Die künftige Entwicklung auf der zentralen Fellbacher Nord-Süd-Achse bewegt seit Jahren die Gemüter der Bürgerschaft wie der Lokalpolitik. In Leserbriefen an unsere Redaktion war sogar von einem „Glaubenskrieg“ die Rede. Dabei ist der Umbau der nördlichen Bahnhofstraße dringend erforderlich. So warnen die Stadtwerke Fellbach immer wieder, dass die teils mehr als 100 Jahre alten Wasserleitungen im Untergrund des Asphalts dringend erneuert werden müssten. Außerdem gehe es darum, den „gefährlichen Verkehrsraum“ (Baudezernentin Beatrice Soltys) zu entschärfen.
Vor allem das Durcheinander auf den Gehwegen sowie Unübersichtlichkeiten bei der Einfahrt aus den Seitenstraßen sollen angegangen werden. In einer mittlerweile seit sechs Jahren währenden Testphase werden die Radfahrer vom baulich immer noch vorhandenen Radweg auf die Straße dirigiert, um dort vor und hinter den Autos im Verkehr „mitzuschwimmen“. Zugleich gilt Tempo 30, um die Konflikte einzudämmen.
Immer wieder wurden Termine ins Auge gefasst
Mehrfach wurden Termine für den Start der Umbaumaßnahmen auf dem 750 Meter langen Bereich der Bahnhofstraße ins Auge gefasst, ohne dass es wirklich losging. Vor wenigen Wochen nun hat der Gemeinderat auf Empfehlung der Rathausspitze immerhin einen „Beschluss der allgemeinen städtebaulichen Zielsetzungen“ für die Straßenraumgestaltung gefällt. Ein erster Planungsentwurf soll demnach im Oktober dieses Jahres in den Gremien vorgelegt werden.
Dass die Einzelhändler zwischen Stuttgarter Platz und der Bahnunterführung wegen des möglichen Verlusts von Parkplätzen vor ihren Geschäften dem Vorhaben skeptisch gegenüberstehen, ist ebenfalls schon länger bekannt. Dennoch scheint die Rathausspitze überrascht zu sein, wie vehement der Protest ausfällt.
Denn in einem aktuellen offenen Brief beschreibt der Fellbacher Gewerbe- und Handelsverein (GHV) den, wie es im Untertitel heißt, „Kampf um Parkplätze in der nördlichen Bahnhofstraße“. In dem mehrseitigen Statement warnen die Gewerbetreibenden vor dem Ausbluten der Bahnhofstraße, sollten die Rathausbeamten ihre Visionen umsetzen. Die Befürchtung des GHV: „Durch die dem Umbau folgende Neuordnung der Straße wird das Parkplatzangebot voraussichtlich um 50 Prozent reduziert.“ Ein Unding, wie der GHV-Vorsitzende Maurizio Messina auf Nachfrage unserer Redaktion erklärt: „Man kann nicht die Hälfte der Parkplätze wegstreichen, das hat erhebliche Auswirkungen auf den Handel.“
GHV fordert „dringend alternative Lösungen zu prüfen“
Nach den Plänen soll, so der GHV, in der nördlichen Bahnhofstraße nach wie vor eine zweispurige Fahrbahn erhalten bleiben, ergänzt um einen zwei Meter breiten Fahrradweg neben dem Gehweg. „Dadurch würde die Fahrbahnbreite um etwa zehn bis zwölf Zentimeter zu schmal werden und damit von den bürokratischen Vorgaben abweichen“, heißt es in dem offenen Brief – „sind zwölf Zentimeter das Maß der Dinge?“ Als Konsequenz müssten auf einer Straßenseite sämtliche Parkplätze wegfallen, damit die vorgegebene Fahrbahnbreite eingehalten werde.
Diese Planung bedeute „eine ernsthafte Gefahr für die wirtschaftliche Stabilität der dort ansässigen Geschäfte, mit Folgen für die gesamte Stadt“. Die zu erwartende Verringerung der Kundenfrequenz bedeute für die Geschäfte „erhebliche Umsatzeinbußen von mehreren zehntausend Euro pro Stellplatz und Jahr“, dies sei „existenzbedrohend“. Es komme zur Abwanderung von Stammkunden und somit zu Wettbewerbsnachteilen. Gerade die vielen Fachbetriebe in der nördlichen Bahnhofstraße seien aufgrund ihres überregionalen Kundenkreises in besonderem Maße auf eine ausreichende Anzahl von Stellplätzen angewiesen.
Zudem schrecke man so auch ältere oder gehbehinderte Menschen ab. „Wer hier wohnt und arbeitet, braucht Einkaufsmöglichkeiten und eine attraktive Infrastruktur.“ Nachbarorte und Einkaufszentren mit ausreichenden Parkmöglichkeiten würden für Kunden attraktiver, was zu einem Kaufkraftabfluss aus Fellbach führe. Denn nur zusätzliche überregionale Kunden schafften genügend Umsatz, damit der wohnortnahe Handel überleben könne.
Der GHV sagt einen „Imageverlust“ voraus. Fellbach verliere im regionalen Wettbewerb an Attraktivität. „Durch das zu erwartende Ladensterben gehen der Stadt wichtige Gewerbesteuereinnahmen verloren, die zur Finanzierung von sozialen Investitionen wie Kindertagesstätten und Schulen benötigt werden.“
GHV: Die veranschlagten vier Jahre Umbauzeit sind „nicht akzeptabel“.
Ein Verschwinden des Handels in der Bahnhofstraße habe somit Auswirkungen auf die Umsatzentwicklung der gesamten Innenstadt. Durch Geschäftsaufgaben werde es zu Mindernutzungen der Immobilien und Attraktivitätsverlusten kommen – zum Beispiel „durch den vermehrten Einzug von Wettbüros und Spielhallen“, was letztendlich zu einem unerwünschten Wandel im ganzen Gebiet der nördlichen Bahnhofstraße führen werde. „Dies birgt die Gefahr eines sozialen Brennpunkts, mit unabsehbaren Kosten für die Stadt und die Bürger.“
Kritik gibt’s auch an der langen Umbauphase. So ist es dem GHV ein großes Rätsel, wieso für eine solche Baustelle ganze vier Jahre veranschlagt werden. Das könne „manchen Betrieben das Genick brechen“, so Messina. „In Fellbach wurden das Wüst-Areal und die neue SDK-Zentrale in wesentlich kürzerer Zeit realisiert. Die veranschlagten vier Jahre Umbauzeit für rund 700 Meter Straßenumbau sind nicht akzeptabel.“
Für den GHV steht fest: Die Stadt müsse die Bedenken der Geschäftsleute ernst nehmen und dringend alternative Lösungen präsentieren. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung des offenen Briefes sei, so GHV-Chef Messina, bewusst gewählt: Die Kritik solle in der Phase geäußert werden, in der man noch etwas verändern könne.
In der Verwaltung hingegen setzt man weiter auf den in der Sitzung angekündigten Zeitplan. Erst kürzlich gab es eine Beteiligungsrunde mit Verantwortlichen des Familienzentrums und der evangelischen Kirche, zusätzlich „haben wir erste Erfahrungen mit den Bürgern sammeln können“, sagte Soltys. Vor der Sommerpause werde es noch eine Umfrage zu den Zielsetzungen unter den Gewerbetreibenden, den Anwohnern und den Bürgern geben.
Zu den Zielsetzungen gehören nach Soltys’ Angaben beispielsweise der barrierefreie Ausbau der Bushaltestellen und der Gehwege, ein Lichtkonzept, Abstellflächen für Fahrräder und Lastenräder sowie eine attraktivere Straßenraum- und Platzgestaltung mit ansprechenden Aufenthaltsflächen. Wichtig dabei seien auch klimaangepasste Baumquartiere und weitere Begrünungs- und Beschattungsmaßnahmen. „Spannend wird es, wenn es um die Neuaufteilung des Straßenraums geht“, spricht die Baubürgermeisterin zudem jenen Knackpunkt an, den jetzt auch die Gewerbetreibenden forciert einfordern.