Die Kerzenwerkstatt der Laufenmühle stellt mit Geduld und Sorgfalt handgemachte Kerzen aus Bienenwachs her. Was macht diese so besonders und was haben Kerzen mit Käse gemeinsam?
Annette Clauß
15.12.2025 - 15:00 Uhr
Zur Kerzenwerkstatt in der Laufenmühle bei Welzheim (Rems-Murr-Kreis) geht es immer der Nase nach. Vor der Eingangstür liegt ein Hauch von Bienenwachs in der Luft, dahinter duftet es intensiv. In der Werkstatt stellen 13 Frauen und Männer handgetauchte und gegossene Kerzen her. Angeleitet werden sie von Lisa Wegner, Mareen Brenner und Deniz Velic. Ein Blick in die Runde zeigt: um Kerzen zu produzieren, die handgefertigt sind und gewisse Standards in puncto Qualität und Aussehen erfüllen, braucht es etliche Arbeitsschritte und sehr viel Geduld.
Mareen Brenner und Lisa Wegner wissen das nur zu gut. Im Jahr 2021 haben die Ergotherapeutinnen im Auftrag des Vereins Christopherus Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Laufenmühle begonnen, die Kerzenwerkstatt im Erfahrungsfeld der Sinne Eins+Alles aufzubauen. Sie ist neben der Kaffeerösterei, der Tieroase, der Waldwerkstatt, einer Wäscherei und weiteren Bereichen ein Arbeitsort für Menschen, für die der erste Arbeitsmarkt keine Option ist. Beim Aufbau der Kerzenwerkstatt hat ein Fachmann die Frauen mit Tipps, Tricks und Gerätschaften unterstützt. Dennoch war es ein längerer Prozess, bis Mareen Brenner und Lisa Wegner ein Licht aufgegangen ist und sie wussten, wie man Kerzen herstellt, die nicht nur schön aussehen, sondern auch gut abbrennen.
Vom ersten Arbeitsschritt an darf nichts schiefgehen. Mitarbeiterin Almuth bereitet die Dochte vor, die je nach Kerzenmodell mal länger, mal kürzer, dicker oder dünner sind. Außerdem muss sie gut aufpassen, wo bei den Dochten oben und unten ist. Denn die verflochtenen Baumwollfäden haben eine Laufrichtung. Zeigt das falsche Ende nach oben, brennt die Kerze schlecht und mit kleiner Flamme, rußt und/oder erlischt sogar komplett.
Bienenwachskerzen ohne Taille und Bauch
Die Dochte werden mit Klammern in Holzrahmen befestigt und dann ins Tauchbad gesenkt. Foto: Gottfried Stoppel
Luftbläschen und Unreinheiten in der Kerze sind ein Ausschlusskriterium. „Keine Taille und kein Bauch“, nennt Mareen Brenner weitere Schönheitsmerkmale. Gerade müssen die Kerzen auch sein. Deshalb klemmt Robin an beide Enden des Dochts eine Klammer: oben eine kleine, die als Befestigung beim Tauchbad ins heiße Wachs dient. Unten eine große schwere, die den Docht kerzengerade nach unten zieht.
Angelina steht an einem Metallbehälter, in dem gut 25 Kilogramm heißes Bienenwachs schwappen. 85 Grad Celsius hat die goldgelbe Flüssigkeit. Mal für Mal taucht Angelina die Dochte ein, zählt bis zehn und zieht sie wieder nach oben. „Das muss man zügig und in gleichmäßigem Tempo machen“, erklärt Lisa Wegner. Nur so legt sich das Wachs gleichmäßig Schicht für Schicht um den Docht, der zu einer Tafelkerze werden soll. Beim ersten Tauchgang blubbert es, kleine Bläschen bilden sich am Baumwollstrang. „Der saugt sich voll wie Spaghetti im Kochtopf“, sagt Lisa Wegner.
Christbaumkerzen taucht man in einem Rutsch
Sobald die Kerze einen Durchmesser von zwölf Millimetern hat, löst Angelina die untere, dick mit Wachs verkrustete Klammer. Nun müssen die Tafelkerzen ruhen, bevor sie erneut ins Wachsbad wandern und bis zu einem Durchmesser von 24 Millimetern getaucht werden. „Die Christbaumkerzen mit 13 Millimeter Durchmesser kann man in einem Rutsch tauchen“, erklärt Angelina, die den Berufs-Bildungs-Bereich der Laufenmühle besucht. Sie arbeitet in allen Werkstätten und findet so ihre Stärken heraus. Eine ruhige Hand hat sie auf jeden Fall.
Die braucht Daniela auch. Sie sitzt gleich nebenan und schneidet Tafelkerzen auf exakt 28 Zentimeter zu. Tags darauf werden die Dochte gekürzt, dann landen die getrockneten Kerzen bei Finn, der weiße Baumwollhandschuhe trägt und die Wachsoberfläche auf Hochglanz poliert. Nebenbei hält er nach Luftbläschen Ausschau. Entdeckt er welche, wird die Kerze aussortiert und eingeschmolzen. Hat eine Kerze den Schönheitstest gemeistert, landet sie bei Paul. Er verpasst den Tafelkerzen eine Banderole mit Barcode, die immer exakt auf der gleichen Höhe sitzen muss. Dann wickelt er Stück für Stück in Zellophanfolie und bindet oben eine lila Schleife dran.
Die Werkstatt fertigt auch Kerzen nach Maß
Über den Onlineshop www.einsundalles-shop.de werden die Kerzen verkauft. Das Sortiment reicht von Geburtstagskerzen über Teelichter und Tafelkerzen bis zu dicken Stumpenkerzen. Die Werkstatt stellt auch individuelle Kerzen für Taufen, Kommunion oder Hochzeiten her. Stolz sind die Beschäftigten darauf, dass sie 60 anthroposophische Christengemeinschaften in aller Welt mit Altarkerzen beliefern dürfen. Jeder Kunde braucht ein anderes Maß, denn jede Gemeinschaft hat ihren individuellen Leuchter. Die Altarkerzen sind bis zu 60 Zentimeter lang und fast so dick wie ein Unterarm. Für den Tauchvorgang braucht es Muskelkraft, das richtige Tempo und Durchhaltevermögen.
Die Altarkerzen werden innerhalb von Deutschland, aber auch nach Frankreich, Großbritannien und Ungarn, in die Schweiz, nach Schweden oder Finnland verschickt. Lisa Wegner und Mareen Brenner achten darauf, dass sie stets genügend auf Lager haben. Die Haltbarkeit sei bei Bienenwachskerzen kein Thema, sagt Lisa Wegner: „Sie werden mit dem Alter besser. Das ist bei Kerzen wie bei Käse oder Wein.“