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Einzelstudien-Syndrom Da beißt die Maus keinen Faden ab

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In den Medien heißt es immer wieder, dass Forscher dieses oder jenes bewiesen hätten. Einzelstudien-Syndrom wird das genannt, denn endgültig beweisen kann eine einzelne Studie kaum etwas. Muss der Wissenschaftsjournalismus davon kuriert werden?

Wie es der Labormaus geht, sagt noch nicht viel über die Gesundheit von Menschen aus. Foto: AP
Wie es der Labormaus geht, sagt noch nicht viel über die Gesundheit von Menschen aus. Foto: AP

Stuttgart - Steven Pinker hat angefangen. Der Psychologe der Harvard University empfiehlt Wissenschaftsjournalisten auf Twitter, nur noch über Studien zu berichten, die als gesicherte Erkenntnisse gelten können: also Studien, in denen andere Studien zusammengefasst und bewertet werden. Einzelne Studien haben nicht die nötige Autorität: Sie sind zwar von Gutachtern geprüft worden, aber auch Gutachter können irren – und sie können vor allem nicht die Experimente wiederholen, um diese zu bestätigen. Deshalb ist es nicht ungewöhnlich, dass Studien zu widersprüchlichen Ergebnissen kommen. Wenn Journalisten über einzelne Studien berichten, kann beim Publikum daher der Eindruck entstehen, dass die Wissenschaft nicht weiß, was sie will. Die amerikanische Journalistin Virginia Hughes hat das kürzlich am Beispiel der Studien über die eventuell gesundheitsfördernde Substanz Resveratrol im Rotwein dargestellt. Einmal ja, dann wieder nein – das geht seit Jahren so. Was haben die Leser davon, die langwierige Suche nach der Wahrheit auf diese Weise zu verfolgen?

Der Journalist Marcus Anhäuser hat die Debatte in seinem Blog nach Deutschland geholt und der Kollege Lars Fischer hat Pinkers Forderung kritisch kommentiert: Zum einen habe das Publikum nicht immer Geduld, um auf ein abschließendes wissenschaftliches Urteil zu warten, schreibt Fischer, zum anderen sei die Vermittlung gesicherten Wissens nicht die einzige, vielleicht nicht einmal die wichtigste Aufgabe für den Wissenschaftsjournalismus. Den ersten Punkt halte ich für unproblematisch: Wenn die Wissenschaft der Entwicklung hinterherrennt wie beispielsweise während einer Epidemie, dann ist Journalisten und Lesern klar, dass sich die wissenschaftliche Einschätzung noch ändern kann. Das Problem liegt vielmehr beim zweiten Punkt. Hier stimme ich Lars Fischer zu: Die Öffentlichkeit interessiert sich auch für einzelne Studien, wenn sie zum Beispiel einzigartig oder überraschend sind. Natürlich müssen Journalisten bei einzelnen Studien sagen, wie zuverlässig die Erkenntnisse sind. Von Beweisen zu sprechen, verbietet sich zum Beispiel meistens.

Ausgerechnet die Studien, die nicht belastbar sind

Der Mediziner Senthil Selvaraj vom Brigham and Woman’s Hospital in Boston hat mit zwei Kollegen 75 Medizinartikel aus bekannten US-amerikanischen Zeitungen wie der „New York Times“ untersucht und festgestellt, dass bevorzugt über Studien mit geringer Aussagekraft berichtet wird. Nur in 13 Artikeln sei es um randomisierte kontrollierte Experimente gegangen, berichten die Mediziner im Online-Fachmagazin „PLOS One“. In solchen Experimenten werden Patienten per Los in zwei Gruppen eingeteilt, von denen nur eine die richtige Therapie erhält. Wenn es ihnen anschließend besser geht als den Patienten aus der nur zum Schein behandelten Vergleichsgruppe, kann man mit einiger Zuverlässigkeit sagen, dass die Therapie den Unterschied gemacht hat.

Steven Pinker hält es sicher für ein Manko, aber ich habe nichts grundsätzlich dagegen, über wissenschaftlich nicht ganz so gehaltvolle Studien zu berichten. Vorausgesetzt, die Geschichte ist interessant und das wissenschaftliche Resultat wird richtig eingeordnet. Auch die aussagekräftigeren Studien muss man übrigens interpretieren, betont Lars Fischer zu Recht. Und wenn das nicht geschieht, dann muss man die Mängel im Wissenschaftsjournalismus praktisch angehen und nicht prinzipiell. Also zum Beispiel Journalisten schulen statt ihnen eine fehlerträchtige Form der Berichterstattung zu verbieten.

Aber mit diesem Konsens ist die Debatte nicht erledigt, denn aus meiner Sicht gibt es zu viele Meldungen aus der Wissenschaft, die eins wollen und nicht können: gesicherte Erkenntnisse vermitteln. Ich denke vor allem an die kurzen Meldungen, in denen auf wenig Platz eine angebliche Sensation präsentiert wird. Wenn Wissenschaftsjournalisten auf ein Thema anspringen, setzen sie in aller Regel voraus, dass die Studie stimmt – und oft genug setzen sie noch einen drauf. Journalisten müssten die Botschaft zuspitzen, sagen sie zur Verteidigung. Die Resveratrol-Studien sind nicht der problematische Fall. Die Artikel der „New York Times“, die Virginia Hughes zitiert, stammen von Autoren, die seit Jahren über die Wirkung von Rotwein berichten. Sie stellen Studien nicht so dar, als stehe jede für sich. Sorgen machen mir die Fälle, in denen weitreichende Schlussfolgerungen gezogen werden. Mich stört weniger das Mal-so-und-mal-so, sondern vielmehr das So-und-nicht-anders.

Ein alternativer Therapievorschlag

Ich denke an die vielen Durchbrüche, von denen ich gelesen und dann nie wieder gehört habe. Ein anderes Beispiel stammt aus der jüngsten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Nature“, in dem eine Gruppe um Sarah Richardson von der Harvard University übertriebene Schlussfolgerungen aus epigenetischen Studien kritisiert. Solche Artikel thematisieren beispielsweise, wie sich die Ernährung der Mutter in der Schwangerschaft auf die Gene und damit auf die Gesundheit ihrer Kinder auswirken kann. „Macht den Müttern keine Vorwürfe“, ist Richardsons Artikel überschrieben. Ihre Empfehlung an Wissenschaftler und Journalisten: „vermittelt Komplexität“. Das Essen in der Schwangerschaft sei nicht der einzige Faktor, der die Gesundheit der Kinder beeinflusse. Aber ist Komplexität nicht das Letzte, was Journalisten und Leser wollen? Sie wünschen sich nach meinem Eindruck die Wissenschaft einfach und eindeutig.

Richtig gut scheinen Wissenschaft und Medien nicht zueinander zu passen. Vielleicht lohnt es sich daher, über eine Therapie nachzudenken, die in eine andere Richtung geht als die von Steven Pinker: Journalisten sollten seltener über aktuelle Studien berichten. Statt noch mit Sperrfrist versehene Fachartikel zu lesen und eine zweite Meinung zu den neuesten Erkenntnissen einzuholen, könnten sie mit Wissenschaftlern über das reden, was Menschen bewegt. Im Gespräch würden die Wissenschaftler natürlich Studien zitieren, aber es wären ältere Studien, die bereits in der Fachwelt diskutiert worden sind. Die Berichterstattung würde seltener durch Fachartikel ausgelöst, als vielmehr durch echtes Interesse an der wissenschaftlichen Expertise.