Einzelkinder und Corona Der Kampf gegen Langeweile und Einsamkeit
Langeweile, Unterforderung und Einsamkeit. Für Einzelkinder ist das Leben in Zeiten von Kontaktbeschränkungen oft nicht einfach. Es gibt aber auch Vorteile.
Langeweile, Unterforderung und Einsamkeit. Für Einzelkinder ist das Leben in Zeiten von Kontaktbeschränkungen oft nicht einfach. Es gibt aber auch Vorteile.
Stuttgart - Keine Geschwister zu Hause, kein Kindergarten und nur einmal pro Woche ein Treffen mit einer Freundin und deren Kindern – so sah der Winter für Tanja Moosmann und ihren zweijährigen Sohn Hannes aus. Hannes ist bisher ein Einzelkind. Zum Spielen hat er also nur seine Eltern. „Als die Kindergärten dann wieder geöffnet wurden, hatte ich schon den Eindruck, dass er ausgeglichener ist“, erzählt die 39-jährige Waiblingerin.
Die meisten Kinder in Deutschland wachsen mit Geschwistern auf. Laut dem Statistischen Bundesamt lebten 2019 acht von zehn aller zehnjährigen Kinder in Deutschland mit mindestens einem Bruder oder einer Schwester in einem Haushalt. Im Umkehrschluss heißt das, dass etwa 20 Prozent als Einzelkinder groß werden.
Normalerweise fällt es Einzelkindern heutzutage nicht schwer, Kontakte zu Gleichaltrigen zu knüpfen. Schließlich entwickeln sich im Kindergarten oder in der Grundschule schon frühzeitig Freundschaften. Doch in Zeiten von Social Distancing sind diese Kontaktmöglichkeiten immer wieder stark eingeschränkt.
Das stellt nicht nur die Eltern vor große Herausforderungen, die Arbeit, Kinderbetreuung und Homeschooling irgendwie unter einen Hut kriegen müssen. Auch die Kinder leiden unter fehlenden sozialen Kontakten zu Freunden, Erziehern oder Lehrerinnen – vor allem diejenigen, die keine Geschwister haben und deshalb viel Zeit ohne andere Kinder verbringen.
Das zeigt auch die aktuelle Studie „Kind sein in Corona-Zeiten“ des Deutschen Jugendinstituts (DJI), in der die Auswirkungen der Pandemie auf Familien im Frühjahrs-Lockdown 2020 untersucht wurden. Dazu befragten die DJI-Forscherinnen und -Forscher mehr als 12 600 Eltern von Kindern im Alter von drei bis 15 Jahren.
„Geschwister sind in diesen Zeiten ein Benefit“, sagt Thorsten Naab vom Deutschen Jugendinstitut in München, einer der Autoren der Studie. „Denn sie sind nicht nur eine wichtige Bezugsperson, sie spielen ab einem gewissen Alter auch eine wichtige Rolle bei der Betreuung ihrer jüngeren Geschwister.“
In ihren Befragungen fanden Naab und seine Kollegen heraus, dass Geschwister nicht nur Spielpartner füreinander sind, sondern sich gegenseitig auch Schutz und Trost bieten. Auch verbrachten der Studie zufolge Kinder mit Geschwistern während des ersten Lockdowns 2020 deutlich weniger Zeit allein (40 Prozent) als Einzelkinder (61 Prozent).
Außerdem stellten 33 Prozent der befragten Eltern von Einzelkindern im Lockdown häufiger Einsamkeit bei ihrem Kind fest. „Einzelkinder wenden sich natürlicherweise häufiger an ihre Eltern, wenn sie sich Gesellschaft wünschen. Jemand anderes ist ja gar nicht da“, gibt Thorsten Naab zu bedenken. „Entsprechend fällt es Eltern von Einzelkindern vielleicht auch einfach mehr auf, wenn ihre Kinder sich einsam fühlen.“
Ob sich ein Kind öfter allein fühlt, hängt aber auch stark vom Alter ab. Der DJI-Studie zufolge nahmen 31 Prozent der befragten Eltern von Kindergartenkindern ihr Kind während des Lockdowns als „eher einsam oder voll und ganz einsam“ wahr. Unter den Grundschülern gab es mit 27 Prozent etwas weniger einsame Kinder, in der Sekundarstufe waren es nur noch 21 Prozent.
Grund dafür, erklärt Thorsten Naab, sei zum einen die größere Selbstständigkeit der älteren Kinder, die auch per Telefon, Skype oder über Nachrichtendienste Kontakt halten könnten. Wenn es ums Homeschooling geht, haben Einzelkinder aber einen gewissen Vorteil. „Wenn Eltern mehrere Kinder haben, die zu Hause lernen müssen, kann es passieren, dass ein Kind zu kurz kommt, weil die Eltern denken, das andere Kind bräuchte mehr Unterstützung“, erklärt Thorsten Naab. „Ein Einzelkind hingegen muss die Aufmerksamkeit der Eltern nicht teilen.“
Auch Christine Tantschinez sieht es als Vorteil, dass sie und ihr Partner lediglich ein Kind zu Hause beschulen müssen. Die 43-Jährige, die in Ittlingen bei Heilbronn lebt, hat einen siebenjährigen Sohn. Henry geht in die zweite Klasse. „Gerade jetzt in Zeiten von Homeschooling bin ich wirklich froh, dass Henry ein Einzelkind ist und wir nicht zwei oder drei Kinder in der Schule unterstützen müssen“, sagt sie.
Sie selbst hat sogar das Gefühl, dass ihr Sohn zu Hause besser lernt als in der Schule. Denn bei Henry sei eine Hochbegabung, aber auch eine Konzentrationsschwäche festgestellt worden. „Zu Hause können wir natürlich viel individueller auf ihn eingehen und manche Sachen auch schneller durchgehen, wenn Henry sich langweilt“, erklärt Christine Tantschinez.
Soziale Kontakte kämen bei ihrem Sohn dennoch nicht zu kurz. „Wir wohnen in einem Dorf. Wenn er jemanden sehen will, geht er einfach zu einem der Nachbarskinder rüber“, erklärt sie. „Außerdem kann er sich auch gut selbst beschäftigen, mit Lego, Malen oder der Playstation.“ Was fehle, seien der tägliche Schulrhythmus und der Sport. Als einsam empfinde sie ihren Sohn aber nicht.
Um ihr Kind während der Pandemie bestmöglich zu unterstützen, sollten gerade Eltern jüngerer Einzelkinder regelmäßige Treffen mit Spielkameraden ermöglichen. Auch der Kontakt zu Erziehern und Lehrkräften sollte aufrechterhalten werden, sagt Thorsten Naab.
„Mit den Nachbarskindern kann man auch mal über den Zaun hinweg sprechen oder man kann mit einer anderen Familie eine Betreuungsgemeinschaft bilden, damit sich die Kinder regelmäßig sehen.“ Auch Schulkinder sollten die Möglichkeit haben, Kontakt zu Freundinnen und Freunden zu halten. „Das geht auch online“, meint Naab. „Insgesamt lässt sich aber schon sagen, dass diese Situation belastend für Kinder ist und sie auch prägen wird.“
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