Für die gebürtige Sächsin, die von sich selbst sagt, dass sie als Jugendliche auch wegen ihrer markanten Zahnlücke „gar nicht selbstbewusst“ war, ist ein Plan aufgegangen: mit Miss-Wahlen Sicherheit zu gewinnen. Klingt kokett, ist aber nachvollziehbar. Man glaubt ihr, wenn sie sich in jungen Jahren in Dresden als graues Mäuschen beschreibt, das irgendwann beschloss, den Schritt aus dem konservativen Elternhaus, aus der katholischen Privatschule in die Fremde nach Baden-Württemberg machen zu müssen.
Nicht nur gut aussehen
Jetzt hat die Hauptmeisterin ein wahrhaft traumhaftes Jahr hinter sich, in dem sie – zu ihrer eigenen Überraschung – sich nicht nur als Miss Baden-Württemberg fürs Kandidatinnen-Camp zur Miss Germany qualifizierte, sondern im Europa-Park Rust auch noch die Krone abräumte. Ihr kam zupass, dass sie mit 28 Jahren kurz vor dem damaligen Verfallsdatum für eine Miss-Wahl auch schon genug Lebenserfahrung hatte, um bei den Interviews abwechslungsreiche Antworten etwa zum Vermeiden von Plastik geben zu können. „Du passt super in unser neues Konzept“, bescheinigte man der Stuttgarterin damals, als das Posieren im Bikini auch schon abgeschafft war. Inzwischen geht es bei der Wahl noch weniger um den Laufsteg und noch mehr um Inhalte und die Persönlichkeit der Kandidatinnen.
Nadine Berneis trat in Talk-Runden wie „Talk am See“ (SWR) und „Riverboat“ (MDR) auf, fuhr als Botschafterin eines großen Fahrradtechnik-Herstellers beim Jedermann-Rennen der Deutschland-Tour mit, arbeitete ein halbes Dutzend mal als Model unter anderem in Portugal, trat für ihren Arbeitgeber öffentlich auf, um Frauen Tipps zu geben, wie sie im öffentlichen Raum sicher unterwegs sind. „Ich war auch mal bei einer Oldtimer-Veranstaltung, bei der ich nur zwei Minuten befragt wurde und dann nur noch Fotos mit Besuchern machen sollte“, räumt Berneis ein. Aber diese Auftritte als schmückendes Beiwerk seien doch eher die Ausnahme gewesen.
Nur eine Beleidigung – im Internet
Ob es auch mal unerfreulich geworden ist? „Einmal hat ein Veranstaltungsbesucher gesagt ,Hey Teenie, komm’ mal her und lass uns `n Foto machen“, erinnert sich Berneis. Aber den habe sie dann gleich zurecht gewiesen und gut war’s. In den sozialen Netzwerken beleidigte ein Kritiker sie ausgerechnet in einem Kanal der Polizei so heftig, dass die zuständigen Beamten ihn wegen Beleidigung anzeigten. Sexistisch sei sie aber nie beleidigt worden, wie auch schon früher als Streifenpolizistin nicht, so Nadine Berneis.
Das Jahr verging wie im Flug und sie hätte auch gerne noch ein bisschen drangehängt. Andererseits, so Berneis, „ist das ist schon anstrengend. Alle erwarten, dass man perfekt aussieht, immer gute Laune hat. Das ist schon Druck, und vom Privatleben bleibt weniger.“ Ihr Partner sei jedenfalls „froh, dass wir wieder einen normalen Alltag haben“, sagt die Polizistin.
Kommissarin werden wär’ nicht schlecht
Das ist Nadine Berneis auch, weil sie gleich nach der jüngsten Miss-Germany-Wahl, bei der sie ihrer Nachfolgerin Leonie von Hase die Krone aufsetzte, einen Anruf vom Landeskriminalamt erhielt. Anstatt wie bisher Internetkriminelle zu ermitteln, sollte sie künftig dauerhaft Präventionsarbeit betreiben, also Menschen erklären, wie sie nicht in bestimmte heikle Situationen kommen. Das gefiel ihr. „Cyber-Kriminelle zu ermitteln, ist schwierig, weil die oft im Ausland sitzen“, benennt Berneis einen Quell für Frust im alten Job, „wir haben zwar Anzeigen geschrieben, aber die Verfahren wurden oft eingestellt“. Nun soll sie Konzepte entwickeln und darf bei Veranstaltungen für vorausschauendes Verhalten werben. Da geht es um die Themen häusliche Gewalt, aggressive Sprache im Netz und unseriöse Handwerksdienstleistungen.
Die passionierte Radfahrerin, die im April 30 wird, lieber essen geht als in einen Club, wenig Alkohol trinkt und viel schläft, will weitermachen. Sich für die gehobene Laufbahn bewerben und mit einem Studium Kommissarin werden. Wie schon vor den Miss-Wahlen auch weiterhin Aufträge als Model annehmen. Irgendwann will sie mit ihrem Partner, ein Vorstandsfahrer eines internationalen Konzerns, Kinder bekommen. Doch jetzt startet sie erst einmal im Landeskriminalamt durch – mit starker Präsenz in der Präventionsarbeit.