Die Inneneinrichtung kommt aus einem Kibbuz
Benjamin Nissenbaum setzt sich eine Kippa auf den Kopf und führt durch die Räume: die koschere Küche, in der nur Fleischiges, aber nichts Milchiges verarbeitet werden darf; der Veranstaltungsraum, in dem hölzerne Stapelstühle mit Davidstern in den Lehnen bereitstehen; der Technikraum, dessen Kabelwirrwarr noch ein wenig komplexer wirkt als sonst in Versammlungsgebäuden. Das ist kein Zufall. In einer Synagoge muss an Sabbat alles automatisch funktionieren. Ein strenggläubiger Jude schaltet weder das Licht ein, noch drückt er den Aufzugsknopf. Das wäre Arbeit und am Tag des Herrn verboten. Der Sabbatfahrstuhl fährt die Stockwerke automatisch an, eins nach dem anderen.
So geht es auch in die eigentliche Synagoge im oberen Stockwerk. Sie ist nach Osten ausgerichtet. Der Fußboden ist aus hellem Jerusalem-Stein, die gezimmerte Inneneinrichtung kommt aus einem Kibbuz. Rund um den Thoraschrank sind Glasbilder angeordnet, die die zwölf Stämme Israels symbolisieren. Auch sie wurden in Israel gefertigt. „Nicht jüdischen Innenarchitekten müssten wir erst erklären, worauf es ankommt“, sagt Nissenbaum. Der 66-Jährige ist ein großer kräftiger Mann mit Schnauz- und Kinnbart, der in Konstanz geboren und aufgewachsen ist und mit seealemannischer Färbung spricht. Seit dem Kriegsende prägt seine Familie das Gesicht der jüdischen Gemeinde in der Stadt. Dabei stammte Vater Shimon aus Polen. Doch von den 400 Juden, die vor dem Krieg in Konstanz gelebt hatten, war keiner mehr da. Die letzten 108 Juden waren am 22. Oktober 1942 in der Sigismundstraße, wenige Meter von der im November 1938 zerstörten Synagoge entfernt, zusammengetrieben und ins Konzentrationslager nach Gurs in Frankreich abtransportiert worden.
Die Grenze war dicht
Shimon Nissenbaum kam nach dem Krieg auf dem Fahrrad angeradelt. Er hatte das Warschauer Ghetto und mehrere Konzentrationslager überlebt. In den letzten Kriegstagen konnte er sich bei einem Todesmarsch in der Nähe von Donaueschingen absetzen. So schnell wie möglich wollte er in die Schweiz und dann nach Übersee auswandern. Doch die Grenze war dicht. So blieb er in Konstanz und versuchte sich als Kaufmann.
„Wir sind ein lebendes Mahnmal“
„Er war nur 18 Jahre alt, aber er hatte keine Angst vor nichts und niemandem“, sagt Benjamin Nissenbaum. Einfach war es nicht in einer Zeit, in der selbst die Oberbürgermeister – wie man ahnte, aber nicht zu sagen wagte – eine tiefbraune Vergangenheit hatten. Entsprechend hölzern waren die Begegnungen bei den antifaschistischen Pflichtterminen. „Wir sind ein lebendes Mahnmal“, bekamen die Kinder von der Mutter oft zu hören.
Ihre Rolle nahmen die Nissenbaums ernst. Als in den 50er Jahren der Platz der alten Synagoge an die Israelitische Religionsgemeinschaft Baden (IRG) zurückgegeben wurde und diese einen Käufer suchte, schlug Shimon Nissenbaum zu. Er kaufte das Grundstück, zehn Jahre später ließ er ein großes fünfgeschossiges Wohn- und Geschäftshaus dort bauen, in das er eine kleine Familiensynagoge integrierte. Auf dem Betonwindfang am Haupteingang steht ein großer siebenarmiger Leuchter. Über Jahre wurde der dortige Betsaal von der kleinen Gemeinde genutzt. Doch seit den 90er Jahren wuchs der Wunsch nach einer repräsentativeren Synagoge. Aus Russland kamen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sogenannte jüdische Kontingentflüchtlinge. Die Gemeinde wuchs.
Zuzug aus Russland
Bereits im Jahr 2003 stellte die Stadt der jüdischen Gemeinde deshalb keine hundert Meter vom alten Standort entfernt ebenfalls in der Sigismundstraße kostenlos das neue Grundstück zur Verfügung und bewilligte einen Baukostenzuschuss von 115 000 Euro. Dass das Projekt dennoch nicht vorankam, hatte interne Gründe. Fast alle jüdischen Gemeinden in Baden sind tief gespalten. Auch in Konstanz konnten sich orthodoxe und liberale Juden nicht auf ein gemeinsames Vorhaben einigen. So ging ein ganzes Jahrzehnt ins Land. Erst gehöriger Druck von der Stadt und dem Oberrat in Karlsruhe führte zu einem Burgfrieden und zur Fusion. „Wir sind eine Einheitsgemeinde mit 280 Seelen“, sagt Nissenbaum.
Streit um die Rolle der Frauen
Sind jetzt alle glücklich? Minia Joneck ist sich da nicht so sicher. Die 71-Jährige ist Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Konstanz, eines Vereins, in dem sich die liberalen Juden organisiert haben. Sie macht deutlich, dass sich bei dem Neubau vor allem die Orthodoxen ihre Wünsche erfüllt haben. „Die Synagoge ist wirklich schön geworden. Es gibt viel Licht – vor allem auf der Empore“, sagt sie. Dass dort oben aber nur die Frauen sitzen sollen, während die Männer unten beten und zur Thora gerufen werden, gefällt der kleinen, resoluten Frau überhaupt nicht.
„Jeder Platz in der Synagoge ist gut“, glaubt Nissenbaum. Joneck findet, dass dies aber für jeden, für Männer wie Frauen, gelten müsste. „Eine gemeinsame Organisation, aber getrennte Gottesdienste“, so könnte sie sich das Miteinander in der Konstanzer Synagoge vorstellen. „Wir hoffen, dass wir einen Raum bekommen.“ Zumindest wäre Platz vorhanden, vor allem im historischen Ankergebäude, in dem die Restauratoren, wie so häufig in Konstanz, während der Renovierung spätmittelalterliche Wandmalereien freilegten.
Wie sicher ist die Synagoge?
5,1 Millionen Euro hat die jüdische Gemeinde der Bau des neuen Gemeindezentrums gekostet. „Ich wünsche mir, dass die neue Synagoge im Herzen unserer Stadt zu einem Haus der Begegnung und des Dialogs wird“, sagt der Konstanzer Oberbürgermeister Uli Burchardt (CDU). Die Sigismundstraße sei die einzige Straße in Deutschland, in der jetzt zwei Synagogen stünden, freut sich Nissenbaum. Joneck ist vom Standort weniger begeistert. Der Neubau liege genau dort, wo sich die Sigismundstraße zu einer Gasse verengt. „Die Synagoge wird nur funktionieren, wenn man die Straße absperrt.“
Schon zur Einweihung am Sonntag mit landespolitischer Prominenz könnte es dazu kommen. Im Polizeipräsidium macht man sich schon seit Langem Gedanken. Es gebe für Konstanz „keine konkreten Gefährdungserkenntnisse“, allerdings bestehe wie für viele jüdische Einrichtungen eine „erhöhte abstrakte Gefährdung“, heißt es bei der Polizei. Es werde offene und verdeckte Präsenz- und Aufklärungsmaßnahmen geben, im engen Kontakt mit der jüdischen Gemeinde würden die „erforderlichen Schutzmaßnahmen lageorientiert angepasst“.
„Eigentlich ist es ja eine Schande, dass so etwas nötig ist“, sagt Minia Joneck. Benjamin Nissenbaum sieht aber als positives Signal vor allem den einstimmigen Gemeinderatsbeschluss, der 2003 zur Übertragung des Grundstücks führte. „Hier gibt es zum Glück noch nicht die Tendenz wie in den neuen Bundesländern, wo die Nationalsozialisten so stark sind“, sagt er. Für ihn schließt sich der Kreis. „55 Jahre stand die alte Synagoge, 55 Jahre fanden die Gottesdienste in unserer Familiensynagoge statt.“ Jetzt haben die Konstanzer Juden wieder ein richtiges Gemeindezentrum. Diesmal soll es länger als 55 Jahre genutzt werden.