Ihre Lebenswege hätten sie leicht zu Feinden machen können. Maoz (gesprochen „Maos“) Inon, ein 50-jähriger Israeli, der beim Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober seine Eltern verlor. Aziz (gesprochen „Asis“) Abu Sarah, ein 45-jähriger Palästinenser, dessen Bruder nach Misshandlungen in einem israelischen Gefängnis starb, als Abu Sarah zehn Jahre alt war. Und doch sitzen sie zusammen in einer Hotellobby, an einem kühlen, wolkenverhangenen Morgen in Jerusalem, mit einer Botschaft, die man dieser Tage selten hört in der Region: Israelis und Palästinenser können ihre Feindschaft überwinden.
„Wir haben einen Zeitplan“, sagt Maoz Inon. „Bis 2030 wird es zwischen Israel und Palästina Frieden geben.“ Abu Sarah nickt dazu. Ein solcher Optimismus erscheint wagemutig, geradezu absurd: Nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 und dem Gazakrieg mit Zehntausenden Opfern sind beide Gesellschaften traumatisiert; noch immer hält die Hamas israelische Geiseln in ihrer Gewalt, der Gazastreifen liegt zu großen Teilen in Trümmern, die Waffenruhe kann jederzeit zerbrechen. Und doch zeigt das gelassene Lächeln der zwei Männer, dass sie sich ihrer Sache sicher sind.
Ziel: Gleichberechtigung, Würde und gegenseitige Anerkennung
Die beiden treten gemeinsam in Schulen und Gemeindehallen auf, sprechen vor Israelis und Palästinensern, unterstützen Hilfsinitiativen auf beiden Seiten, organisieren Friedenskonferenzen, treffen Spitzenpolitiker und Prominente wie den Papst. Abu Sarah hat Maoz Inon zum Co-Präsidenten seiner Organisation InterAct gemacht, die sich seit 2018 für Koexistenz einsetzt. Dabei fordern sie keine konkrete politische Lösung: Ob es am Ende einen Staat, zwei Staaten oder eine Konföderation gebe, sei zweitrangig, meint Abu Sarah. „Wie auch immer die Einigung am Ende aussieht, sie muss auf Gleichberechtigung, Würde und gegenseitiger Anerkennung beruhen. Und das ist die Vision, auf die wir hinarbeiten.“
Es war ausgerechnet der Hamas-Überfall, der die beiden zusammengebracht hat. Inons Eltern lebten in Netiv HaAsara, einer kleinen landwirtschaftlichen Gemeinde im Süden Israels, keine 200 Meter entfernt von der Grenze zum Gazastreifen. Am Morgen des 7. Oktobers 2023, als die Hamas bereits Raketen abfeuerte, telefonierte Maoz Inon mit seinem Vater. „Fünf Minuten später, beim Kaffeetrinken, habe ich ihn wieder angerufen“, erzählte Inon unter Tränen nur Tage nach dem Angriff in einem BBC-Interview. „Ich habe ihn nicht mehr erreicht.“ Eine Rakete hatte das Haus seiner Eltern getroffen.
Abu Sarah weigerte sich zunächst, Hebräisch zu lernen
Maoz Inon und Aziz Abu Sarah hatten sich vor dem 7. Oktober 2023 nur einmal kurz auf einem Tourismusevent getroffen. Nach dem gewaltsamen Tod seiner Eltern aber war Abu Sarah einer der Ersten, die ihm per Nachricht ihr Beileid aussprachen.
Dabei hatte der Palästinenser in seiner Kindheit gelernt, Israelis zu hassen. Aziz Abu Sarah wuchs in Ostjerusalem auf, als Jüngster von sieben Geschwistern. Seinem neun Jahre älteren Bruder Tayseer stand er besonders nah; Tayseer brachte ihn morgens zur Schule, er kümmerte sich, wenn es dort Probleme gab. Als Aziz Abu Sarah neun Jahre alt war, wurde Tayseer von israelischen Soldaten verhaftet. Den Vorwurf, er habe Steine geworfen, hält Aziz Abu Sarah für konstruiert; Polizisten hätten ihn mit Prügeln zu einem Schuldeingeständnis gezwungen. Kurz nach seiner Freilassung ein Jahr später starb Tayseer an inneren Verletzungen, laut Abu Sarah eine Folge der Polizeigewalt.
Aziz Abu Sarah schloss sich daraufhin der Jugendbewegung der säkular-nationalistischen Fatah-Partei an. Er schrieb verbotene Pamphlete gegen Israel, organisierte Proteste und mobilisierte andere Jugendliche. In seiner Schule in Ostjerusalem war Hebräisch Pflichtfach, doch Abu Sarah weigerte sich, die Sprache seiner Feinde zu lernen.
Das änderte sich nach dem Schulabschluss, als er begriff, dass er ohne Hebräisch kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt hatte. Er schrieb sich für einen Hebräischkurs ein und nahm einen Job in einer Keramikwerkstatt bei orthodoxen Juden an. „Wir saßen acht Stunden am Tag zusammen, wir hatten viel Zeit zu reden“, erinnert er sich lachend. „Ich habe von ihnen viel übers Judentum gelernt.“ Bald luden seine neuen Kollegen ihn zu den Hochzeiten ihrer Töchter und Söhne ein.
Mit Anfang zwanzig ließ Aziz Abu Sarah sich von einem Onkel überreden, ein Treffen des „Parents Circle“ zu besuchen, einer Organisation von Israelis und Palästinensern, die in dem Konflikt zwischen ihren Völkern Verwandte verloren haben. Ihr Aufruf zu gegenseitiger Empathie überzeugte Abu Sarah schnell. Er begann, sich zu engagieren, wurde bald zu einer führenden Stimme der Gruppe. Parallel dazu studierte er Tourismusmanagement und gründete 2009 zusammen mit einem jüdisch-amerikanischen Partner Mejdi Tours, einen Anbieter alternativer Exkursionen, auf denen israelische und palästinensische Tourguides die Narrative beider Seiten vorstellen.
Auch Maoz Inon nutzt Tourismus, um Brücken zu bauen. Im Jahr 2005 gründete er ein Hostel in der Altstadt von Nazareth, einer Stadt, die er bis dahin noch nie besucht hatte. Zwar ist Nazareth die größte arabische Stadt in Israel, zudem ein beliebter Besuchsort für christliche Touristen aus aller Welt. Doch viele jüdische Israelis meiden arabische Städte, sei es aus Furcht, Desinteresse oder, wie Maoz Inon meint, aus Ignoranz.
Für die Gründung des Hostels im Jahr 2005 tat Inon sich mit einer palästinensischen Familie zusammen. Er begann, in Nazareth Stadttouren für jüdische Israelis anzubieten. Und er selbst wurde, wie er erzählt, zu einem respektierten Mitglied der lokalen Gemeinschaft. Nach dem gewaltsamen Tod seiner Eltern veranstalte er zu ihren Ehren eine Trauerzeremonie in Nazareth. „Hunderte kamen: Politiker, Geschäftsleute, Markthändler, Nachbarn“, sagt er. „Meine Erfahrung in Nazareth beweist: Je niedriger die Mauern sind, desto größer ist die Sicherheit.“
Glaube an Zwei-Staaten-Lösung schwindet
Maoz Inon hat seit dem Tod seiner Eltern unzählige Interviews gegeben. Ein wenig merkt man es ihm an: Manche seiner Sätze klingen zu geschliffen, um spontan zu sein. Aziz Abu Sarah wiederum verbringt einen wesentlichen Teil seiner Zeit in North Virginia mit seiner amerikanischen Ehefrau, fern von dem Leben durchschnittlicher Palästinenser.
An ihrer Überzeugung, an ihrer Leidenschaft, eine bessere Zukunft für beide Völker zu schaffen, lassen die beiden keinen Zweifel. Dennoch bleibt die Frage, wie viele ihrer Landsleute sie mitreißen können. Die Bilder palästinensischer Zivilisten im Gazastreifen, die auf israelische Geiseln spucken oder die Särge ermordeter israelischer Kinder bejubeln, haben die Friedenshoffnungen vieler Israelis verlöschen lassen. Nur eine kleine Minderheit glaubt noch an eine Zwei-Staaten-Lösung. Auf der anderen Seite sehen viele Palästinenser den Krieg in Gaza als Genozid, der jegliche Chancen auf Koexistenz vernichtet hat. Die Mehrheit der Palästinenser hält Umfragen zufolge den bewaffneten Kampf als wirksamstes Mittel, um die israelische Besatzung zu beenden.
Aziz Abu Sarah aber hat auch eine Gegenbewegung ausgemacht: Seit dem 7. Oktober 2023, sagt er, hätten sich viele junge Menschen der Friedensbewegung angeschlossen. Letzten Herbst etwa nahm er an einem israelisch-palästinensischen Friedensmarsch teil, nahe der Stadt Jericho im Westjordanland. „Die meisten Palästinenser dort waren jünger als ich“, erzählt er, „viele neue Gesichter, die ich noch nie gesehen hatte. Für viele war der 7. Oktober ein Weckruf: Sie haben das Gefühl, etwas tun zu müssen.“
Maoz Inon gibt sich ähnlich unbeirrt. „Ein paar Tage nach dem Tod meiner Eltern hat eine Überlebende aus Netiv HaAsara mir eine Nachricht aus Berlin geschickt“, erzählt er. „Es waren noch nicht mal 80 Jahre vergangen seit der Befreiung von Auschwitz, und eine Überlebende aus Netiv HaAsara sucht Schutz in Berlin! Wenn die Deutschen und die Juden sich versöhnen können, dann können es auch Israelis und Palästinenser. Aber wir brauchen die richtigen Anführer, wir brauchen Inspiration, wir brauchen einen neuen Weg hin zu einer alternativen Zukunft. Und diesen Weg wollen Aziz und ich bahnen.“