll klären, wer in Stuttgart künftig wie heizt. Erstmals zeigt nun eine Berechnung unserer Redaktion, wen die Pläne der Stadt wie betreffen.

 

Haushalte in den sogenannten Einzelversorgungsgebieten, also außerhalb der Wärmenetze, haben öfter höhere Einkommen als jene, bei denen bereits jetzt Fernwärme verfügbar ist oder künftig verfügbar sein soll. Das ergibt eine Auswertung von Schätzungen des Datendienstleisters infas360.

Bis 2035 sollen etwa 45 Prozent der Stuttgarter Wohneinheiten die Möglichkeit zum Wärmenetzanschluss haben. Kritiker fordern jedoch mehr Wärmenetze, der Plan der Stadt sei zu wenig ambitioniert.

Welche Rolle spielt das Einkommen bei der Wärmeplanung?

Wir haben siedlungsblockscharfe Daten von infas360 ausgewertet, die jeden Haushalt einer Einkommensklasse zuordnen. Dabei handelt es sich zwar um Schätzungen, doch sie ergeben ein klares Bild: In den Gebieten, die sich selbst um eine klimafreundlichere Heizung kümmern müssen, leben öfter einkommensstarke Haushalte. Etwa 43 Prozent der Haushalte in den Einzelversorgungsgebieten verfügen über mehr als 3500 Euro netto im Monat, in der Gesamtstadt sind es nur 38 Prozent. Vor allem in der Innenstadt und entlang des Neckars ist heute schon Fernwärme verfügbar. Hier sind Haushalte mit geringem bis mittlerem Einkommen stärker vertreten: Rund 53 Prozent fallen in die Kategorie bis 2500 Euro Haushaltsnetto – in der Gesamtstadt sind es 45 Prozent, in der Einzelversorgung 40 Prozent.

Die Quartiere, die die Stadt für künftige Wärmenetze oder als „besonders herausfordernd“ ausweist, liegen in ihrer Einkommensverteilung nah am Stuttgartschnitt. Dort leben aber weniger Haushalte mit hohem und mehr mit niedrigem Einkommen als in den Einzelversorgungsgebieten.

Die Stadt hat das Einkommen in der Planung nicht eigens berücksichtigt, wie ein Sprecher bestätigt, die Einkommensverteilung hält man aber für „nicht überraschend“. Eingeflossen sind vor allem Informationen über Gebäude. Hier zeigen die Daten von infas360 große Unterschiede: Ein- und Zweifamilienhäuser dominieren in der Einzelversorgung, während sie in bestehenden Fernwärmegebieten kaum eine Rolle spielen.

„In Einzelversorgungsgebieten mit Ein- und Zweifamilienhäusern wird der Anteil höherer Einkommen höher sein als in Gebieten mit Mehrfamilienhäusern, die sich eher für ein Wärmenetz eignen“, teilt ein Stadtsprecher mit. Die Stadt sieht Wärmenetze vor allem in dicht bebauten Gebieten mit wenigen Großabnehmern als sinnvoll an, weniger bei vielen privaten Hausbesitzern. Ziel sei es, die Wärmewende „für alle Bürgerinnen und Bürger ungeachtet der Einkommensverhältnisse möglichst effizient zu gestalten“.

Unsere zoombare Karte zeigt die Gebiete der Stuttgarter Wärmeplanung. Orange sind Gebiete eingefärbt, in denen bereits Wärmenetze vorhanden sind, rot sind Problemgebiete, blau, grün und gelb Planungsgebiete. Überall dort, wo im Stadtgebiet keine Farbe zu sehen ist, ist Einzelversorgung vorgesehen.

Ist Fernwärme erschwinglicher als eine Wärmepumpe?

Keine teure Wärmepumpe anschaffen müssen, dafür Fernwärme direkt in den Keller bekommen – das klingt zunächst nach der günstigeren Lösung. In dieser Logik sprächen die Einkommensdaten für eine faire Aufteilung: Einzelversorgung eher für jene, die es sich leisten können. Doch ganz so klar ist die Sache wohl nicht.

Fernwärme sei nicht per se erschwinglicher als eine Einzelversorgung, so die Stadt. Auch Experten halten Wärmenetze nicht pauschal für günstiger für den Endkunden. Die Rechnung kann für jedes Haus anders ausfallen, je nach Lage, Sanierungsbedarf und künftigen Strom- und Wärmepreisen.


„Fernwärme ist aus Verbrauchersicht derzeit nicht zwingend sozial verträglicher“, sagt Matthias Bauer von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Beim Wechsel gibt es zwar für beides Förderung von Bund und Stadt. Beim Kauf sei eine Wärmepumpe aber oft teurer. Der Anschluss an ein Wärmenetz koste dagegen weniger – aber nur, wenn dafür im Haus keine großen Umbauten notwendig sind. Die Stadt betont, auch mit Wärmenetzanschluss werde manch älteres Haus saniert werden müssen, wenn künftige klimaneutrale Wärmenetze mit geringerer Temperatur betrieben werden – und weil der Wärmebedarf der ganzen Stadt sinken muss.

Doch: „In der Diskussion wird zu stark auf die Anschaffungskosten geschaut“, bemängelt Bauer. In einem Modell bezieht er auch laufende Kosten für 15 bis 20 Jahre mit ein, Stand heute lägen so Pelletheizungen und Wärmepumpen vorne. Doch wie sich die Preise entwickeln, ist unklar - erst recht, wenn fossile Wärmenetze erneuerbar werden. Da jedes Netz nur einen lokalen Anbieter hat, können Kunden nicht wechseln, die Preise schwanken stark von Ort zu Ort. Laut Bauer seien die Preise beispielsweise der EnBW in Stuttgart recht moderat.

Özgür Yildiz vom Beratungsunternehmen ifok betont, dass Heizen via Wärmenetz für den Einzelnen teurer werden kann, wenn dafür viele neue Leitungen gebaut werden müssen, sich aber nur wenige Abnehmer anschließen. In Stuttgart gibt es keinen Anschlusszwang.

Stuttgart folgt einem Muster, das Yildiz auch von anderswo kennt: Fernwärme sei oft zentrumsnah und auf Mehrfamilienhäuser ausgerichtet. „Abgelegene Einfamilienhaus- und Neubaugebiete sind in der Regel für die Versorger wirtschaftlich unattraktiv und daher weniger prioritär.“ Er plädiert dafür, nicht nur zu berücksichtigen, was technisch machbar sei und sich für Anbieter rechne. Auch die gesellschaftliche Akzeptanz sei wichtig: „Der Plan bringt nur etwas, wenn am Ende jemand den Spaten beziehungsweise das Geld in die Hand nimmt.“

Daten

Einkommen
Die Einkommensschätzungen, die wir für diese Analyse verwenden, stammen vom Datendienstleister infas360 und sind zugleich die Grundlage unseres „Einkommensatlas“ für Stuttgart. Sie enthalten keine individuell erhobenen Einkommen, sondern ordnen Haushalte einer von sechs Einkommensklassen zu. Mehr zur Methodik der Schätzung steht in diesem Artikel.

Analyse
Für unsere Analyse haben wir die siedlungsblockscharfen Einkommensschätzungen und die Kategorien der Stuttgarter Wärmeplanung miteinander verschnitten. In einer kleinen Zahl von Fällen konnte ein Siedlungsblock nicht eindeutig einer Wärmeplanungskategorie zugeordnet werden und wurde von der Auswertung ausgenommen. (sko)

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