Einzelhandel in Böblingen liegt darnieder Der Gemeinderat sucht das Patentrezept

Der Handel ist unter Druck: Immer wieder gehen die Rollläden herunter, wie hier am Schlossberg. Foto: Simon Granville
Der Handel ist unter Druck: Immer wieder gehen die Rollläden herunter, wie hier am Schlossberg. Foto: Simon Granville

Der Einzelhandel ist in der Krise. Nicht erst im Lockdown, aber im Lockdown am meisten. Die CDU fordert einen runden Tisch, die Freien Wähler appellieren an das unternehmerische Ethos und die Grünen wollen bei den Mieten helfen.

Esslingen: Ulrich Stolte (uls)

Böblingen - Der politische Vorgang war am Dienstag eher ungewöhnlich gewesen: In der sowieso schon außerplanmäßigen Sitzung des Böblinger Gemeinderates beantragte die CDU einen extra Tagesordnungspunkt. Diese außerplanmäßige Sitzung war nötig geworden, um die Antragsfristen zum geplanten Zentrum für Künstliche Intelligenz in Böblingen einzuhalten.

Der neue Tagesordnungspunkt hieß „Verschiedenes“ und hier führte vor allem Hans-Dieter Schühle (CDU) das Wort. Er forderte, die Stadt solle den in der Pandemie notleidenden Einzelhandel besser unterstützen. In Ludwigsburg hatte der Gemeinderat dem Handel 240 000 Euro zugeschossen, die Stadt Sindelfingen hatte am Tag zuvor 140 000 Euro auf den Weg gebracht für verschiedene Aktionen, wie etwa die Stundung der Mitgliedsbeiträge zum City-Marketing, oder kostenloses Parken. Doch schwebt der CDU in Böblingen nicht nur ein finanzieller Zuschuss vor. Warum nicht einen runden Tisch einrichten, an dem die Händler, die Stadtverwaltung, das City-Marketing, das Gewerbeforum und vielleicht auch das Kulturamt säße?, schlug Hans-Dieter Schühle vor.

Vieles für den Einzelhandel getan

Der Böblinger Oberbürgermeister Stefan Belz verwies auf den obligatorischen Entscheidungsweg: Wenn der Gemeinderat den Einzelhandel besser unterstützen wolle, dann müsse er einen Antrag in diese Richtung stellen und darüber befinden.

Die Stadt Böblingen hat bereits in den vergangenen Wochen vieles für den Einzelhandel getan. Beispielsweise wurden Parkgebühren erlassen, und die Stadt hat ihre Homepage geöffnet für die Gastronomen, die dort für ihren Lieferdienst werben können. Darüber hinaus bietet sie eine Beratung bei Fragen zur Corona-Verordnung an, und hilft Fördermitteln zu beantragen.

Des Weiteren bietet die Stadt eine Beratung zur Online-Präsenz an, und erklärt den Händlern, wie man sich in den Sozialen Medien platziert, wie man im Internet leichter auffindbar wird, und wie man dort seine Produkte besser präsentiert. Auch die Gutscheinaktion und Geschenktipp-Aktionen liefen nach wie vor und die Stadt plane weitere Aktionen, wie der Böblinger Pressesprecher Fabian Strauch berichtet.

Oberbürgermeister wird deutlich

Selten deutlich wurde der Oberbürgermeister bei der Diskussion auch: „Eines können Sie mir glauben“, sagte er, „auch ich habe von der Pandemie die Nase voll.“ Dabei ist das Thema Einzelhandel auch in Böblingen seit vielen Jahren der Dauerbrenner. Waren es zunächst die großen Ladenketten und Discounter, die dem kleinteiligen Einzelhandel zu schaffen oder den Garaus machten, sind es jetzt die Internet-Riesen, die ihn verdrängen – mitsamt den großen Ladenketten. Die Stadt Böblingen hatte in den vergangenen Jahren vor allem baulich dagegen gesteuert. Mit den Mercaden wurde ein Frequenzbringer installiert und die Bahnhofstraße wurde runderneuert, um mit ihrer Aufenthaltsqualität die Kunden in die Stadt zu holen.

Gegenwärtig baut sie den Elbenplatz von der Autoschneise mehr in Richtung Boulevard um, und auch der Umbau der Stadtgrabenstraße steht noch bevor. Aber die Stadtplanung allein kann den gesellschaftlichen Wandel nicht verhindern.

„Es könnte auch sein, dass die vielen Baustellen zur Zeit die Einkäufer abschrecken“, mutmaßt Arthur Bamberger von den Freien Wählern. Er selbst denkt weiter in eine theoretische Gesellschaft hinein, in der jeder alles per Mausklick zu jeder Zeit geliefert bekommt. „Würde man sich in dieser Gesellschaft wirklich noch mit dem Auto zu einem Kaufhaus aufmachen, um in Regalen nach der gewünschten Ware zu suchen und sich an der Kasse anzustellen?“, fragt er sich. Doch scheint es zumindest beim Böblinger Click und Collect noch zu hapern. Deutliche Kritik gab es von einem Fraktionskollegen, der wohl mit dem Böblinger Online-Handel schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Er sagte: „Es müssten sich auch die Unternehmer mehr bewegen.“

Grüne möchten Tübinger Modell

Die Grüne-Fraktion in Böblingen favorisiert das, was sie als „Tübinger Modell“ bezeichnet. Im Nachbarkreis hatte die Stadt den Einzelhändlern bei den Mieten unter die Arme gegriffen. Im Einzelfall müsse jedoch geprüft werden, wer das Geld erhalte, sagt Dorothea Bauer, die Fraktionssprecherin der Grünen. Denn es macht einen Unterschied, ob ein Laden bei einem privaten Hausbesitzer untergebracht sei, oder im Gebäude eines millionenschweren Investors.




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