Auch als Torso noch imposant: Die letzte Werklok der Maschinenfabrik Esslingen wird in einer Werkhalle bei Schorndorf auf Vordermann gebracht. Foto: FVME
Einst war die Maschinenfabrik Esslingen eine Weltfirma. Das ist lang vorbei. Aber Tüftler bringen die letzte Werklok der vor 180 Jahren gegründeten Fabrik auf Vordermann.
Ein bisschen Fantasie braucht’s schon. Manche Teile wurden ausgebaut. Andere werden ersetzt oder woanders instandgesetzt. Bleibt ein riesiger, rechteckiger Kasten. Doch sogar im teilweise zerlegten Zustand macht er etwas her. Eine schmucke Dampflok ist er gewesen. Das soll er auch wieder werden. Irgendwann. In späteren Jahren. Zehn Idealisten wollen dafür sorgen. Sie möchten die letzte Werklok der vor 180 Jahren gegründeten Maschinenfabrik Esslingen (ME) restaurieren und wieder auf die Schiene bringen.
In der großen Montagehalle im Gewerbegebiet Hammerschlag bei Schorndorf geht es zu wie auf vielen Baustellen dieser Welt. Männer stecken die Köpfe zusammen. Diskutieren über mögliche Lösungen. Beugen sich über Pläne. Hantieren mit Werkzeug. Schrauben hier, werkeln da. Sie sind ein eingespieltes Team, die Tüftler vom „Förderverein zur Erhaltung von Lokomotiven der Maschinenfabrik Esslingen (FVME)“. Sie restaurieren mit Herzblut.
Hans-Thomas Schäfer leidet auch am Lokomotiven-Virus. Als Vereinsvorsitzender darf er aber nicht nur schrauben. Er muss auch Öffentlichkeitsarbeit machen. Das kann er, da kennt er sich aus. Die Maschinenfabrik Esslingen, sagt der Eisenbahnfan, sei eine Weltfirma voll schwäbischem Pioniergeist mit Ausstrahlung fast auf den ganzen Globus gewesen. Ein Wahrzeichen der Industrialisierung des mittleren Neckarraums.
Eisenbahnnostalgiker: Hans-Thomas Schäfer ist der Vorsitzende des „Fördervereins zur Erhaltung von Lokomotiven der Maschinenfabrik Esslingen“. Foto: Roberto Bulgrin
Dann zeigt er Fotos, Dokumente, Urkunden, Papiere. Fast 200 Jahre Geschichte im Zeitraffer. Der württembergische König Wilhelm I., sagt Hans-Thomas Schäfer, träumte ab etwa 1830 von einer Verbindung der Räume Neckar, Donau und Bodensee per Eisenbahn oder Schleuse. Stuttgart oder Ulm sollten rasch erreicht, Mobilität geschaffen werden. Strecken zwischen Cannstatt, Untertürkheim und Esslingen sowie Pragsattel, Rosensteintunnel und Bahnhof Bolzstraße entstanden. Die erste Lok kam im Jahr 1845 aus den USA.
„The Länd macht es lieber selbst“, dachte auch einst der König
Doch für Wilhelm galt, was heute auch noch gilt: „The Länd macht es lieber selbst.“ Der Monarch wollte Württemberg unabhängig machen, weiß Hans-Thomas Schäfer. Eine Fabrik zur Herstellung von Lokomotiven und Eisenbahnequipment sollte auf royalen Wunsch gegründet werden. Eine Ausschreibung folgte. Die Firma Maffei in München unterlag. Der junge Emil Kessler bekam den Zuschlag. Die Maschinenfabrik Esslingen wurde im März 1846 als Aktiengesellschaft für den Bau von Lokomotiven und Eisenbahnwagen gegründet. Zuerst befand sie sich nahe des Bahnhofsareals am Neckar. Anfang der 1910er Jahre zog sie in ein neues Fabrikgelände in Esslingen-Mettingen. Gründe waren Strecken- und Kapazitätserweiterungen, Verbesserungen der Abläufe und Subventionen der Stadt. Mehr als 5000 Lokomotiven hat die „ME“ in ihrer langen Geschichte produziert, rechnet Schäfer vor.
Eine davon steht in der Werkhalle bei Schorndorf – teilweise auseinandergebaut zwar. Der Kessel zum Beispiel wird in einer Fachfirma in Waiblingen auf Vordermann gebracht. Doch immer noch beeindruckend: „Das ist die letzte Werklokomotive der Maschinenfabrik Esslingen“, sagt Hans-Thomas Schäfer. Und liefert noch den Lok-Steckbrief nach: „Bauart T3, Achsfolge C, Fabrikationsnummer 4092, von 1923 bis in die 1960er Jahre in Mettingen im Einsatz.“ Nach ihrer Ausmusterung landete die Lok über Umwegen bei der Stadt Kornwestheim – sie nutzte die alte Lady zunächst als Kinderspielzeug auf einem Spielplatz. Doch Verletzungsgefahren bargen Sicherheitsrisiken. Die Lokomotive wurde auf dem Güterbahnhof Kornwestheim geparkt, bis sich der 2003 gegründete Förderverein ihrer annahm. Nun steht sie in der Werkshalle bei Schorndorf. Dietmar Haerer, ein Einheimischer mit einem Herz für Eisenbahnnostalgie, stellt die Örtlichkeit zur Verfügung – zum Schrauben, Restaurieren und Tüfteln.
Tüftler mit Herzblut: FVME-Mitglieder arbeiten in ihrer Freizeit an der alten Lok. Foto: Roberto Bulgrin
Hans-Thomas Schäfers Blick schweift weg von dem Lok-Torso hin in weite Ferne: „Ziel ist es, die Lok wieder fahrtüchtig zu machen.“ Er und seine Vereinskameraden träumen davon, dass die letzte Werklok der Maschinenfabrik Esslingen später auf den Schienen der „Schwäbischen Waldbahn“, einer historischen Museums-Dampf- und Dieselzugstrecke, unterwegs sein könnte. Die Strecke von Schorndorf über Rudersberg nach Welzheim ist etwa 23 Kilometer lang. Getragen und finanziert wird das Projekt T3 seinen Worten zufolge aus Mitgliedsbeiträgen des Fördervereins, der ehrenamtlichen Arbeit seiner Schrauberkollegen, Spenden oder freiwilligen Beiträgen, die ihm Besucher etwa nach Vorträgen geben. Manche Firmen lassen sich auch von der Begeisterung des Vereins anstecken und unterstützen etwa durch die kostenlose Lieferung von Ersatzteilen.
Die letzte Lok der Maschinenfabrik Esslingen war für Sumatra bestimmt
Zügig geht das nicht. Zug um Zug wird die Lok auf Vordermann gebracht. Hans-Thomas Schäfer streicht dem Stahlross liebevoll über die eisernen Formen. Wichtig sei auch die Beibehaltung des historischen Aussehens. Für ihn ist die Restaurierung der Lok zudem ein Stück Traditionspflege, eine Erinnerung an die Maschinenfabrik Esslingen. Dabei gibt es sie nicht mehr: „1968 wurde die Maschinenfabrik von der Daimler-Benz AG zur Werkserweiterung übernommen und als eigenständige Vermietungsgesellschaft der Grundstücke und Gebäude bis 2003 weitergeführt.“ Die Herstellung von Eisenbahnfahrzeugen wurde eingestellt: „Die letzte von der ME 1966 ausgelieferte Lok war für die Padang-Bahn auf Sumatra bestimmt.“
Einige Zeit stand die T3 auf einem Güterbahnhof in Kornwestheim. Foto: FVME
Die Maschinenfabrik war Geschichte. Doch nach Ansicht von Hans-Thomas Schäfer ist sie auch ein Stück starke Geschichte. Nicht allein Lokomotiven wurden hergestellt: „Die ME hat in ihren vielen Jahren fast alles gebaut.“ Dampfmaschinen, Schiffe, Brücken, Schmucksäulen, Kältemaschinen, Brunnen, Straßenbahnen, Fahrzeuge, Waggons, sogar Gullideckel gingen vom Band. Spuren sind geblieben. Die Agnesbrücke in Esslingen, der Brunnen vor dem Ebershaldenfriedhof oder der Dachstuhl der Frauenkirche seien alle made by Maschinenfabrik Esslingen. Diesen Glanz möchte er im kollektiven Gedächtnis bewahren. Durch die letzte Werklok. Sie steht auseinandergebaut in Schorndorf. Doch sie soll wieder in Fahrt kommen.
Von Esslingen in die Welt
Stahlbau Die Maschinenfabrik Esslingen hat in ihrer langen Geschichte vieles hergestellt – auch für den globalen Markt. Stahlbau der Maschinenfabrik Esslingen wurde laut Hans-Thomas Schäfer etwa für das Breuninger-Gebäude 1936, den Winterbau des Circus Althoff, den Berliner Anhalter Bahnhof oder den Hafenbahnhof in Friedrichshafen verwendet.
Internationalität Lokomotiven made in Esslingen gingen laut Schäfer hinaus in die ganze Welt. Die damals stärkste Lok der Welt etwa sei 1954 für Argentinien gebaut worden. Brücken wurden ebenfalls hergestellt – etwa über die Enz bei Neuenbürg, die Tauberbrücke in Weikersheim oder das Kochertal-Viadukt bei Tullau bis 1973. Schmucksäulen wurden auch für den Bereich Innere Brücke, die Neckarstraße oder die Ecke Pliensau- und Lederstraße in Esslingen produziert.