Einzigartiges Projekt aus Fellbach Weingut Aldinger knackt die 100-Euro-Marke – mit einem Burgunder

, aktualisiert am 17.07.2025 - 15:18 Uhr
Matthias Aldinger bei der Traubenlese in Marsannay im französischen Burgund. Seine Weine von dort sind 124 Euro pro Flasche wert – und bereits ausverkauft. Foto: privat

Matthias Aldinger baut in Fellbach echten Burgunder aus Marsannay in Frankreich aus und startet damit ein Projekt, das einzigartig in Württemberg ist.

Chefredaktion : Holger Gayer (hog)

Unscheinbar kommt es daher, das Etikett auf einem der spannendsten Weine der letzten Jahre. Weißer Hintergrund, schwarze Schrift und ein bunter Mix aus deutsch, französisch und der Fantasie seines Schöpfers. „Marcène“ heißt der Wein, was französisch klingen und auf die Herkunft der Trauben aus Marsannay im Burgund hinweisen soll, letztlich aber nichts anderes ist als eine Wortschöpfung von Matthias Aldinger.

 

Von „226 Bouteilles“, also Flaschen, beim Weißen und „333 Bouteilles“ beim Roten ist dann noch die Rede, garniert mit einem Satz, der das Projekt in bestem Marketingdeutsch auf den Punkt bringt: „Wein gewonnen in Deutschland aus französischen Trauben.“

Aldingers Trollinger Rosé – 80 Euro und immer ausverkauft

Dass die Urheberschaft dieses schmucken Slogans in Wahrheit in einer schwäbischen Amtsstube liegt, freut Matthias Aldinger umso mehr. „Ich habe die Deutsche Weinkontrolle von Anfang an mit einbezogen, weil ich nichts hintenrum und vor allem nichts falsch machen wollte“, sagt der Winzer aus Fellbach, der nicht nur für seine erstklassigen Weine, sondern auch für seine ebenso spinnerten wie wegweisenden Ideen bekannt ist.

Der Trollinger Rosé von Aldinger ist bei Weinkennern begehrt. Foto: Gottfried Stoppel

Als er 2019 zusammen mit seinem Bruder Hansjörg beschloss, einen Trollinger Rosé wie einen Chardonnay auszubauen und für 80 Euro pro Flasche zu verkaufen, hielten ihn die meisten Kollegen und Branchen-Insider für verrückt. Das Ergebnis: Der Wein ist seit seinem ersten Jahrgang stets schon ausverkauft, bevor er überhaupt offiziell auf den Markt kommt. Fürs Renommee der schwäbischen Nationalrebsorte ist das ein unschätzbarer Gewinn, für den Ruf des Weinguts Aldinger nicht weniger.

Aldinger ist selbst zur Lese ins Burgund gefahren

Genauso verhält es sich nun mit dem Marcène. Beide Weine sind nach wenigen Augenblicken vergriffen gewesen, die Geschichte aber bleibt und mehrt den Ruhm. Am 11. September 2022, einem Sonntag mitten in der eigenen Erntesaison, fuhr Aldinger mit einem Kühl-Lkw die 500 Kilometer von Fellbach zu seinem Freund Eric nach Marsannay, um mit dem Bio-Wengerter zusammen einige Kilogramm von dessen Chardonnay und Pinot Noir zu lesen. Die Idee: „Ich wollte herausfinden, wie Trauben aus dem Burgund schmecken, wenn sie in Württemberg nach meiner Handschrift ausgebaut werden.“

Weder im deutschen noch im mindestens ebenso strengen französischen Weingesetz ist so ein Projekt vorgesehen. Immerhin hatte aber auch keiner der Aufpasser etwas dagegen, solange einige Regeln beachtet werden: Die deutsch-französische Kombination darf weder als Produkt des vielfach prämierten Weinguts Aldinger verkauft noch mit der Appellation Marsannay aus dem Burgund versehen werden. Obwohl eine Flasche satte 124 Euro kostet, steht das Getränk nach dem deutschen Weingesetz auf der untersten Stufe der Qualitätspyramide, noch unterhalb des Schwäbischen Landweins. Gleichzeitig kommen Kenner wie der Weinhändler Heiner Lobenberg gar nicht mehr raus aus dem Schwärmen. „Samt und Seide, aber eben auch Power und mineralische Tiefe“, attestiert Lobenberg dem roten Spätburgunder, „eine enorme Erhabenheit“ dem weißen Chardonnay.

Bei den Lauffener Weingärtnern reift Wein in Whiskyfässern

Wie wichtig solche Urteile und Innovationen in einem schrumpfenden Markt sind, haben mittlerweile auch die großen Weinbaubetriebe erkannt. So sind zum Beispiel die Lauffener Weingärtner – seit dem Zusammenschluss mit den Kollegen in Mundelsheim mit knapp 900 Hektar Rebfläche eine der größten Genossenschaften Württembergs – längst mit einem Strauß an Marken präsent. In der sogenannten Weinwerkstatt entstehen bezahlbare Raritäten, in der Vinitiative exklusiv ausgebaute High-Level-Produkte. Ähnliche Projekte haben fast alle Genossenschaften und Privatbetriebe inzwischen im Programm. Eine Lauffener Spezialität ist dagegen der sogenannte „Whyne“. Dafür haben die Genossen Rotweine in Eichenholz-Fässern reifen lassen, die zuvor zur Lagerung von Spirituosen verwendet wurden. „In dieser Komposition vereinen sich die Primär-Aromen der Weine in exzellenter Weise mit der besonderen Würze aus den dezenten Noten der Barrels und Hogsheads“, sagt der Geschäftsführende Vorstand der Lauffener, Marian Kopp.

Ganz anders und doch vergleichbar in ihrer Kreativität sind Kopps Kollegen in Fellbach unterwegs. Dort hat man neben Trollinger, Lemberger und Riesling mittlerweile auch Verjus im Programm. Der Saft, der aus unreifen Trauben gewonnen wird, kann laut der Produktinformation der Fellbacher Genossen „als Alternative für Essig oder Zitrone verwendet werden“. Auch das Weingut der Stadt Stuttgart hat sich längst zum Innovationstreiber entwickelt, wie etwa der Orangewine zeigt, der für 14,90 Euro auf der Preisliste steht und ein nach Art eines Rotweins ausgebauter Weißwein ist.

Matthias Aldinger plant eine Fortsetzung seines Abenteuers

Wie nachhaltig sich all diese Neuheiten am Markt durchsetzen werden, ist zwar noch nicht ausgemacht. Tatsache ist aber, dass sie Geschichten erzählen, was an sich schon ein Wert ist in einem schwierigen Umfeld. Auch Matthias Aldinger hat in dieser Hinsicht noch einiges vor. Den 2023er Marcène hat er schon auf der Flasche (der Verkauf startet aber erst 2026), in diesem Jahr könnten noch zwei weitere deutsch-französische Kooperationen hinzukommen: die eine mit Meursault, die andere mit Bordeaux.

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