In der Falkertschule in Stuttgart-West kommen Kinder aus sehr unterschiedlichen Hintergründen zusammen. Foto: Lichtgut/Iannone/Montage: Scholz
Einmal im Leben, für vier Jahre, kommen Menschen aller Schichten zusammen – in der Grundschule. Wie geht man damit um? Die Rektorin der Falkertschule in Stuttgart-West berichtet von Konflikten, Gesprächen im Kollegium und dem Einfluss der Eltern.
Nirgendwo kommen Menschen mit so unterschiedlichem Hintergrund zusammen wie in der Grundschule. Erst recht in der Innenstadt. Im Schulbezirk der für die Halbhöhe zuständigen Schule Im sonnigen Winkel verdienen vier von zehn Haushalten mehr als 5000 Euro netto. Im Einzugsbereich der Falkertschule leben dagegen mehr Haushalte mit weniger als 1500 Euro netto als im Stuttgartschnitt. Das mache sich natürlich im Schulleben bemerkbar, sagt die Schulleiterin Annemarie Raab.
Frau Raab, die Eltern Ihrer Schüler verdienen sehr unterschiedlich. Was macht das mit den Kindern?
Es ist erst einmal bei uns kein vorrangiges Thema. Sie sehen natürlich, wer welche Kleidung trägt, welchen Schulranzen hat oder wer die gerade angesagten Legami-Stifte benutzt. Die sind sehr teuer und wenn so ein Stift verloren geht, ist das Gejammere groß. Da arbeiten wir dagegen und sagen: Solche Stifte könnt ihr zu Hause benutzen, hier in der Schule haben wir genügend andere Stifte. Das Gleiche ist das Thema Handy, es muss im Schulranzen bleiben und ist nach der Hausordnung strikt verboten. So versuchen wir, einen Ort zu schaffen, an dem das Einkommen der Eltern keine große Rolle spielt.
Annemarie Raab, Rektorin der Falkertschule Foto: Lichtgut / /Ferdinando Iannone
Was bedeutet Vielfalt an Ihrer Schule?
Wir haben sehr unterschiedliche Elternhäuser, Sprachen, Herkunftsländer. Viele Eltern arbeiten, manche nicht. Es gibt Patchworkfamilien, Alleinerziehende und so weiter. Das müssen wir im Klassenverbund zusammenführen. Bei uns ist die Umgangssprache natürlich Deutsch. Selbstverständlich gehören aber auch die Herkunftssprachen dazu. Das zeigt sich bei den Elterngesprächen. Hier laden wir Dolmetschende ein, damit wir die Eltern wirklich verstehen. Und unsere pädagogischen Fachkräfte versuchen, mit vielen Gesprächen präventiv zu wirken.
In der Gesellschaft knirscht es trotz oder gerade wegen dieser Vielfalt.
Bildung ist für viele der Schlüssel. In der Grundschule geht es um Lesen, Schreiben, Rechnen, aber auch um Schwimmen und Radfahren, Wertschätzung und miteinander sprechen – was nicht heißt, dass man alles akzeptiert. Die Kinder sollen lernen, Konflikte ohne körperliche Gewalt zu lösen. Wenn Kinder das in der Grundschule positiv erleben, prägt es ihr weiteres Leben.
Was können die Eltern tun?
Es hilft, die Vielfalt einfach zu akzeptieren. Es sollte über Menschen mit weniger Geld nicht abfällig geredet werden. Ich erlebe das an der Falkertschule aber auch nicht. Wer in Stuttgart und insbesondere im Westen lebt, der kennt und schätzt diese Vielfalt. Wir haben schon immer unterschiedliche Hautfarben, Sprachen, Religionen. Darüber muss man gar nicht groß sprechen, sondern es einfach akzeptieren.
War früher alles besser?
Selbstverständlich nicht. Die Unterschiede erleben wir schon beim Morgenkreis. Die einen erzählen, dass sie in die Musikschule, zum Tennis und so weiter gehen, übers Wochenende mal weggeflogen sind. Die anderen von einem Alltag mit Bürgergeld-Einkommen. Unsere beamteten Lehrkräfte können sich so einen Alltag nur schwer vorstellen. Das müssen wir uns auch als Lehrkräfte immer wieder bewusst machen - und den Kindern vermitteln, dass es genauso gut ist, über die Bonuscard am Sport teilzunehmen. Es sollte jedoch darüber kein Aufheben gemacht werden.
Empfinden Kinder aus einkommensschwachen Familien ein Stigma?
Manchmal reicht schon ein Blick. Ihre Sensibilität können wir nur erahnen, aber schwer nachfühlen. Da reden wir im Kollegium viel darüber: Wie bekommen wir es hin, dass Geld kein Thema ist? Trotzdem nehmen die Kinder es wahr, dass Bildung und Einkommen der Eltern zumindest beeinflussen, ob man aufs Gymnasium kommt. Das wird auch unter den Kindern ab und an thematisiert.
Vermutlich auch unter den Lehrern.
Es schmerzt, diese ungleichen Voraussetzungen zu sehen. Wir müssen damit aber professionell umgehen. Die gebundene Ganztagsschule kann helfen, die Ungleichheit zu verringern. Die Kinder sehen bei uns, wie man Freizeit verbringen kann, vom Sport über Lesen und Musik bis zum Theaterbesuch. Wir haben eine enge Kooperation mit dem MTV Stuttgart, wo die Kinder außerhalb der Schule aktiv werden können. Das wird unabhängig vom Einkommen gerne angenommen. Das sind sicherlich Oasen, aber diese Treffpunkte sind wichtig.
Wäre längeres gemeinsames Lernen besser?
Es kommt auf die pädagogische Ausgestaltung an. Auf jeden Fall wäre eine längere gemeinsame Lernzeit meine Vision von Schule. Mit der Gemeinschaftsschule könnte man es genau so fortführen. Wichtig ist auch die Ausstattung der Schulen. Einkommensstarke Eltern können da besser darauf drängen. Es ist die Aufgabe der Politik, die staatlichen Grundschulen unabhängig vom Stadtbezirk so auszustatten, dass da jeder hinwill und dass es keine Unterschiede zwischen der Falkert- oder Schwabschule und der Grundschule Im sonnigen Winkel gibt.
Wann merken Sie als Rektorin, dass Ihre Ansätze etwas bewirken?
Ein Moment ist am Ende des vierten Schuljahres, wenn die Kinder es bedauern, die Klassengemeinschaft zu verlassen. Wenn Freundschaften über verschiedene Herkünfte hinweg entstehen. Wenn beim Schulfest die Vielfalt geachtet wird. Und wenn es wenig Beschwerden, aber viele konstruktive Vorschläge gibt.
Rektorin Annemarie Raab (62) ist seit vierzig Jahren im Schuldienst, seit 2020 Leiterin der Falkertschule. Die gebürtige Stuttgarterin ist nach Stationen im Schulamt, in Ungarn und an Werkrealschulen an die Grundschule in Stuttgart-West gekommen.
Projekt Mit dem Einkommensatlas machen wir soziale Unterschiede in Stuttgart sichtbar. Die Daten kommen vom Dienstleister infas360. Es handelt sich dabei um Schätzungen, die allerdings eine hohe Genauigkeit aufweisen. Mehr zum Projekt finden Sie hier, die Daten und Methodik erklären wir in diesem Beitrag.