Einwanderungsgeschichte Der Gastarbeiter mit dem Moped
Deutschland war früher schon Einwanderungsland, als es die meisten wahrhaben wollten. Vor 60 Jahren wurde der einmillionste Gastarbeiter willkommen geheißen. Er wurde zu einer Ikone.
Deutschland war früher schon Einwanderungsland, als es die meisten wahrhaben wollten. Vor 60 Jahren wurde der einmillionste Gastarbeiter willkommen geheißen. Er wurde zu einer Ikone.
Die Hoffnung verwandelt sich für einen Moment in schiere Angst, als Armando Rodrigues de Sá das Ziel seiner Träume erreicht. Das ist die Bahnstation im Kölner Vorort Deutz. Nach 80 Stunden Fahrt steigt der 38 Jahre alte Zimmermann aus seinem Zug, mit dem er und weitere 1102 Arbeitskräfte von der iberischen Halbinsel nach Deutschland gereist sind. 173 von ihnen kommen 1964 wie de Sá aus Portugal. Sie werden mit Beifall und wehenden Fahnen empfangen. Eine Blaskapelle schmettert ein Lied aus der Oper „Carmen“, das durch den Schlagersänger Heino populär geworden ist: „Auf in den Kampf, Torero!“
Die als Aufmunterung gedachte Willkommenshymne verpufft, als auf dem Bahnsteig der Name des Portugiesen ausgerufen wird. Sobald er ihn hört, fürchtet er, wieder nach Hause zurückgeschickt oder gar an die heimische Geheimpolizei ausgeliefert zu werden, wie es 24 seiner Landsleute an der Grenze ergangen war. Portugal ist zu dieser Zeit eine Diktatur. Steif, mit verlegener Miene, übernächtigt und unrasiert tritt de Sá vor. Sein schlichter Arbeitsanzug, den er seit drei Tagen trägt, ist verschwitzt und zerknittert. Blitzlichter der Kameras blenden ihn. In dem Moment wird Armando Rodrigues de Sá berühmt, obwohl ihn keiner kennt.
Es ist der 10. September 1964. Der Portugiese wird am Bahnhof Deutz als einmillionster Gastarbeiter in Deutschland willkommen geheißen. Man überreicht ihm einen Nelkenstrauß. De Sá bekommt zudem ein Moped geschenkt: eine „Sport Combinette“ der Marke Zündapp: 2,6 PS, 40 Stundenkilometer in der Spitze. Doch der Zimmermann hat gar keinen Führerschein. Das Foto mit ihm und dem Moped wird gleichwohl zu einer Ikone, zum Symbol einer Ära – Sinnbild für die deutsche Einwanderungsgeschichte. Die werbewirksame Aktion soll weitere Menschen wie de Sá nach Deutschland locken – Arbeitsmigranten.
Mit dem Wirtschaftswunder der 1950er Jahre waren die Mitarbeiter in den Fabriken und auf den Baustellen der Bundesrepublik knapp geworden. 1955 hatte die Regierung von Konrad Adenauer (CDU) ein Anwerbe-Abkommen mit Italien geschlossen, um neue Arbeitskräfte zu gewinnen. Es folgten weitere. Von 1961 an kamen in großer Zahl Türken, seit 1964 auch Gastarbeiter aus Portugal – Leute wie Armando Rodrigues de Sá. Bis 1973 waren es 14 Millionen. Da verhängte die sozialdemokratisch geführte Bundesregierung wegen der Ölkrise einen Anwerbestopp. Die meisten Gastarbeiter, an die zwölf Millionen, kehrten nach und nach wieder in ihre Heimat zurück. Auch de Sá.
Doch bis dahin ist es Mitte der 1960er Jahre noch lange hin. Für den Portugiesen wird Deutschland zum „Land des Geldes“. So berichtet er es der Heimat: Zwei bis drei Briefe schickt er jede Woche an seine Frau, die mit ihren zwei Kindern zuhause in dem Dorf Vale de Madeiros geblieben ist. Es liegt in der Weinbauregion Dao. Von dort kommt auch der Schafskäse Queijo Serra da Estrela. An einsamen Abenden im kalten Norden denkt der Portugiese an seine Familie und vielleicht an die Eukalyptusbäume auf dem Festplatz von Vale, an die Capela de Sao Joao, Überbleibsel eines uralten Klosters. Doch sein Heimatdorf ist keine Idylle für den Zimmermann. Er kann seine Familie kaum über Wasser halten, verdient als Handwerker nur 31 Escudos am Tag, umgerechnet vier Mark. Aus Deutschland schickt er manchmal 500 Mark im Monat nach Hause.
Köln-Deutz ist für Armando Rodrigues de Sá nur eine Zwischenstation. Nach dem Empfangszeremoniell, bei dem er unversehens zur Hauptperson geworden war, besteigt er mit seinem neuen Moped einen Zug Richtung Stuttgart. Sein erster Arbeitgeber in Deutschland ist die Baufirma Gustav Epple in Degerloch, die unter anderem die Liederhalle und den Fernsehturm errichtet hat. Den Arbeitsvertrag mit Gustav Epple hatte er schon zuhause in Portugal unterschrieben. Das Unternehmen bietet dem neuen Mitarbeiter auch prompt an, ihm die Kosten für den Mopedführerschein zu spendieren. Doch er traut sich nicht. In den Firmenannalen wird auf den prominenten Kollegen verwiesen: „Um die gewaltigen Bauaufgaben bewältigen zu können, bedurfte es vieler Arbeitskräfte. In den 60er-Jahren wurden deshalb die Grenzen geöffnet und ausländische Gastarbeiter angeworben“, heißt es da.
Von Degerloch zieht de Sá weiter nach Blaubeuren. Dort zimmert er Bauholz für die Spohnsche Zementfabrik, die vor 25 Jahren stillgelegt worden ist. In dem Betrieb waren Gastarbeiter keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. In der Gründerzeit, als das Geschäft mit Zement im Deutschen Kaiserreich in Schwung kam, waren in Blaubeuren viele Italiener beschäftigt. Es waren überwiegend Saisonarbeitskräfte. Wegen ihnen sind bis heute italienische Familiennamen in der Gegend verbreitet. Armando Rodrigues des Sá aber zieht es weiter. Von Blaubeuren nach Sindelfingen, später arbeitet er in Mainz. „Er war jemand, der für ein besseres Leben für seine Frau und seine zwei Kinder gekämpft hat“, erinnert sich sein Enkel Antonio.
Das Leben des Portugiesen war ein Kampf und es endet als Kampf. Er wohnt in Baracken mit Doppelstockbetten. Als Miete für Schlafkoje und Blechspind zahlt er 40 Mark im Monat. Eigentlich hatte er sich gewünscht, dass seine Familie nachkommt nach Deutschland. So sagt er es einem Reporter bei der Ankunft in Deutz. Doch seine Frau will nicht. Sie muss ihre Mutter pflegen. So schafft de Sá das geschenkte Moped bei einem Heimatbesuch über Weihnachten nach Vale de Madeiros. Die Enkel dürfen gelegentlich mit ihm eine Runde drehen.
1970, nach sechs Jahren in der Fremde, bleibt er ganz dort. Er leidet an Magenschmerzen. Später stellt sich heraus: Es ist Krebs. In Deutschland wäre er krankenversichert gewesen. In Portugal lässt er sich seine Rentenansprüche auszahlen. Die Behandlungskosten verschlingen einen Großteil des bescheidenen Vermögens. Armando Rodrigues de Sá stirbt am 5. Juni 1979 – 53 Jahre alt. Er ist auf dem Friedhof von Canas de Senhorim bestattet, in dem Städtchen, zu dem sein Dorf gehört. Dort hatte er 15 Jahre zuvor den Zug Richtung Deutschland bestiegen.
Inzwischen arbeiten 6,3 Millionen Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit in Deutschland. 16 Prozent der Beschäftigten kommen aus einem anderen Land – aber auch 37 Prozent der Arbeitslosen. 30 Prozent der Menschen, die in Deutschland leben, haben einen Migrationshintergrund. Zu ihnen zählen auch 150 000 Portugiesen. Viele ihrer Vorfahren kamen als Gastarbeiter, sind das im Unterschied zu Armando Rodrigues de Sá aber nicht geblieben.
Sein Leben hat das Kölner Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland aufgearbeitet. Forscher der Institution haben dafür in Portugal mit Angehörigen gesprochen. Seit 2014 gibt es in Köln auch ein Denkmal, das an Senhor de Sá erinnert. Sein legendäres Moped ist inzwischen im Bonner Haus der Geschichte zu besichtigen. Das Museum erwarb es Ende der 1990er Jahre für 10 000 Mark von seiner Witwe Maria. Sie kaufte sich mit dem Geld einen elektrischen Rollstuhl.