„Es fehlt die Laufkundschaft“
Seit 22 Jahren führt Riad Salman den Obst- und Gemüseladen „Radieschen“ in der Kemnater Ortsmitte. „Eigentlich hat sich nicht viel geändert“, sagt er. Seitdem der Netto-Markt, bis dahin der einzige Supermarkt im Stadtteil, Mitte 2024 die Schotten für immer dicht machte, liege vieles im Argen: „Es fehlt die Laufkundschaft, alle rennen woanders hin zum Einkaufen, niemand erledigt das mehr hier in Kemnat.“
Dazu kam Anfang 2025 die Schließung eines Fachhandels für Tierbedarf in unmittelbarer Nachbarschaft, ebenfalls ein großer Frequenzbringer. Da sich Riad aber auch außerhalb des Ortes mit seiner Bio-Ware einen guten Namen gemacht hat, hatte er während der Straßensperrung keine größeren finanziellen Einbußen: „Auf meine Stammkunden kann ich mich zum Glück verlassen. Aber die Läden, die keine Stammkunden haben, haben große Probleme.“
Beklagenswert findet er die Parksituation – vor der Sanierung gab es direkt vor dem „Radieschen“ fünf Parkplätze; die wurden nun aber in einen kleinen Platz umgewandelt. Auch seine Kunden regten sich über die Parksituation auf, sagt Riad und lässt seinen Blick über den neuen Platz vor seinem Laden schweifen – wie so oft herrscht dort gähnende Leere, die Sitzbank ist ungenutzt, ebenso wie der einsame Fahrradständer daneben.
Seitens der Stadt waren die Bemühungen groß, die Lücke in der Lebensmittelversorgung in Kemnat zu schließen. Die Durststrecke dauert noch bis mindestens Ende nächsten Jahres – bis dahin soll das Großprojekt eines privaten Investors an der Heumadener Straße fertig sein. In den Neubau integriert ist ein Rewe-Vollsortimenter, dazu kommen Seniorenwohnungen und eine Kindertagesstätte. Um Abhilfe zu schaffen, haben sich einige der Kemnater Einzelhändler zusammengetan und bieten verschiedene Produkte an. So kann man etwa in der Bäckerei „Auszeit“ Milchprodukte, Konserven sowie Obst und Gemüse erstehen, schräg gegenüber in der Kulturwirtschaft „Hamburg Süd“ liegen neben Schreibwaren, Zeitungen und Zigaretten auch Klopapier und Zahnpasta im Regal. „Unsere Kunden sind sehr froh über das Angebot“, sagt Bäckereiinhaberin Mine Küz. Viele ältere Leute seien nach der Netto-Schließung verzweifelt gewesen, in der Bäckerei können sie nun sogar Listen mit Sonderwünschen abgeben: „Das dauert dann vielleicht einen oder zwei Tage, bis wir das Produkt da haben, aber wir helfen gerne“, sagt Küz. Sie und auch Hamburg-Süd-Betreiber Nicolas Giese hatten große Hoffnung, dass sich das Blatt mit der Fertigstellung der Ortsdurchfahrt wieder zum Besseren wenden würde.
Verändertes Kaufverhalten der Kunden
„Aber je mehr Geschäfte zumachen, desto enger wird es. Die Leute haben ihr Kaufverhalten umgestellt“, bedauert Giese, der in seinem urigen Kiosk inklusive Getränkeausschank seit sieben Jahren hinter der Theke steht. Mangels Kundschaft hat er bereits seine Öffnungszeiten eingeschränkt – das Ladengitter geht jetzt erst um 10 statt um 9 Uhr morgens hoch. „Davon ist nicht jeder begeistert, aber zwischen 9 und 10 Uhr habe ich praktisch nichts verdient“, erklärt Giese, in dessen Laden abends auch 14-tägig Kulturveranstaltungen und alle zwei Monate ein Kneipenquiz stattfinden. Dennoch hat sich der gebürtige Hamburger fest vorgenommen durchzuhalten, bis der Neubau mit Rewe und Seniorenwohnungen fertig ist. Leicht wird das nicht, die finanziellen Einbußen hätten sich schon schmerzlich bemerkbar gemacht, wie er offen zugibt. Trotzdem hat Giese Pläne: „Ich will meinen Laden zum ‚Letzten Späti vor der Autobahn’ ausbauen“, kündigt der 59-Jährige an.
Neue Verkehrsprobleme trotz Tempo 30
Wünschen würden sich Giese und Küz, dass die Stadt Verkehrskontrollen an der Heumadener Straße durchführt: Wo vorher Tempo 50 galt, darf man jetzt zwar nur noch 30 Stundenkilometer fahren, aber viele halten sich nicht daran. Dazu kommt, dass die Verkehrsinsel nahe der Kemnater Kurve der Sanierung zum Opfer fiel und statt des alten Zebrastreifens eine Ampelanlage installiert wurde. Klingt zwar im ersten Augenblick gut, hat aber seine Tücken: „Gerade die Verkehrsinsel hat viele gezwungen, langsam zu tun, jetzt fahren sie viel zu schnell. Vor allem die Lkws“, erklärt Giese. Was mit viel Lärm verbunden ist: „Es ist so laut geworden, dass sich nicht mehr viele Leute draußen vor meinem Laden auf ein Bierchen treffen.“ Auch die Ampel haben viele noch nicht auf dem Schirm: „Erst vor kurzem hat mich eine Autofahrerin fast umgefahren – sie war ebenso schockiert wie ich“, sagt Mine Küz.
Neue Ortsmitte von Kemnat
Gesamtkosten
Laut Ostfilderns Pressesprecherin Tanja Eisbrenner belaufen sich die Gesamtkosten der Sanierung Ortsmitte Kemnat an der Heumadener Straße auf etwa 1,7 Millionen Euro. Für die Umgestaltung der Heumadener Straße erhält die Stadt einen Zuschuss nach dem Landesgemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz in Höhe von 650 000 Euro.
Weiteres Projekt
Die Stadtsanierung in Kemnat ist indes noch nicht ganz abgeschlossen. Laut Eisbrenner ist ein weiteres kleineres öffentliches Gestaltungsprojekt noch festzulegen, welches durch Städtebaufördermittel des Landes unterstützt wird.