Einsatz für den Kältebus Fellbacher Schüler helfen Obdachlosen – heiße Suppe als Weihnachtsgeschenk

Obdachlose wie Rafael verbringen auch bei Minustemperaturen die Nacht im Freien und sind für ein wenig Hilfe oft sehr dankbar (Symbolfoto). Foto: dpa

In frostigen Nächten fährt der Kältebus Stuttgart los, um Suppen und Snacks an Obdachlose zu verteilen – auch an den Feiertagen. Nun hat er auch Spenden von Fellbacher Schülern dabei.

Rems-Murr: Simone Käser (sk)

Till Claß und Leandro Incarbone haben an diesem trüben Vormittag einen ganz besonderen Job zu erledigen. Statt wie sonst üblich dem Unterricht zu lauschen, spurten die zwei 15-jährigen Schüler der Hermann-Hesse-Realschule in Fellbach (Rems-Murr-Kreis) Richtung Parkplatz und Straße, um einen ganz besonderen Kleinbus einzuweisen – den Kältebus Stuttgart, der an diesem Tag aus einem ganz speziellen Grund an der Fellbacher Schule Station macht.

 

Und der DRK-Wagen, der von Optik und Größe einem Notarzt-Einsatzwagen gleicht, biegt dann auch relativ pünktlich um die Ecke und parkt vor dem Schulhaus. An Bord: Carolin Götz und Laura Embacher. Und die zwei Frauen sind ganze schön beeindruckt davon, wie sie von den Schülern empfangen werden. Noch mehr beeindruckt sind sie wohl aber von den zahlreichen Kartons, die aufgetürmt für sie bereitstehen. Denn die Schüler der Klasse 10b hatten in den vergangenen Wochen eine ganz besondere Mission – sie haben mit ihrer Lehrerin Corinna Ferreira de Almeida beschlossen, zum Abschluss ihrer Schulzeit ein soziales Projekt zu unterstützen und die Wahl fiel auf den Kältebus des DRK Stuttgart. „Es gibt so viele Hilfsorganisationen, für die immer wieder gesammelt wird. Der Kältebus ist da nicht ganz so oft dabei, deshalb haben wir uns dafür entschieden, ihn zu unterstützen“, erklärt die Klassenlehrerin.

Die Schüler der Hermann-Hesse-Realschule sammeln für den Kältebus

Und die Schulaktion war ganz schön erfolgreich: Anhand von Spendenaufrufen in der Klassen- und Schulgemeinschaft konnten die Zehner insgesamt 86 Suppenterrinen, 80 Jacken, fünf Isomatten, drei Schlafsäcke, 70 Paar Handschuhe, 43 Mützen, 80 Stück wärmende Kleidung – fein säuberlich in Kartons verpackt und beschriftet – und oben drauf noch 520 Euro übergeben. „Gebrauchte Kleidung ist schwierig zu bekommen. Es wird alles viel zu schnell weggeworfen. Wir konnten nicht einschätzen, ob wir viel gesammelt haben bei unserer Aktion“, sagt Corinna Ferreira de Almeida.

Carolin Götz und Laura Embacher können es hingegen sehr gut einschätzen und waren baff. „Das ist eine mega coole Aktion und wir können nur danken“, sagt Carolin Götz, die als Hauptamtliche alles rund um die Einsätze des Kältebusses organisiert. Dabei wäre die 34-Jährige ohne ihr großes Team von Ehrenamtlichen aufgeschmissen. „Wir haben alles dabei: Studenten, Berufstätige, Rentner. Anfangs finden immer ein Gespräch und eine Schnupperfahrt statt. Denn es ist schon ein Ehrenamt, das einem ganz schön was abverlangt“, sagt Carolin Götz.

Bei Temperaturen um die 0 Grad fährt der Kältebus Stuttgart los

Und es klingt in der Tat anspruchsvoll und wichtig, was sie erzählt. Wenn es in Stuttgart frostig wird, macht sich der Kleinbus, ausgestattet mit einem Dreierteam sowie Snacks, heißen Suppen, Getränken und Erste-Hilfe-Koffer, auf den Weg – und zwar immer von 22 Uhr abends bis 2 Uhr morgens. „Wir fahren bekannte Bereiche sowie die Standorte, die uns gemeldet werden ab“, erklärt Carolin Götz. Dabei gehe es auch um soziale Ansprache. „Wenn jemand schläft, checken wir nur die Vitalwerte und wecken ihn nicht. Aber viele schimpfen, wenn wir uns mal verspäten, weil sie schon warten und unsere Hilfe gerne annehmen.“

Einer von denen, die da regelmäßig schon ungeduldig warten, ist Rafael, der seinen Nachnamen zwar nicht in der Zeitung lesen, aber gerne ein bisschen über sich erzählen möchte. Der 59-Jährige hat seinen Platz am Marienplatz in Stuttgart-Süd. Dort sitzt er auch an diesem Nachmittag auf einer Decke, freut sich, wenn die Leute ihm etwas Geld da lassen und will ansonsten seine Ruhe – außer eben nachts, wenn der Kältebus um die Ecke rollt. „Den kenne ich gut und habe schon oft einen Becher Suppe angenommen. Auch Decken werden da verteilt“, sagt Rafael, der bei jedem Wetter draußen lebt und immer sonntags einen Schlaftag einlegt. Dann zieht er sich an einen geheimen Platz zurück, um Kraft zu sammeln. Warum er auf der Straße lebt, möchte er nicht erzählen. Es sei einfach irgendwann alles zu viel gewesen, sagt der 59-Jährige.

Das Kältebus-Team ist extra nach Fellbach an die Hermann-Hesse-Realschule gekommen, um sich zu bedanken – und um die Kartons mit Spenden abzuholen. Foto: Gottfried Stoppel

Für Laura Embacher ist das genau der Punkt, warum sie tagsüber studiert und nachts im Kältebus fährt. „Uns geht es so gut. Wir können im Bett liegen und haben so viel. Wenn ich da vergleiche, dann treiben mich Demut und Dankbarkeit an, zu helfen. Zum Glück gibt es das Angebot.“ Und das gibt es ziemlich genau seit zwölf Jahren. Das Stuttgarter Rote Kreuz stellt seit Dezember 2013 den Kältebus. Er kommt bei eisigen Temperaturen ab etwa 0 Grad zum Einsatz und ist ein Projekt der Stadt Stuttgart und des DRK Kreisverbands Stuttgart e.V.

Der Eigenschutz der Ehrenamtlichen geht dabei immer vor. „Wenn wir nicht willkommen sind, ziehen wir uns zurück. Und bei Problemen, die über Erste Hilfe hinausgehen, rufen wir über die 112 Hilfe“, sagt Carolin Götz. Wichtig sei ein respektvoller Umgang, erklärt die 34-Jährige, klappt die Heckklappe hoch und zieht eine der Schubladen raus. Den Einbau hat sich das Team extra machen lassen, damit alles gut sortiert ist und sie nachts schnell das Richtige finden.

Während die Frauen unter anderem davon erzählen, dass sie nur einen Zuschuss von der Stadt bekämen und ansonsten auf Spenden angewiesen seien, lauschen die Zehntklässler gebannt und sind sich einig, dass sie sich die richtige Aktion ausgesucht haben: „Wir kannten das tolle Angebot vorher gar nicht“, sagt Jelena Postolov, und Rimas Alresh gibt ihr Recht und erklärt: „Wir haben auf verschiedene Weise gesammelt, mit Aufstelltafel, Flyern und einer Spendenbox.“ Das sei so eine wichtige Sache und sie würde Obdachlose jetzt viel eher wahrnehmen – Obdachlose wie Rafael, der sich immer über einen warmen Becher Suppe vom Kältebus freut.

Vielseitige Unterstützungsmöglichkeiten

Info
Weitere Informationen über den Stuttgarter Kältebus gibt es auf der Homepage unter https://www.drk-stuttgart.de/start/angebote/existenzsichernde-hilfe/kaeltebus.html Es gibt vielseitige Möglichkeiten, den Kältebus zu unterstützen. Wer beispielsweise unterwegs ist und Obdachlose sieht, kann das unter der Kältebus-Hotline unter 0711/21954776 melden. Das Team passt dann seine Route in Stuttgart an und fährt zum gemeldeten Standort, um zu helfen.

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