Corona-Impfungen Wer sind die Ungeimpften?
Alter, Geld und politische Präferenzen: Viele Faktoren beeinflussen den Impfstatus – und erklären, warum Menschen mit Migrationshintergrund häufiger ungeimpft sind.
Alter, Geld und politische Präferenzen: Viele Faktoren beeinflussen den Impfstatus – und erklären, warum Menschen mit Migrationshintergrund häufiger ungeimpft sind.
Stuttgart - Je älter ein Mensch ist, desto wahrscheinlicher ist er gegen das Coronavirus geimpft. In Deutschland sind laut der vom Robert-Koch-Institut (RKI) geführten Impfstatistik knapp 15 Prozent der Fünf- bis Elfjährigen zweimal geimpft – und mehr als 88 Prozent der Über-60-Jährigen. Dass die Quote wohl höher liegt, hat im Sommer die Covimo-Studie des RKI nahegelegt. In der Befragung gaben deutlich mehr Erwachsene als bis dato bekannt an, geimpft zu sein.
Weil sich die Unklarheit über die Impfquote nicht wirklich auflösen lässt, schaut das Institut, wie sich die Impfquoten in einzelnen Bevölkerungsgruppen unterscheiden. Mittlerweile liegen zwei Berichte vor, die deutliche Unterschiede offenlegen. Impfen ist nicht nur eine Frage des Alters, sondern auch des Wohnorts, des Berufs, der politischen Orientierung – und vermeintlich auch eine der Herkunft.
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Die ermittelten Impfquoten sind aufgrund üblicher statistischer Unsicherheit nicht bis auf die Nachkommastelle präzise. Die festgestellten Unterschiede sind in den meisten Fällen aber signifikant. Sie sind eine Grundlage für die Diskussion um die Impfpflicht und deuten an, in welchen Gruppen man nochmals explizit für eine Impfung werben sollte.
Die folgenden Faktoren beeinflussen die Wahrscheinlichkeit, dass jemand geimpft ist:
Das Alter Die Covimo-Befragung bestätigt, dass Ältere häufiger geimpft sind. Von den befragten Über-80-Jährigen gaben knapp 97 Prozent der Befragten an, mindestens einmal geimpft zu sein. Kein Wunder, sie waren als Erste impfberechtigt und sind von Corona am meisten bedroht. Zudem kam die Impfung vielfach in Form mobiler Impfteams zu den Älteren. Unter Erwachsenen sind mit 82 Prozent der Befragten die 30- bis 39-Jährigen am seltensten geimpft. Eine Erklärung gibt die Covimo-Studie nicht an. Denkbar ist aber, dass diese Gruppe eine Infektion meist gut wegsteckt, Einschränkungen für Ungeimpfte aber eher hinnimmt als die ausgehfreudigeren jungen Erwachsenen.
Der Wohnort Wer in Orten mit weniger als 20 000 Einwohnern lebt, ist seltener geimpft. Der Anteil liegt mit 79,5 Prozent deutlich unter dem in Städten mit bis zu 100 000 Einwohnern (91,5 Prozent) oder Großstädten (86,3 Prozent). Eine Erklärung liefert die Covimo-Studie auch hier nicht. Aber die Unterschiede können mit weniger Impfmöglichkeiten auf dem Land zu tun haben, zudem mag der Impfnachweis im Alltag nicht so wichtig sein wie in der anonymen Großstadt.
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Der Beruf Von den befragten Lehrern sowie dem medizinischen Personal haben mehr als 90 Prozent angegeben, mindestens einmal geimpft zu sein – sie schützt die Impfung vor dem Berufsrisiko Ansteckung. Von den Menschen in Kurzarbeit oder die Arbeit suchen gaben nur 75 Prozent an, geimpft zu sein. Auch Bildung und Einkommen spielen eine Rolle: je höher sie sind, desto wahrscheinlicher sind Menschen geimpft. Die Vermutung liegt nahe, dass formal höher Gebildete und Einkommensstarke unter anderem mehr Zugang zu seriösen Informationen zur Impfung haben und sich deshalb eher impfen lassen.
Politische Orientierung Populisten haben unter anderem gegen Einschränkungen für Ungeimpfte Stimmung gemacht. Entsprechend ergab im Herbst eine Forsa-Umfrage, dass etwa die Hälfte der 3048 befragten Ungeimpften bei der Bundestagswahl AfD gewählt hatte. Weitere 15 Prozent hatten für die Querdenker-Partei „Die Basis“ gestimmt, zehn Prozent für die FDP. AfD- und FDP-Wähler sind zudem laut einer Befragung der Forschungsgruppe Wahlen deutlich stärker gegen eine Impfpflicht als Anhänger anderer Parteien.
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Migrationshintergrund Menschen mit Migrationshintergrund – die also im Ausland geboren oder bei denen mindestens ein Elternteil zugewandert ist – haben eine etwa acht Prozentpunkte niedrigere Impfquote als Menschen ohne Migrationshintergrund. Diesen Befund nahm das RKI zum Anlass, detailliert nachzufragen – nicht nur auf Deutsch wie bei den bisherigen Covimo-Studien, sondern auch auf Russisch, Polnisch, Arabisch, Türkisch und Englisch. Jeweils 1000 Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte wurden befragt.
Die Ergebnisse dieser Erhebung liegen nun vor. „Sprachbarrieren erklären einen Großteil der Impfquotenunterschiede zwischen Personen mit und ohne Migrationsgeschichte“, schreibt das RKI. Befragte, die schlecht Deutsch sprechen, sind zu drei Vierteln geimpft – solche mit sehr guten Deutschkenntnissen zu mehr als 90 Prozent. Neben sprachlichen Defiziten seien die Unterschiede wie im Rest der Bevölkerung mit den Faktoren Einkommen, Bildung und Alter zu erklären.
Gut gebildete und gut verdienende ältere Menschen mit Migrationshintergrund, die sehr gut Deutsch sprechen, sind so oft geimpft wie Menschen ohne Migrationshintergrund – es gibt nur relativ wenige, auf die das alles zutrifft.
Auffällig ist auch, dass Menschen mit Migrationshintergrund sich häufiger über die Wirksamkeit oder die Kosten von Coronaimpfungen unsicher sind. Hier besteht offenbar Informationsbedarf. Allerdings seien „Falschwissen und Unsicherheiten in Bezug auf Wissen zur Covid-19-Impfung unter allen Befragten hoch“, so der Report.
Je höher Alter, Bildungsgrad und Einkommen, desto höher ist auch in den USA die Impfquote. Das hat das in der US-Hauptstadt Washington ansässige, gemeinnützige Pew Research Center Ende Januar bei einer Befragung von etwas mehr als 10 000 Einwohnern der USA ermittelt.
Hinzu kommen weitere Faktoren. Besonders selten geimpft sind Wähler der Republikaner (64 Prozent gegenüber 90 Prozent bei Demokraten) und Landbewohner (68 Prozent, Städter: 80 Prozent). Obwohl die Impfung auch in den USA kostenlos ist, haben Menschen mit Krankenversicherung eine deutlich höhere Impfquote als ohne (79 gegenüber 63 Prozent).