Elektrokonvulsionstherapie: Unter Narkose wird das Gehirn des Patienten mit Strom stimuliert. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle
Was tun, wenn ein Patient in einer schweren Depression steckt, sogar suizidal ist, aber kein Medikament anschlägt? Elektrokonvulsionstherapie (EKT) kann helfen.
Gerda Storz plaudert ungezwungen und munter über die zurückliegenden Jahre. „Inzwischen geht es mir gut“, sagt die 81-Jährige. Wäre nicht das Wort „inzwischen“, man könnte die helle Stimmlage als Ausdruck eines unbeschwerten Lebensabends deuten. Das aber wäre so unzutreffend wie die düstere Sicht auf ihr Leben, der Gerda Storz selbst lange anhing.
Vor zehn Jahren ereilte die Rentnerin eine Depression. Die Seniorin, die in einer Altenwohnanlage im Landkreis Esslingen lebt und anders heißt, musste schon damals in Behandlung. Richtig schlimm wurde die Erkrankung im vergangenen Jahr. Nachdem sie eine größere Menge Tabletten eines Psychopharmakons eingenommen hatte, kam sie ins Zentrum für seelische Gesundheit des Klinikums Stuttgart nach Bad Cannstatt.
Elektrokonvulsionstherapie – die schnelle Intervention
„Es ging mir wirklich mies“, sagt Gerda Storz heute. Gedrückt und geplagt von wahnhaften Schuldgedanken und Ängsten, starr und teilnahmslos, befand sie sich nun in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie für Älter. Nur wurde ihr stuporöser Zustand, wie der im Fachjargon heißt, zunächst nicht besser. Die antidepressiven Medikamente schlugen nicht an, zeigten aber erhebliche Nebenwirkungen.
In dieser kritischen Lage schlug Christine Thomas, die Ärztliche Direktorin der Klinik, der Patientin die Anwendung der Elektrokonvulsionstherapie (EKT) vor. Die lange auch Elektrokrampftherapie genannte und als Elektroschockbehandlung verunglimpfte Methode ist für die Psychiaterin und Neurologin das Mittel der Wahl bei therapieresistenten schweren Depressionen.
Die Patienten erhalten bei dem neurostimulatorischen Verfahren eine kurze Narkose, währenddessen ihr Gehirn über Elektroden an den Schläfen leichten Stromreizen ausgesetzt wird. Damit es dabei nicht zu Verkrampfungen im Körper kommt, wird den Patienten zur Entspannung ein Muskelrelaxans verabreicht, die Atmung mit einer Sauerstoffmaske unterstützt. Das Gehirn wird wenige Sekunden stimuliert, was einen „Krampfanfall ausgelöst“, den dieses nach etwa 30 Sekunden selbst beende, sagt Christine Thomas, die lange als Epileptologin gearbeitet hat. Der Vorgang wird, wie die natürlichen elektrischen Aktivitäten des Gehirns, per EEG überwacht.
Durch die Stimulation werden Botenstoffe im Gehirn freigesetzt. „Das Gehirn badet in Neurotransmittern“, beschreibt Psychiaterin Thomas den Prozess. Dies regt das Wachstum der Nervenzellverbindungen und die Vernetzung des Gehirns an. Eine Behandlung besteht zumeist aus zehn bis zwölf Einzelsitzungen, zwei- bis dreimal in der Woche, sie dauern jeweils nicht länger als fünf Minuten. Auf diese Weise verbessere sich die Depression Schritt für Schritt, in der Regel schon nach drei Sitzungen.
Einige Sekunden wird das Gehirn des Patienten elektrischen Impulsen ausgesetzt. Foto: picture alliance
Bei Gerda Storz reichten sechs Behandlung für eine spürbare Veränderung. „Es ging mir immer besser“, erinnert sie sich an die Therapie. „Das hat mir in der Situation geholfen.“ Was nicht heißt, dass ihre Depression von einem Tag auf den anderen verflogen wäre. Aber ihr Zustand war wieder so, dass sie einer Psychotherapie, der Behandlung mit Medikamenten und dem ganzen Programm von der Entspannungsübung über die Gruppengymnastik bis zum Kreativangebot überhaupt zugänglich war.
Trotz der Kürze ihrer EKT-Behandlung erlebte die heute 81-Jährige eine gewisse Zeit Nebenwirkungen. „Mein Kurzzeitgedächtnis war beeinträchtigt“, erinnert sich die Seniorin. Was während der Behandlungsphase geschah, von wem sie damals Besuch bekommen hatte, war wie weggeblasen, das alles musste sie sich danach erst wieder „ins Gedächtnis rufen“, erzählt sie. Die Amnesie beschränkte sich aber auf die Behandlungszeit. „Jetzt habe ich das nicht mehr“, sagt sie. Zeitweise können bei Patienten auch Kopfschmerzen auftreten, oder Übelkeit, selten Muskelschmerzen, Verwirrtheit.
„Die Kurzzeitgedächtnisstörung normalisiert sich vollständig innerhalb von sechs Wochen“, erklärt Christine Thomas. Auch demenzielle Erkrankungen oder ein Delir (Zustand von Verwirrtheit) nach Narkose trete normalerweise nicht auf durch EKT. „Ich behandle damit Patienten bis über 90 Jahre mit Erfolg“, sagt die Neurologin. Selbst bei langen und mehrfachen Behandlungsserien träten „keine Schädigungen“ auf. Im Gegenteil: Studien zeigten, dass nach einer Elektrokrampftherapie jene Hirnareale im Hypocampus, die durch die Stimulation angeregt werden und bei depressiven Patienten eher schwach ausgebildet sind, „wieder dicker werden“, betont die Ärztin. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) stellte unlängst in einem Grundsatzpapier zur EKT fest, man könne im Gehirn „einen Zuwachs an grauer Substanz unter der Behandlung nachweisen“.
Die geringen Nebenwirkung stehen für Psychiaterin Thomas in keinem Verhältnis zu den Erfolgen der Therapie. „Die Menschen profitieren“, das ist für die Ärztin keine Frage. Man erreiche „einen Wirkungsgrad bis zu 80 Prozent“ bei den betreffenden Patienten. „Das schaffen wir mit einem Medikament nie.“ Deren Effekt setzt oft erst so richtig nach zwei, drei Wochen ein. Aber gerade bei Betroffenen, die sehr stark leiden und die suizidgefährdet sind, sei es wichtig, schnell einzugreifen.
Psychiaterin und Neurologin: Christine Thomas ist von der EKT-Methode überzeugt. Foto: Klinikum Stuttgart / Thomas Rautenberg
Die guten Ergebnisse der Elektrostimulation seien längst „wissenschaftlich belegt“, betont Christine Thomas. Ganz besonders bei älteren Patienten. Das gilt nicht nur für schwere Depressionen und insbesondere für jene mit psychotischen Symptomen, auch bestimmte Formen von Schizophrenie lassen sich mit EKT gut behandeln. Dennoch stellte die DGPPN in ihrem Papier fest, es bestehe darüber selbst „in der Fachwelt häufig noch Informationsbedarf“. Im Vergleich mit anderen Industrienationen liege Deutschland „in der Versorgung mit EKT noch zurück“. Zwar stiegen die Anwendungen, aber nach wie vor „bietet nur etwa die Hälfte der psychiatrischen Kliniken das Therapieverfahren an“.
Im städtischen Klinikum wurden im vergangenen Jahr in der Allgemeinpsychiatrie 19 Patientinnen und Patienten (zehn Männer und neun Frauen) in insgesamt 228 Sitzungen mit EKT behandelt (rund elf pro Fall). Das sind bei insgesamt 1944 Patienten ein Prozent der Fälle. In der Gerontopsychiatrie waren es 12 Personen (zwei Männer, zehn Frauen) mit insgesamt 163 Behandlungen. Bei den älteren, insgesamt 615 Patienten waren es also knapp 2,4 Prozent der Fälle. Zu 90 Prozent handele es sich dabei um Personen mit schweren Depressionen, die „etwa ein Drittel unserer Patienten ausmachen“, sagt Christine Thomas.
Elektrokonvulsionstherapie wird noch zu wenig eingesetzt
Sie ist mit diesen Ergebnissen nicht zufrieden. „Es sollten mindestens doppelt so viele Patienten sein“, sagt die Psychiaterin über die Zahl der EKT-Behandlungen. Nur: „Etwa die Hälfte der Patienten lehnt die EKT aus eher weltanschaulichen Gründen oder aus diffusen Ängsten ab“, muss die Medizinerin immer wieder feststellen. Vor allem hätten viele im Alter Angst vor Narkosen und vor kognitiver Verschlechterung. Hier will man im Zentrum für seelische Gesundheit (ZSG) bei den Patienten mehr Aufklärung leisten. Im Frühjahr wurde eine spezielle Sektion ZSG-Neurologie und Neurostimulation eingerichtet.
Gerda Storz ist auch heute nicht befreit von den Schatten ihrer Depression. Sie nimmt weiter Medikamente und ist in Behandlung. „Mir geht es seither gut“, sagt die 81-Jährige. „Je nach Lebenssituation kann man aber schnell wieder in ein tiefes Loch fallen.“ Auch wenn sie hofft, nie mehr in die Lage zu kommen: Falls nötig, würde sie sich wieder für eine Intervention mit Elektrostimulation entscheiden.
Geschichte und Kritik
Geschichte Die positive Wechselwirkung von Krampfanfällen und schweren psychischen Erkrankungen ist schon seit den 1920er und 1930er Jahren bekannt durch die Forschungen des ungarischen Psychiaters Ladislas Meduna und der italienischen Neurologen Ugo Cerletti und Lucio Bini. In den Anfangsjahren betrachtete man die „Elektroschock“-Therapie als großen Fortschritt.
Kritik Das änderte sich in den 1970er Jahren mit der begründeten Aufarbeiten der dunklen Seiten der früheren Nervenheilanstalten hin zu einer humanen und modernen Psychiatrie. Selbst heute noch seien Fachkongresse regelmäßig „von Anti-EKT-Demonstrationen begleitet“, erzählt Christine Thomas. Obwohl die Elektrokonvulsionstherapie über die Jahrzehnte zu einer modernen Therapieform entwickelt wurde. Thomas: „Für Ärzte ist das längst keine Diskussion mehr.“
Film Einen künstlerischen Ausdruck fand diese psychiatriekritische Haltung in dem Spielfilm „Einer flog übers Kuckucksnest“ von Miloš Forman aus dem Jahr 1975. Darin verkörpert Jack Nicholson den aufsässigen Randle McMurphy, der in der geschlossenen Männerstation einer psychiatrischen Anstalt seine Erkrankung nur vortäuscht. Im Laufe der Handlung wird er als Strafmaßnahme unter anderem brutalen Elektroschocks ausgesetzt. Der Film gehört bis heute zu den erfolgreichsten Werken der US-Filmgeschichte und erhielt bei der Oscar-Verleihung 1976 die fünf wichtigsten Hauptpreise. ury
Weitere Artikel zum Thema Gesundheit finden Sie hier.