Einzelhandel geht auf die Barrikaden Ist die autofreie City in Göppingen gescheitert?

Eigens aufgestellte Sitzgelegenheiten sollen in der Innenstadt für Wohlfühlatmosphäre sorgen. Doch viele Händler beobachten, dass die City seit der Sperrung oft menschenleer ist. Foto: Giacinto Carlucci

Nach der Halbzeit eines Pilotprojekts regiert der Frust unter den Händlern in der Göppinger Innenstadt. Sie klagen über Umsatzeinbußen. Nun gibt es Vorstöße zweier Gemeinderatsfraktionen, das Ganze schnell abzubrechen. Das sind die Hintergründe.

Dieses Pilotprojekt ,fußgängerfreundliche Innenstadt‘ ist der reinste Albtraum für uns. Seitdem das losging, gehen unsere Umsätze total den Bach runter“, sagt ein Gastronom. „Unser To-Go-Geschäft ist komplett eingebrochen und auf nahezu null zurückgegangen“, bestätigt ein anderer. „Der Pilotversuch ist eine Katastrophe“, pflichtet ein Händler bei. „Wir diskriminieren damit die Kunden, die nicht gut zu Fuß sind, aber viel Umsatz bringen und übervorteilen andere“, bewertet ein weiterer die Situation. „Nun sollen Autofahrer aus ideologischen Gründen eingeschränkt werden, ohne die Einwohner durch eine Abstimmung einzubeziehen. Eine demokratische Entscheidung, bei der die betroffenen Anwohner mitbestimmen könnten, wäre gerechter und transparenter“, meint ein Anwohner.

 

Die Hauptstraße sei oft menschenleer, beklagen Händler

Die Liste dieser Rückmeldungen zur Halbzeit des Versuchszeitraums ließe sich fortführen. Aufgestellt hat sie der Stadtmarketingverein „Göppinger City“ und an die Fraktionsvorsitzenden des Göppinger Gemeinderats verschickt. Nach sechs Wochen Pilotphase mit einer teilweisen Sperrung der Hauptstraße sind die Anlieger – Einzelhändler, Gastronomen und Anwohner gleichermaßen – nur noch frustriert. Die Erfahrungen fallen durchweg negativ aus, kaum einer kann diesem Projekt etwas Positives abgewinnen. Zumal der erhoffte Effekt nicht eingetreten sei: Die Hauptstraße sei während der Sperrung oft menschenleer, auf den für das Projekt eigens aufgestellten Möbeln sitze niemand.

Deutlich wurde der Frust bei einem von dem Marketingverein organisierten Händlertreffen in der vergangenen Woche, bei dem rund 40 Anwesende ihrem Ärger Luft gemacht haben. Das ging so weit, dass bereits eine Klage gegen die Sperrung der Hauptstraße im Gespräch war. „Dies konnten wir bisher wieder einfangen, mit dem Argument, dass wir die Entscheidungsträger lieber mit vernünftigen Argumenten überzeugen möchten“, schreibt Oliver Sihler, Geschäftsführer der „Göppinger City“, an die Fraktionschefs. Er macht in dem nicht-öffentlichen Schreiben aber keinen Hehl daraus, dass die Stimmung im Keller ist und zieht ein Fazit der Rückmeldungen: „Der Versuch einer fußgängerfreundlichen Innenstadt mit schönen Fußgängerzonen und Aufenthaltsqualität ist weiterhin zu unterstützen, sollte allerdings in der Umsetzung angepasst werden“, heißt es in Sihlers Mail an die Stadträte.

Stadtverwaltung äußert sich zunächst nicht

Es habe sich herausgestellt, „dass die Hauptstraße als zentrale Zufahrt in die Innenstadt für einen funktionierenden Innenstadthandel unabdingbar ist“. Die bisherige Regelung werde von den Kunden nicht akzeptiert. Die Besucher müssten die Möglichkeit haben, zu jeder Zeit über die Hauptstraße in die Innenstadt zu gelangen. Für eine Stellungnahme war der Marketingverein am Dienstag nicht zu erreichen, auch die Stadtverwaltung blieb eine Antwort schuldig.

Die AfD-Fraktion will jetzt die Reißleine ziehen und beantragt, die Sperrung der Hauptstraße sofort aufzuheben und diesen Vorstoß auch zur Abstimmung in der nächsten Sitzung des Gemeinderats am 19. September zu stellen. „Nachdem nun die ersten offiziellen Rückmeldungen von Seiten der Einzelhändler, Gastronomen und Anlieger da sind (durchweg negativ), halten wir diesen Zustand für nicht weiter tragbar“, begründet der Fraktionschef Michael Weller diesen Antrag. „Die Attraktivität der Innenstadt muss mit geeigneten Maßnahmen gesteigert werden, die Sperrung der Hauptstraße gehört nicht dazu.“ Laut Stadtverwaltung war allerdings ohnehin geplant und vom Gemeinderat beschlossen worden, dass die Pilotphase zum 18. September endet.

Werden auswärtige Kunden abgeschreckt?

Auch von der SPD-Gemeinderatsfraktion liegt eine Reaktion zu dem Pilotprojekt vor. Die SPD sei in den vergangenen Tagen und Wochen ebenfalls mit sehr vielen negativen Rückmeldungen konfrontiert worden, heißt es in einer Mitteilung. Die Händler hätten ihr Leid geklagt, aber auch die Anwohner. „Und natürlich kamen auch sehr kritische Töne von Einkaufs- und Bummelbesuchern von außerhalb der Stadt, die durch völlige Verunsicherung, was sie überhaupt noch dürfen, vom Besuch Göppingens abgeschreckt wurden“, berichten die Sozialdemokraten.

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