Einzelhandel Wie kleine Läden überleben können

Von Götz Schultheiss 

Der Handel ist ein Haifischbecken. Wir haben Geschäftsleute gefunden, die furchtlos darin bestehen. Sie spüren zwar auch den Druck durchs Internet, aber sie haben ihre eigenen Strategien gefunden.

Nicoleta Schuster hat ihren festen Kundenkreis, es kommen aber auch neue Gesichter vorbei. Foto: Götz Schultheiss
Nicoleta Schuster hat ihren festen Kundenkreis, es kommen aber auch neue Gesichter vorbei. Foto: Götz Schultheiss

Filder - Immer mehr Einzelhändler geben ihre Geschäfte auf, denn der Druck durch die Konkurrenz von großen Ketten und den Handel im Internet ist groß. In vielen Branchen fressen die Großen die Kleinen. Kaum ein Monat vergeht zurzeit, in dem auf der Filderebene nicht eine Bäckerfiliale oder ein Lebensmittelhändler schließt. Eines der jüngsten Beispiele ist Ingrid Strähle, die in Kaltental Mitte August zum letzten Mal Obst, Gemüse und Blumen verkauft hat.

Wer sich halten kann, hat eine Nische oder ein besonderes Rezept gefunden. Dass man als kleiner Einzelhändler überleben kann, zeigt der Schuster-Markt auf dem Fasanenhof. Abseits vom Europaplatz liegt er im hinteren Bereich der Kurt-Schumacher-Straße, also nicht gerade in privilegierter Lage, obwohl er gewiss von der Nachbarschaft der Post profitiert.

Nicoleta Schuster und ihr Mann betreiben den Lebensmittelladen. Die beiden handeln mit Waren, die man in dieser Auswahl sonst selten findet: Alles kommt aus Osteuropa, aus Rumänien, Weißrussland, Republik Moldau, Ungarn, Polen. „Es leben sehr viele Menschen aus Russland hier im Fasanenhof“, sagt Nicoleta Schuster. Dennoch sei ihr Klientel gemischt: „Es kommen auch sehr viele Deutsche, die zum Beispiel Salzheringe, unsere auf besondere Art gewürzte Wurst oder die wunderbaren Weine aus der Republik Moldau zu schätzen wissen“, sagt sie.

Osteuropäische Produkte kommen auch bei Deutschen an

Nicoleta Schuster kam erst spät zu ihrer jetzigen Tätigkeit. Sie ist in der Republik Moldau, dem früheren Bessarabien, geboren und aufgewachsen. Deshalb spricht sie, wie ein Teil ihrer Kundschaft, fließend Rumänisch und Russisch, und eine Unterhaltung auf Ungarisch klappt auch.

Ihr heutiges Metier hat sie erst vor ein paar Jahren gelernt. „Eigentlich bin ich Rechtsanwältin, aber ich muss ja die deutsche Sprache gut lernen, und einen Beruf zum Leben brauche ich auch.“ Zum Lebensmittelhandel ist sie durch Zufall gekommen: „Ich wollte Käse von Moldawien nach Deutschland mitbringen, aber der Zoll am Flughafen hat ihn beschlagnahmt. Da habe ich darüber nachgedacht, wie ich dazu kommen kann und bin Einzelhändlerin geworden.“

Persönliche Beratung für den gewachsenen Kundenstamm

Blick nach Bernhausen. Seit fast 60 Jahren gibt es dort Steeb Männermode. Erfolgreich trotzt der Inhaber Michael Steeb der Konkurrenz von Billigketten und Internet. „Früher hat ein Kundenkreis seine Ware aus den Katalogen der großen Versandhändler wie Otto oder Quelle ausgesucht und dann dort bestellt, heute sitzen die Leute eben vor dem Computer“, erklärt er. Glücklicherweise gebe es aber nach wie vor viele Kunden, die Beratung wünschten: „Sie wollen die Ware anfassen, spüren wie sie sich anfühlt und wie sie aussieht, wenn man sie tatsächlich vor Augen hat, denn ein Bild ist geduldig.“ Seit vielen Jahren habe er einen Kundenkreis aufgebaut, der die Beratung, auch über Alternativen zur ausgesuchten Ware, schätze. „Wir bedienen Kunden, die Wert auf Qualität legen und die sie sich leisten können.“ Er fügt hinzu: „Wenn ein Fachhändler seine Kunden kennt, kauft er gezielt für sie ein und hat dann das, was sie wollen.“

Ganz sorgenfrei ist Michael Steeb dennoch nicht: „Das größte Problem für uns hier in Filderstadt ist der Parkplatzmangel. Wir haben viele Kunden aus dem Umkreis, zum Beispiel aus Leinfelden, Aichtal, Wolfschlugen, oder Neuhausen, die sich schwertun, einen Parkplatz zu finden. Das kostet uns richtig Umsatz.“ Die nahe S-Bahn-Station sei für dieses Problem keine Lösung: „Mit der S-Bahn fahren die Leute eher von Bernhausen weg.“

Kombination von leibhaftiger Präsenz und Internethandel

Der dritte Besuch führt zu einem Fotohändler. Viele von denen, die es noch gibt, klagen, dass man sich zwar von ihnen beraten lasse, die Kameras anschaue, um sie dann aber im Internet zu bestellen. Joachim Stolp, dessen Fotogeschäft an der Echterdinger Hauptstraße liegt, gehört nicht zu ihnen. Er macht einen glücklichen Eindruck. „Wir haben selbst Internethandel, hauptsächlich für Nikon-Professional-Artikel“, sagt er. Die Bestellungen kämen nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Holland, Dänemark, Italien, Österreich, Luxemburg oder Frankreich. „Nur in die Schweiz verschicken wir nicht. Die ist nicht in der EU, deshalb ist es mit dem Zoll zu schwierig.“

Wofür braucht er überhaupt noch Geschäftsräume? „Wenn wir nur Internethandel hätten und keinen Laden mehr, würde unser Internetgeschäft nicht so gut laufen. Die Leute wollen sehen, dass hinter den Aktionen im Netz ein seriöses Geschäft steht, und sie bei Bedarf einen Ansprechpartner haben. Manche bestellen im Internet und holen die Ware hier ab“, sagt er. Außerdem mache er im Geschäft nach wie vor Pass- und Bewerbungsbilder und natürlich Fotobücher. Die Gewinn-Marge beim Internethandel liege allerdings fast bei Null, der Profit komme anderswo her: „Man lebt ausschließlich vom Jahresbonus der Firmen.“ Seinen Schritt in den Internethandel bereut Joachim Stolp nicht: „Es gibt immer weniger Menschen, die in den Laden kommen, um vor dem Kauf die Kamera in die Hand zu nehmen.“ Wichtig sei es allerdings, dafür zu sorgen, in den Preissuchmaschinen des Internets vorne gelistet zu sein: „Dann läuft es.“

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