Einsam in Stuttgart? Apps gegen das Alleinsein

Anschluss gesucht? Das Internet weiß Rat. Foto: AdobeStock

Digitalisierung muss nicht bedeuten, dass Menschen sich isolieren. Im Gegenteil: Auf Plattformen wie „Meet5“ oder „nebenan“ vernetzen und verabreden sich viele zu Treffen im realen Leben.

Quizabend im Alten Schloss in Stuttgart. Die Rate-Teams sitzen um die niedrigen Tische im Museumsfoyer und diskutieren, nach welchem Karl die Stadt Karlsruhe benannt wurde und wie die fünf Spice Girls hießen. Auch Christiane, Georg, Antonella und Oswald überlegen, werfen sich Namen zu. Ginger Spice? Mel C? Posh Spice? Und wie hieß noch mal die Jüngste in der Band?

 

Das Besondere an diesem Rate-Team: Die vier sind keine Freunde, jedenfalls noch nicht. Sie haben sich über die App „Meet5“ zum Quizzen verabredet. Christiane nutzt die Plattform seit zwei Jahren. Seit einem Jahr ist sie „Community Captain“. Das bedeutet, sie veranstaltet selbst mehrere Treffen im Monat und ist Ansprechpartnerin für andere Community-Mitglieder, die die App nutzen.

Die Gründe, warum Menschen sich über die App mit anderen verabreden, seien vielfältig, sagt die 44-Jährige: „Ich zum Beispiel bin erst vor drei Jahren hergezogen und habe mich dann von meinem Partner getrennt“. Die App nutzt sie, um mit anderen ins Kino, zum Tanzen oder zu anderen Veranstaltungen zu gehen.

„Es ist einfach schön, wenn man nicht allein gehen muss, sondern sich trifft und gleich Ansprechpartner hat“, findet Christiane. Man habe zwar Arbeitskollegen, aber die seien oft in anderen Lebensphasen, haben noch kleine Kinder. Mit „Meet5“ sei sie viel freier und treffe neue Menschen, die sie sonst nicht kennengelernt hätte, weil sie im Alltag keine Berührungspunkte mit ihnen hätte.

Überwiegend nutzten Frauen das Angebot, hat Christiane festgestellt. Auch Georg hat diese Beobachtung gemacht: „Frauen sind einfach ausgehfreudiger“, glaubt er. Seit einem Jahr ist der 64-Jährige bei „Meet5“ und nutzt auch noch weitere Plattformen, etwa die „Stuttgarter Singles“. Hier liege der Fokus aber mehr auf Dating und die Nutzer seien im Schnitt älter als bei „Meet5“.

Christiane schätzt die vielen Möglichkeiten, die ihr die Plattform bietet: „Ich habe auch schon einen Hip-Hop-Event eingestellt“, erzählt sie. Obwohl das gar nicht ihre Musik sei: „Das ist das Schöne, es gibt wirklich keine Grenzen: Ob Partys, klassische Konzerte oder Wandern. Eine meiner ersten Veranstaltungen war eine Burlesque-Show. Das wollte ich schon immer mal anschauen und über die App habe ich Leute gefunden, die mitgegangen sind.“

Als einsam möchte sich niemand aus dem „Meet5“-Rate-Team bezeichnen. Es gehe ihnen um Freizeitgestaltung, sagen sie übereinstimmend. Anders empfinden es rund zwölf Prozent der Menschen in Stuttgart laut einer Umfrage aus dem vergangenen Jahr. 58 000 Stuttgarter und Stuttgarterinnen gaben darin an, sich einsam zu fühlen.

Die Hauptgründe dafür seien Umzüge, Trennungen und Krankheiten, fasst Gabriele Reichhardt, Leiterin der Abteilung Strategische Sozialplanung, zusammen: Die Untersuchung habe gezeigt, dass generell Männer einsamer sind - und Menschen mit Migrationshintergrund. Interessanterweise habe man keine Unterschiede festgestellt, was Alter oder Bildungsabschlüsse betrifft.

Man konnte auch nachweisen, dass je länger jemand in Stuttgart wohnt, desto weniger einsam er oder sie ist. In ihrer Kampagne „Gemeinsamkeiten“ will die Stadt der Einsamkeit entgegenwirken. „Wir wissen aus Befragungen, dass das Thema nach wie vor sehr stigmatisiert ist“, sagt Reichhardt. Einsamkeit sei immer ein subjektives Gefühl, das nichts damit zu habe, dass man gerne auch mal allein sei: „Es kann jeden treffen. Viele Menschen fühlen sich dann zurückgelassen und haben das Gefühl, überhaupt keine Bekannten zu haben.“

Man kenne zwei gute Möglichkeiten, aktiv zu werden, sagt Reichhardt: Sport und Ehrenamt. „Es ist nachgewiesen, dass, wer Sport treibt, weniger einsam ist. Und dass Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren ihre Einsamkeit oder Leere überwinden“.

Mit einer Social-Media-Kampagnen versucht die Stadt außerdem, Menschen für das Thema zu sensibilisieren. „Wir machen darauf aufmerksam, dass man auch mal Nachbarn fragt, wie sie ihnen geht, gemeinsam Kaffee trinkt, dass man so kleine Begegnungen, wie sie früher üblich waren, wieder mehr pflegt“, sagt Reichhardt.

Welche Rolle spielen ihrer Meinung nach die Sozialen Medien? Verstärken sie eher die Einsamkeit oder sind sie, im Gegenteil, ein gutes Instrument, um neue Menschen kennenzulernen? Die unerwartete Antwort: Jüngere Menschen verlieren sich eher in den sozialen Netzwerken und isolieren sich dadurch. Altere wenden diese gezielter an, um Kontakte zu knüpfen oder zu erhalten.

Eine App, die gezielt auf die nächste Nachbarschaft setzt, heißt „nebenan.de“. Über drei Millionen Menschen sind hier vernetzt, bieten sich als Hundesitter an, verschenken Sofas oder tauschen Pflanzen. Wer andere kennenlernen will, kann sich über Gruppen vernetzen. „Man kann sich zum Stammtisch treffen oder zum Spieleabend“, erzählt Vanessa Schultheiß von „nebenan“. Die Idee ist, sich lokal zu vernetzen, gegenseitige Empfehlungen auszusprechen. „Wer möchte und mutig ist, kann natürlich auch selbst einen Beitrag schreiben und aktiv Kontakte suchen.“

Genau das hat auch Mike Stuchbery getan. Der 42-jährige Journalist und Englisch-Lehrer kam vor fünf Jahren aus Australien nach Stuttgart-Sillenbuch und wollte mehr einheimische, deutsche Freunde finden. Er inserierte bei „nebenan“, bot Sprachaustausch an. Erfolgreich war er aber erst, als er die Plattform nutzte, um sich über Artikel zu informieren, die zum Verkauf standen, oder über Veranstaltungen. „Erst das führte dazu, dass ich anfing, Kontakte zu knüpfen“, erzählt er.

Die App habe ihm geholfen, sich in Sillenbuch einzuleben. „Wenn ich anderen Expats einen Rat geben sollte, würde ich ihnen empfehlen, ,nebenan‘ als Tool zu nutzen, um mehr über ihren Stadtteil zu erfahren. Wenn man mit einem Nachbarn eine Veranstaltung besucht oder ihm etwas verkauft hat, ist es einfacher, ,Hallo‘ zu sagen“. Der Australier glaubt, dass dies eher „die schwäbische Art“ sei, Freunde zu finden.

Die Quizzer im Alten Schloss unterhalten sich angeregt, die Atmosphäre wirkt vertraut, wie unter guten Bekannten. Und endlich sind sie auch auf den gesuchten Namen gekommen: Baby Spice lautete der Künstlername des jüngsten Spice Girls.

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