Untersuchung vor Einschulung in Stuttgart Jedes vierte Kind kann nicht hüpfen

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Sieben Hüpfer auf einem Bein und einen Satz nachsprechen – das sollte ein Vorschulkind können. Doch immer mehr Kinder in Stuttgart schaffen das bei der Einschulungsuntersuchung nicht.

Bei der Vorstellung des Bewegungspasses im Sportpark Feuerbach zeigten die Kinder ihre Können. Doch nicht alle Kinder sind motorisch fit, das zeigen die Einschulungsuntersuchungen. Foto: Lg/Zweygarth
Bei der Vorstellung des Bewegungspasses im Sportpark Feuerbach zeigten die Kinder ihre Können. Doch nicht alle Kinder sind motorisch fit, das zeigen die Einschulungsuntersuchungen. Foto: Lg/Zweygarth

Stuttgart - Sieben Hüpfer auf einem Bein und einen Satz nachsprechen – das sollte ein Vorschulkind können. Doch in beiden Bereichen steigt in Stuttgart die Zahl der Kinder mit Förderbedarf. Das zeigen die Ergebnisse der Einschulungsuntersuchungen (ESU) bei Kindergartenkindern. Ob die bisherigen Maßnahmen ausreichen, darüber soll im nächsten Jahr in der Stadtverwaltung, aber auch mit Bürgern diskutiert werden. Das Gesundheitsamt sieht bei den Testergebnissen „keinen besorgniserregenden Befund“. Die frühere Olympiateilnehmerin und Leichtathletin Birgit Hamann weist hingegen in einer Studie nach, dass sich die Sprintkraft und Schnelligkeit von Grundschulkindern in den vergangenen zehn Jahren deutlich verschlechtert hat.

Seit 2009 werden die Einschulungsuntersuchungen bereits bei Kindergartenkindern im Alter zwischen vier und fünf Jahren gemacht. Sie sind für alle Kinder verpflichtend. Vergleicht man die aktuellen Ergebnisse mit früheren, so fallen vor allem zwei Bereiche auf: Sprachstand und Motorik. Der Anteil der Stuttgarter Kinder, denen eine intensive professionelle Sprachförderung empfohlen wird, ist laut Gesundheitsamt wieder gestiegen: von 25,8 Prozent im Jahr 2010 auf aktuell 34 Prozent (Landesdurchschnitt: 28 Prozent). Diesen Kindern fällt es schwer, Sätze nachzusprechen. Rechnet man die 13 Prozent der Kinder dazu, denen der Arzt „nur“ eine Sprachförderung durch die Eltern daheim oder in der Kita empfohlen hat, landet man bei einem aktuellen Anteil von 47 Prozent (Land: 36 Prozent) aller Kinder, die sprachlich noch aufholen müssen. Vor zwei Jahren waren es insgesamt „nur“ 41 Prozent. Allerdings weist das Gesundheitsamt darauf hin, dass derzeit weniger als die Hälfte aller Kinder nur mit der Muttersprache Deutsch aufwächst.

Gesundheitsamt rät Eltern, mit Kindern „stille Post“ und Teekesselraten zu spielen

Wie Eltern ihre Kinder in puncto Sprache unterstützen können, steht auch in einer Broschüre vom Gesundheitsamt. Dort findet sich folgender Hinweis: „Achtung: Fernsehen ersetzt keine Sprachförderung. Übermäßiger Fernsehkonsum kann die Sprachentwicklung eines Kindes verzögern. Wirkungsvoller ist das aktive Sprechen.“ Letzteres empfiehlt auch Stefan Ehehalt, der Leiter der Abteilung Kinder- und Jugendgesundheit im Gesundheitsamt: Es sei besser, „stille Post“ zu spielen, den Kindern etwas vorzulesen oder gemeinsam Bilderbücher anzuschauen, aber auch, das Kind erzählen zu lassen, was es in der Kita erlebt habe. Laut Broschüre könnten auch Teekesselraten oder Zungenbrecher Spaß machen. Zum Beispiel der: „Zwischen zwei Zwetschgenbäumen zwitschern zwei Schwalben.“

Sieben Mal auf einem Bein zu hüpfen, das gelang im Jahr 2009 nur 19 Prozent der untersuchten Kinder nicht. Aktuell scheiterten 28 Prozent der Fünfjährigen daran – damit liegt Stuttgart etwa im Landesschnitt (27 Prozent). Stefan Ehehalt sieht diese Entwicklung eher gelassen. „Das ist noch im Bereich des Normalen“, sagt er. „Das können auch sehr fitte Kinder sein“, erklärt er. Manchmal erwische man sie einfach nur auf dem falschen Fuß. Doch Hüpfen könne man „ganz einfach üben“. Natürlich müssten die Eltern entsprechend beraten und die Kinder motiviert werden. Dies geschehe derzeit etwa über den Bewegungspass, der zum Kitafit-Programm gehört. Dabei sollen die Kinder die Bewegungen von Tieren nachmachen, sich wie eine Schlange schlängeln, wie ein Känguru hüpfen oder wie ein Affe klettern.

Viele Kinder sind laut Sprint-Expertin zu dick, zu langsam, zu unkoordiniert

Wie schnell können Grundschüler auf 20 Meter laufen? Das hat die frühere Leistungssportlerin Birgit Hamann untersucht, die jetzt in Sindelfingen eine Leichtathletikschule führt. Sie hat bei ihren je 2000 Messungen im Jahr 2005 und im Jahr 2015 Erschreckendes festgestellt: Die Kinder seien um gut ein Zehntel schlechter geworden, teils sogar um 1,5 Zehntel. „Das ist viel auf 20 Meter“, sagt sie. „Auch die Werte in der Spitze sind nicht mehr so schnell wie vor zehn Jahren.“ Und rund 20 Prozent der gemessenen Grundschüler seien „im negativen Sinn sehr bewegungsauffällig“. So könnten diese keinen schnellen Laufschritt ausführen, liefen unkoordiniert, hätten Probleme, geradeaus zu laufen und würden zum Teil durch ihre Fettleibigkeit behindert. „Viele Kinder können nur unter Aufbietung höchster Konzentration rückwärts laufen“, sagt die Sportlerin, zudem hätten sie „eine stark mangelhafte Beschleunigungsfähigkeit“.

Doch all dies wird bei Kindern nicht regelmäßig erhoben. Nicht hüpfen zu können sei ja „ein relativ weicher Befund“, sagt Ehehalt, deshalb würden diese Kinder „routinemäßig nicht wieder einbestellt“. Und Sprintqualitäten werden bei der ESU ohnehin nicht erhoben. „Es reicht aus unserer Sicht aus, wenn man die Familien berät“, so Ehehalt.

In einzelnen Stadtteilen ist der Förderbedarf der Kitakinder besonders hoch

In den kommunalen Gremien sind diese Detailergebnisse bisher nicht vorgestellt worden. Im Kindergesundheitsbericht finden sich allerdings wichtige Hinweise auf weitere Auffälligkeiten: Besonders hoch ist demnach der motorische Förderbedarf der Kitakinder in zehn Stadtteilen, sechs davon liegen in Bad Cannstatt. Der größte Sprachförderbedarf wurde bei Kindern in nordöstlichen Stadtbezirken festgestellt (Zuffenhausen, Wangen, Münster, Mühlhausen, Bad Cannstatt, Nord, Ost, Hedelfingen), aber auch in einzelnen Stadtteilen im Süden und Westen (Vaihingen, Birkach, Botnang). Ehehalt kündigt an: „Wir gehen jetzt mit den Experten ins Gespräch und diskutieren über eventuelle Konsequenzen.“ Im nächsten Jahr spreche man darüber in den Bezirken und in der Stadtverwaltung, aber auch mit den Bürgern. Ein genauer Zeitplan stehe noch nicht fest.

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