Einzelhandel in Stuttgart Das Milaneo will zur City gehören

Für die klassischen Einzelhändler in der Innenstadt könnte es demnächst schwer werden. Foto: Michael Steinert
Für die klassischen Einzelhändler in der Innenstadt könnte es demnächst schwer werden. Foto: Michael Steinert

Schon vor der Eröffnung des Milaneo im Stuttgarter Norden wird intensiv darüber diskutiert, wie sich das neue Angebot auf die Innenstadt auswirken wird. Die einen befürchten, dass Kunden in der City verloren gehen, andere rechnen mit dem Gegenteil.

Lokales: Sven Hahn (hah)
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Stuttgart - Dem klassischen Einzelhandel in der Stuttgarter Innenstadt werden raue Zeiten vorhergesagt. Am ­südlichen Rand der City eröffnet im Herbst das Einkaufszentrum Gerber, im Norden das Milaneo. Traditionshäuser wie der Schreibwarenhändler Haufler und ­Spielwaren Kurtz können sich nur noch in deutlich abgespeckter Form am Marktplatz halten, das Café Scholz hat diesen Standort bereits aufgegeben. Da stellt sich die Frage: Wer vertritt eigentlich die Interessen des Handels in der Stuttgarter Innenstadt?

„Da gibt es nur eine Möglichkeit. Diese Aufgabe muss die CIS übernehmen“, ­erklärt Rainer Rudolph. Er ist der Inhaber von ­Lederwaren Acker und der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Königsbau. CIS steht für die 1999 gegründete City Initiative Stuttgart. Der Verein bezeichnet sich selbst als Sprachrohr der Innenstadt. „Die CIS hat als einzige die notwendige Größe, um etwas zu erreichen“, sagt Rudolph.

An Gesamtaktivität der Stuttgarter Innenstadt arbeiten

Doch die CIS ist in den vergangenen Monaten, speziell gegenüber dem Milaneo, mehr durch Annäherungsversuche als durch klare Abgrenzung aufgefallen. Man müsse an der Gesamtattraktivität der Stuttgarter Innenstadt arbeiten, ließ sich die City-Managerin, Bettina Fuchs, von Journalisten zitieren und sprach sogar von einem möglichen CIS-Beitritt des Milaneo.

Die Bemühungen waren offenbar erfolgreich: „Wir wollen Mitglied bei der CIS werden“, bestätig die Center-Managerin des Milaneo, Andrea Poul. Bereits zweimal haben sich Poul und Fuchs schon getroffen. Einfluss über die Mitgliedschaft hinaus wolle die ECE auf die CIS jedoch nicht ausüben, erklärt die Center-Managerin.

Der Center-Enwtickler ECE ist in einer Doppelrolle

Die bisherige Nähe zum neuen Rieseneinkaufszentrum könnte sich zudem so erklären lassen: Der Center-Entwickler ECE ist seit dem Jahr 2009 Betreiber der Königsbaupassagen und somit schon jetzt ein zahlungskräftiges Mitglied des Vereins. Doch zeitgleich gilt die ECE – als Bauherr des Milaneo – als wohl schärfste Konkurrentin der Innenstadt.

Angesprochen auf diesen potenziellen Interessenkonflikt antwortet Bettina Fuchs wie folgt: „Unabhängig von den Königsbaupassagen hat sich die CIS seit über zehn Jahren gegen den Bau eines Mega-Einkaufszentrums ausgesprochen und dies ­bereits zu einem Zeitpunkt, als die ECE noch gar nicht im Spiel war.“ Diese Auseinandersetzungen hätten sich laut Fuchs weniger gegen den Betreiber, sondern eher gegen die Stadt als Planungs- und Genehmigungsbehörde gerichtet.

Bereits vor der Eröffnung des Milaneo gibt es viel Kritik

Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) hat, angesprochen auf das Milaneo, mehrfach erklärt, kein Freund des Projekts zu sein. Neben der britischen Billigmodekette Primark als Hauptmieter des Centers hat die Angst vor einem Verkehrskollaps in der Vergangenheit mehrfach Kritik am Einkaufsgiganten auf dem A-1-Areal aufkommen lassen. Milaneo-Managerin Poul erklärt gegenüber der Stuttgarter Zeitung: „So viel Kritik vor einer Eröffnung wie in Stuttgart habe ich noch nie erlebt.“

Rainer Rudolph erinnert sich an die ersten Pläne für das Shoppingcenter: „OB Schuster und die Familie Otto haben die Pläne über den ­Gemeinderat hinweg durchgesetzt.“ Die ECE ist ein Unternehmen der Otto-Group – beide mit Firmensitz in Hamburg. „Das ist so gelaufen, obwohl alle das Milaneo verhindern wollten“, fügt Rudolph hinzu.

Der CIS will sich weiter auf die City konzentrieren

City-Mangerin Fuchs betont gegenüber der Stuttgarter Zeitung, dass die ECE-geführten Königsbaupassagen zwar eine hohe Bedeutung ­haben, aber trotzdem nur ein Mitglied unter rund 200 weiteren seien. „Die Fokussierung der CIS wird sich immer auf die tatsächliche City konzentrieren“, sagt Fuchs. Und: „Die internen Auffassungsunterschiede – was zählt zur City und was nicht – sind den Kunden egal.“

Da das Milaneo am 9. Oktober eröffnen will, sind auch die Händler der City an einer Zusammenarbeit interessiert. „Es würde nichts bringen, jetzt noch das Kriegsbeil auszugraben“, erklärt Rudolph. Der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Königsbau sieht die Verwaltung jedoch in der Pflicht, die Fehler der Vergangenheit auszubügeln. „Es geht darum, die Innenstadt attraktiver zu machen“, sagt er. Die Stadt unterstützt die CIS mit jährlich 90 500 Euro. Da die Innenstadt im Wettbewerb mit anderen Handelszentren stehe, ist eine finanzielle Förderung der CIS gerechtfertigt, heißt es in der entsprechenden Beschlussvorlage des Gemeinderats.

Ist Standortwerbung fürs Milaneo auch gut für die City?

Die Hoffnung von City-Managerin Fuchs ist folgende: „Wir gehen davon aus, dass die notwendige Standortwerbung des Milaneo zu einem bestimmten Teil auch immer Werbung für Stuttgart insgesamt sein wird.“ Ob das funktioniert, könne vor der Eröffnung niemand beantworten, entgegnet Rainer Rudolph. „Dass Kunden vom Milaneo durch die dahinterliegende Büro- und Bankenwüste bis in die Innenstadt laufen, kann ich mir jedenfalls nur schwer vorstellen“, fügt er an.




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