Einrichtung auf der Gänsheide in Stuttgart Das Aus einer Tagespflege sorgt für Unmut

Herta Sedlarz versteht nicht, warum sie nicht mehr in die Tagespflege kann. Hier sieht man sie beim Abschiedstag. Foto: Mathias Sed/z

Vor wenigen Tagen wurde Abschied gefeiert – seit diesem Montag ist die Tagespflege am Bubenbad geschlossen. Die Kündigung erreichte die Angehörigen wenige Wochen zuvor. Der Sohn einer 88-Jährigen erhebt deshalb Vorwürfe. Was sagt der Träger?

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Es sind emotionale Tage für Mathias Sedlarz und seine Mutter Herta. Die an Demenz erkrankte 88-Jährige weine gerade viel, so ihr Sohn. „Sie versteht das alles nicht“, sagt der Stuttgarter, den die Hilflosigkeit seiner Mutter spürbar mitnimmt. Er hat versucht, ihr zu erklären, warum sie seit vergangenem Montag tagsüber zu Hause bleiben muss und nicht mehr in die Tagespflege in der Villa Maria gehen kann. Aber er hat ja selbst seine Probleme damit, das Ganze nachzuvollziehen. Die Tagespflege auf der Gänsheide wurde zum 1. Juli geschlossen. Per E-Mail und auch bei einem persönlichen Gespräch hatte Mathias Sedlarz noch versucht, den Träger umzustimmen. Ohne Erfolg.

 

Die beim Bubenbad gelegene Tagespflege sei „ein Glücksfall“ gewesen, findet der Sohn. Die elf Seniorinnen und Senioren, die dort ihre Tage verbrachten, seien dort sehr liebevoll betreut und umsorgt worden. Es gab sogar frisch gekochtes Mittagessen. Er wusste seine Mutter zwischen kurz vor 9 und 16 Uhr also in den besten Händen. Für ihn als Pflegenden war es die perfekte Entlastung.

Sie hätten doch Werbung gemacht, sagt der Angehörige

Was Mathias Sedlarz vor allem kritisiert: dass die Kündigung so kurzfristig kam. Anfang Juni habe er das Kündigungsschreiben im Briefkasten entdeckt, am 30. Juni war die Abschiedsfeier bei Kaffee und Kuchen. Es habe keinerlei Vorwarnung gegeben, ärgert er sich. Er weiß inzwischen, dass die Auslastung der Einrichtung zu wünschen ließ. Doch warum habe man die Angehörigen nicht eingebunden? „Wir hätten doch Werbung gemacht“, sagt der 59-Jährige. Er hat bisher noch keine Anschlusslösung. Auf dem Kündigungsschreiben wurden ihm zwei Tagespflegen genannt, die bereit wären, die 88-Jährige aufzunehmen – aber die seien für ihn zu weit weg. Außerdem brauche seine Mutter Zeit. Er könne die Demenzerkrankte nicht heute hier und morgen da hinbringen.

Doch warum wurde die Tagespflege überhaupt geschlossen? Wird wegen des demografischen Wandels nicht jeder Platz gebraucht? In Stuttgart fehlen vor allem stationäre Pflegeplätze – um die 2000 sind es laut Kreispflegeplanung bis zum Jahr 2030. Aber natürlich entlastet auch die Tagespflege pflegende Angehörige. Der Träger der Einrichtung am Bubenbad, die Vinzenz von Paul gGmbH, führt als Grund vor allem wirtschaftliche Gründe an. „Die Pflegelandschaft ist unheimlich unter Druck“, sagt der zuständige Regionalleiter für die Sozialen Dienste und Einrichtungen, Simon Unrath. Das zeigt sich nun auch im Kleinen.

Die Tagespflege schrieb durchgehend rote Zahlen

Die Tagespflege im Stuttgarter Osten sei seit ihrer Eröffnung „noch nie“ wirtschaftlich zu betreiben gewesen, betont Unrath. Dazu hätte sie stets zu 90 Prozent ausgelastet gewesen sein müssen. Doch viele Angehörige zögerten lange, bevor sie solch ein Angebot buchten. Oft geschehe das erst, wenn eigentlich der nächste Schritt passender wäre: die stationäre Pflege. Schnelle Wechsel gingen aber zulasten der Auslastung. Die Inflation und steigende Tariflöhne hätten die wirtschaftliche Lage noch verschärft. Was dann am Standort Villa Maria konkret den Ausschlag gab: Eine Kraft habe zum 1. Juli gekündigt. Da entschied man sich, den Schlussstrich zu ziehen, so Unrath. Der Träger bietet in Stuttgart nun gar keine Tagespflege mehr an, landesweit betreibt er zehn dieser Angebote.

Er könne den Frust der Angehörigen durchaus nachvollziehen, sagt Unrath. Im Nachhinein hätte man die Einrichtung vielleicht doch vier Wochen im Notbetrieb weiter betreiben sollen. Aber sie hätten ihr Möglichstes getan, um für einen guten Übergang zu sorgen, betont er. So hätten sie andere Anbieter kontaktiert, ob sie Kapazitäten haben und allen Betroffenen Adressen mitgeteilt. In einem Fall ermögliche man sogar ein eingestreutes Tagesangebot am stationären Standort beim Bubenbad, wo Vinzenz von Paul weiterhin stationäre Pflegeplätze und ein betreutes Wohnen anbietet: Eine Person werde nun in einer stationären Gruppe tagsüber mitversorgt.

Die Gruppe versucht, den Kontakt nicht abreißen zu lassen

Mathias Sedlarz kann den Schritt des Trägers dennoch weiterhin nicht nachvollziehen. Es schmerzt ihn, dass die Gemeinschaft auseinander gerissen worden ist. Wobei sie versuchten, in Kontakt zu bleiben. Einmal im Monat wollen sich die Seniorinnen und Senioren samt ihrer Angehörigen treffen und austauschen. Auch die Betreuerinnen seien dazu eingeladen, sagt Sedlarz.

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