„Die Würde des Alters wahren“: Martina Rudolph-Zeller, Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge in Stuttgart, und Dietmar Merz, Geschäftsführender Direktor der Evangelischen Akademie Bad Boll. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko, Evangelische Akademie Bad Boll
Die Zahl der assistierten Suizide steigt und auch die Anfragen danach. Martina Rudolph-Zeller von der Telefonseelsorge und der Theologe Dietmar Merz fordern mehr Regulierung.
Das Thema Suizid brennt Martina Rudolph-Zeller „unter den Nägeln“. Die Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge in Stuttgart registriert vermehrt Anrufer, die wissen wollen, wie und wo man sein Leben am besten beenden kann. Dietmar Merz, geschäftsführender Direktor der Evangelischen Akademie Bad Boll, der auch in der Suizidforschung tätig ist, bestätigt diesen Trend.
Frau Rudolph-Zeller, das Thema assistierter Suizid scheint eine wachsende Bedeutung zu bekommen. Wie begegnet Ihnen das in Ihrer Beratungsstelle?
Rudolph-Zeller: Bei uns taucht das Thema verstärkt auf – auch durch den Freitod der Kessler-Zwillinge, der medial große Aufmerksamkeit erfahren hat. Bei uns melden sich Menschen, die sagen: „Ihr kennt Euch da doch aus. An wen kann ich mich wenden? Wer macht das?“ Das klingt nicht zweifelnd, sondern sehr konkret und sehr entschlossen. Diesen Anrufern geht es nicht darum, Gründe zu erörtern und Auswege zu suchen. Sie wollen eine sichere, schnelle und schmerzlose Methode, um aus dem Leben zu gehen.
Können Sie einen Fall schildern?
Rudolph-Zeller: Ein älterer Herr, Witwer, hat sich gemeldet. Seine Kinder wollten sich ein Haus bauen. Er sei alt, und es wäre gut, wenn sie das Erbe hätten, ehe er vielleicht ins teure Pflegeheim müsse. Oder die Tochter einer älteren Dame mit fast 90, die an Depressionen litt, sie aber nicht behandeln lassen wollte und sich für einen assistierten Suizid entschied. Ihren Kindern hinterließ sie einen Brief: „Ihr habt Euch nie um mich gekümmert, deshalb bin ich jetzt den Weg gegangen.“ Und die Schuldgefühle sind jetzt natürlich groß.
Was antwortet man da drauf?
Rudolph-Zeller: Wir geben selbstverständlich keine konkreten Hinweise zum assistierten Suizid. Dafür sind wir nicht da. Wir versuchen trotzdem, ins Gespräch zu kommen – so schwer das dann auch ist. Ich finde das ein großes moralisches Thema: Was entsteht da bei älteren Menschen? Welcher Druck lastet auf ihnen? Was ist unsere Einstellung zum Tod und zum Suizid? Nach meiner Beobachtung verändern sich die Einstellungen gerade fulminant.
Herr Merz, beobachten Sie das auch?
Dietmar Merz: Ja, das kann ich bestätigen. Durch die Intervention des Bundesverfassungsgerichts, das 2020 den Versuch des Gesetzgebers kippte, über eine Verschärfung des Paragrafen 217 des Strafgesetzbuchs kommerziellen Anbietern den Zugang zu versperren, hat sich die Lage grundsätzlich geändert. Seitdem haben wir einen unregulierten Raum. Vor zwei Jahren ist der Versuch gescheitert, ein Sterbehilfegesetz zu verabschieden. Laut einer parlamentarischen Anfrage gab es statistisch gesehen 2023 jeden Tag einen assistierten Suizid. Seitdem dürften sich die Zahlen verzehnfacht haben.
Merz: Es gibt den unregulierten Raum, ein starkes Wachstum auf Anbieterseite, und es gibt auch eine zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz für den assistierten Suizid. Populäre Fälle wie der der Kessler-Zwillinge tragen dazu bei. Und einige Medien stellen dies als schönen Weg zum Sterben dar. Vergessen wird die andere Seite – das problematische Signal, das damit in die Gesellschaft hinein gesendet wird. Es entsteht der Eindruck, als sei Suizid etwas Optionales und könnte gar gegen Pflegekosten aufgerechnet werden. Dadurch geraten speziell vulnerable Gruppen unter Druck.
Sie halten das Karlsruher Urteil für problematisch, Herr Merz. Warum?
Merz: Die Karlsruher Richter haben dezidiert das Selbstbestimmungsrecht hervorgehoben. Das Recht auf selbstbestimmtes Sterben darf nicht auf fremddefinierte Situationen beschränkt werden, heißt es in dem Urteil. Damit wird eine Situation, die im Grunde eine Ultima Ratio darstellt, generalisiert und komplett individualisiert. Wir haben uns mit diesem Urteil an die Spitze der Sterbehilfsgesetzgebung der Welt katapultiert. Nirgendwo gibt es eine liberalere Regelung. Ob in Oregon/USA, den Niederlanden oder der Schweiz – überall ist der assistierte Suizid an Bedingungen oder eine bestimmte Lebenssituation gebunden, wie unzumutbares Leiden, finale Erkrankung etc. Bei uns gilt: Wenn jemand sagt, mein Dasein entspricht nicht mehr dem, was ich mir an Lebensqualität vorstelle, oder: Ich sehe die Sinnhaftigkeit meiner Existenz nicht mehr, dann ist das zu respektieren. Lebenssattheit als Grund, mit Hilfe anderer aus dem Leben zu scheiden, genügt bei uns als Grund.
Die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zum Thema Sterbehilfe ist umstritten. Foto: dpa/Uli Deck
Das Karlsruher Urteil enthält doch aber auch Hinweise auf Sorgfaltspflichten?
Merz: Die Vorgaben, die Karlsruhe macht, sind nicht auf den Fall bezogen, nur auf das Verfahren an sich: Die freie Willensäußerung muss gewährleistet sein, es darf keine Einflussnahme erfolgen, es muss über Handlungsalternativen informiert werden und der Entschluss muss dauerhaft und fest sein. Solange das nicht über ein Gesetz geregelt ist, ist man darauf angewiesen, dass sich die Organisationen an ihre Statuten halten, in denen sie all dieses versichern. Auch, dass die Tatherrschaft beim Betroffenen liegt, es Zeugen gibt und ein ärztliches Gutachten vorliegt.
Halten sich die Anbieter daran?
Merz: Ich denke, die machen das schon. Schon aus Eigeninteresse und um nicht in die Schlagzeilen zu kommen. Trotzdem sollte man sich nicht auf die Selbstregulation der Anbieter verlassen. Es braucht ein standardisiertes Verfahren, das der Staat vorgibt und das er auch kontrolliert.
Was bemängeln Sie noch?
Merz: An- und Zugehörige tauchen im Karlsruher Urteil viel zu wenig auf. Wir wissen aus der Suizidforschung, dass das immer ein Drama ist. Das macht was mit den Menschen. Das Idealbild, das Karlsruhe vor Augen hat, entspricht auch nicht der Realität: 85 Prozent der Suizide beruhen nicht auf freiem Willen, sondern sind überlagert durch Lebenskrisen. Deswegen wollte man 2023 parallel zum Sterbehilfegesetz auch ein Suizidpräventionsgesetz machen. Das wurde zwar auf den Weg gebracht, fiel dann aber dem Bruch der Koalition zum Opfer. Erst jetzt ist man dran, das wieder aufzugreifen. Das ist auch dringend notwendig, denn die Suizidprävention lässt stark zu wünschen übrig. Es gibt zu wenige Anlaufstellen für psychische Notlagen und man muss lange auf Therapiestunden warten – gerade im Kinder- und Jugendbereich.
Warum kam es bisher noch zu keiner gesetzlichen Regelung?
Merz: Die Gesetzentwürfe haben 2023 keine parlamentarische Mehrheit gefunden. Deshalb gilt der Paragraf 217 wieder in seiner ursprünglichen Form – die keine Einschränkung für kommerzielle Anbieter enthält. Das Thema ist hinten runtergefallen; man hat wohl gedacht, wenn man beim Bundesamt für Arzneimittel und Medizintechnik beim Mittel der Wahl die Hand draufhält, dann genügt das. Das ist natürlich nicht so. Man muss aber klar sagen: Es ist keine einfache Situation für den Gesetzgeber. Auf der Grundlage des Karlsruher Urteils muss er eine Regelung finden, die einerseits einen legalen Zugang eröffnet und andererseits Missbrauch wehrt.
Rudolph-Zeller: Unabhängig von der Gesetzgebung fehlt es an Akzeptanz, dass auch Krisen zum Leben gehören. Und dass auch das Alter einen Wert hat – im Sinne von Würde und Lebenserfahrung. Stattdessen gibt es die Tendenz, zu sagen: Die Alten müssen weg. Das widerspricht zutiefst meinem Bild vom Leben und vom Menschsein.
Ist das auch Ihr Eindruck?
Merz: Ja, da schleicht sich was ein. Die Schnabel-Kommission in den Niederlanden, vergleichbar mit dem Deutschen Ethikrat, kommt zu dem Schluss, assistierter Suizid habe Folgen für die Gesellschaft mit dem Effekt, dass die negative Sicht auf ältere Menschen befördert wird. Ich halte das für sehr bedenkenswert. Ich kann auch beim besten Willen nicht in die Euphorie einstimmen, die assistierten Suizid als letzten Schritt von Emanzipation und Selbstverwirklichung versteht. Dem liegt ein Autonomiebegriff zugrunde, der einfach so nicht stimmt. Wir leben immer in Beziehungen zu anderen Menschen; man trifft nie Entscheidungen nur für sich.
Sie haben suizidale Gedanken? Hier wird Ihnen geholfen
Wenn Sie selbst unter Depressionen leiden oder Suizidgedanken haben, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge. Auch wenn eine nahestehende Person betroffen ist, zögern Sie nicht, die Telefonseelsorge zu kontaktieren. Telefonnummer: 0800 1110 111
Hilfe für Betroffene und Angehörige
Es ist wichtig, dass Eltern, Verwandte und Freunde besonders aufmerksam sind, wenn bei Kindern oder Jugendlichen Anzeichen von Depressionen oder Suizidgefahr auftreten. Im Jahr 2023 war Suizid die häufigste Todesursache bei jungen Menschen im Alter von 10 bis 25 Jahren.
Kinder und Jugendtelefon: 116 111 (Montag bis samstags 14 bis 20 Uhr)
Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidprophylaxe.de/
Zur Person
Martina Rudolph-Zeller wurde 1963 in Stuttgart geboren. Sie ist ausgebildete Erzieherin und Diplom-Sozialpädagogin. 25 Jahre lang arbeitete sie therapeutisch an einer Beratungsstelle für Familien und Jugendliche in Schorndorf. Die von ihr geleitete Telefonseelsorge Stuttgart e.V. wurde 1960 von Pfarrer Otto Kehr, gegründet; die Stuttgarter Stelle war bundesweit Vorreiter. Bis heute spielen Ehrenamtliche – aktuell 115 – hier die tragende Rolle. Nähere Infos zur Telefonseelsorge gibt es unter: www.telefonseelsorge-stuttgart.de
Dietmar Merz wurde 1963 in Geislingen geboren. Er studierte Evangelische Theologie in Heidelberg, Bern und Tübingen. Anschließend promovierte er beim Diakoniewissenschaftlichen Institut in Heidelberg über „Das Evangelische Hilfswerk in Württemberg“. Von 2001 bis 2007 war er geschäftsführender Pfarrer der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde Waiblingen. Von 2008 bis 2014 war er als leitender Dozent für DiakonInnenausbildung und war als Leiter des Geschäftsbereiches Diakonische Bildung an der Stiftung Karlshöhe Ludwigsburg tätig. Als Studienleiter war er an der Evangelischen Akademie Bad Boll und am Evangelischen Pfarrseminar Stuttgart-Birkach tätig. Derzeit ist Dietmar Merz Geschäftsführender Direktor der Evangelischen Akademie Bad Boll. red