Ein Paradies für Musiker: Die Wände hängen voller Gitarren, daneben glänzen Trompeten und Posaunen. Die weißen und schwarzen Tasten der Klaviere glänzen. Es riecht nach Politur und Holz. Händler mit Vollsortiment, die nahezu alle Instrumentengruppen anbieten, gibt es kaum noch im Kreis Esslingen.
Dieter Rauscher, Inhaber vom Esslinger Musikhaus Rauscher, ist 65 Jahre alt – eigentlich im Rentenalter. Im Musikinstrumentenhandel ist er groß geworden. Sein Opa habe bereits im Jahr 1923 einen Musikalienhandel in Esslingen eröffnet, den später sein Vater und schließlich er übernommen hat. Jetzt spricht er offen übers Kürzertreten und Aufhören. Als das Musikhaus Rauscher wegen des Baus der Ringstraße im Jahr 1979 aus der Innenstadt nach Zell weichen musste, gab es laut dem gelernten Instrumentenbauer insgesamt vier Instrumentenläden in Esslingen. „Wir waren damals quasi das erste Musikgeschäft, das von der Innenstadt aufs Land gezogen ist. Wir hatten viel Platz und eine große Werkstatt mit sieben Angestellten“, berichtet er. „Musikinstrumente sind beratungsintensiv. Bei Gitarren hat selbst jedes Instrument der gleichen Bauart einen etwas anderen Klang, da es aus einem anderen Baum stammt.“
Die goldenen Zeiten des Instrumentenhandels
Die 1980er Jahre seien eine goldene Zeit für den Einzelhandel gewesen. Es habe eine riesige Nachfrage seitens der Musikvereine gegeben. „Die haben teilweise nicht nur ein Saxofon gekauft, sondern direkt vier. Es kamen viele neue Instrumente auf den Markt wie Synthesizer, E-Pianos und Keyboards“, erzählt der Händler. Die guten Zeiten hätten ungefähr bis zum Jahr 2010 angedauert – dann kam das Internet. „Die Onlinehändler haben über den Absatz großer Stückzahlen den Preis drücken können“, so Rauscher. Die Margen seien merklich geschrumpft. Innerhalb der vergangenen zehn Jahren sei der Umsatz um 80 Prozent zurückgegangen. „Es war ein Teufelskreis. Wir mussten reagieren und hatten jedes Jahr etwas weniger Instrumente im Angebot. Das merkten dann natürlich auch die Kunden.“ Jetzt sei er seit fünf Jahren allein im Verkauf.
Mehr Zeit für sich
Frustriert habe ihn das alles nicht: „Ich will die Entwicklung nicht kritisieren, so ist einfach die Zeit. Vor zwei Jahren habe ich die Reißleine gezogen und habe die obere Etage, die früher Ladenfläche war, vermietet. Wir sind in die kleinere untere Etage gezogen und haben das Sortiment stark verkleinert.“ Durch die Vermietung sei der finanzielle Leistungsdruck weggefallen. Es sei Zeit, etwas kürzer zu treten. Mit zwei eigenständigen Reparateuren im Laden, die zeitweise auch den Verkauf übernehmen könnten, habe er auch etwas mehr Freizeit. „Ich mache das jetzt noch ein paar Jahre, solange es mir Spaß macht.“
„Man wurde nur noch als Informationsplateau genutzt“
Ähnlich geht es Willy Wondra. Der 71-jährige betreibt Wondra Musik in Nürtingen – und das schon seit dem Jahr 1978, als er als fünftes Musikhaus in Nürtingen eröffnete. Seit der Jahrtausendwende sei er allein in der Stadt. Damals sei er noch Vollsortimenter gewesen. Auf 300 Quadratmetern habe es alles von der Gitarrensaite bis zur PA-Anlage gegeben. Mit dem Aufstieg der Internetriesen wie Thomann und Co. habe sich die Lage auch für ihn verschlechtert: „Die Leute kamen in den Laden und schauten sich um. Ich hatte immer so 40 bis 45 E-Pianos da. Dann hieß es meist: Wir überlegen noch mal. Danach habe ich sie meist nie wieder gesehen. Man wurde nur noch als Informationsplateau genutzt“, sagt der Händler. Er habe mit den Vertretern gesprochen, gesagt, dass er so nicht weitermachen werde und um bessere Konditionen verhandelt, die sie ihm nicht bieten konnten. „Ich habe denen gesagt, jetzt sucht ihr in eurem Computer nach, wo Wondra steht, und drückt auf löschen.“
Es folgte der Ausverkauf, die Verkleinerung auf 75 Quadratmeter und der Verkauf seiner Musikschule, die er neben dem Handel betrieb. „Ich betreibe den Laden noch als Hobby. Wenn es mal schlecht läuft, dann ist das nicht weiter schlimm. Aber ich habe viele Stammkunden, die sagen ‚Hör bloß nicht auf‘. Ich mache es, weil es mir Spaß macht.“ Neben dem Verkauf betreibt der gelernte Instrumentenbauer eine Werkstatt. „Ich repariere fast alles: Klaviere, Gitarren, Violinen und kleinere Reparaturen von Blechblasinstrumenten. Teilweise kommen die Leute von Ulm und Karlsruhe zu mir.“
Kaum Chancen für neue Musikhäuser
Für die Zukunft neuer Musikhäuser sehen sowohl Wondra als auch Rauscher schwarz. „Für junge Start-ups sehe ich keine Chance langfristig Geld zu verdienen. Der Markt gibt einfach zu wenig her“, sagt Rauscher. „Es gibt noch ein paar Platzhirsche mit festem Kundenstamm, dass neue dazu kommen, das glaub ich nicht.“ Wondra sieht die einzige Chance für den Nachwuchs in einem eigenen Laden, in dem sie keine Miete zahlen müssen. Aber auch nur, wenn zusätzlich ein Reparaturservice angeboten werde. „Die großen Händler schlagen sich im Preiskampf die Schädel ein. Die verkaufen teilweise billiger als ich Einkaufspreise habe.“
Ein musikalisches Land
Onlinehandel
Laut statistischem Bundesamt machte im Jahr 2019 der Handel mit Musikinstrumenten und Musikalien 58,3 Prozent des gesamten Umsatzes des Online-Einzelhandels aus.
Musiker in Deutschland
Es spielen laut dem Bundesmusikverbandes 14,3 Millionen Menschen ein Instrument in ihrer Freizeit oder singen in Chören. Allein in Baden-Württemberg gibt es laut Landesverband der Musikschulen 214 öffentliche Musikschulen, in denen sich über 300 000 Schülerinnen und Schülern musikalisch bilden.