Sonntags war im Alten Esslinger Rathaus Tanz. Günter Langer ging zum ersten Mal hin. „Ich war schon ein bisschen schüchtern“, behauptet der heute 86-Jährige zwar von sich. Doch als er damals im Sommer 1957 die bildhübsche Frau im großen Saal sah, war alle Befangenheit wie weggeblasen. Er forderte sie zum Tanz auf. Und sie merkte schon bei seinen ersten Worten: „Zum Glück ist er kein Schwabe.“ Nicht dass Gerda Langer etwas gegen diesen ganz besonderen Menschenschlag gehabt hätte. Nein, Ressentiments kannte sie nicht. Aber die in Schlesien Geborene verstand den Dialekt damals noch nicht ganz. Doch mit dem aus Bischdorf in der damaligen DDR stammenden Günter Langer gab es keine Verständigungsprobleme. Auch heute – nach 65 Jahren Ehe – verstehen sich die beiden Senioren bestens. Am 17. Juli feierten sie ihre Eiserne Hochzeit. Wegen gesundheitlicher Probleme fand der Pressetermin aber etwas später statt.
Nach ihrem Ehegeheimnis befragt, muss Gerda Langer nicht lange überlegen: Sich gegenseitig seine Freiräume lassen, nicht ständig aufeinander hocken, auch die jeweils eigenen Interessen pflegen. Sie ist in ihren Damen-Kegelverein gegangen, ihr Mann hatte seine Mineraliensammlung und seinen geliebten Schrebergarten. Krach hat es natürlich mal gegeben, sagt das „Eiserne Ehepaar“: Immer nur Harmonie – das gebe es in einer langen Ehe nicht. Aber sie haben es beide gut hinbekommen. Obwohl sie nach dem ersten Kennenlernen im Alten Rathaus zunächst eine „Straßenbahn-Beziehung“ geführt hatten. Gerda wohnte in Denkendorf, Günter in Esslingen-Wäldenbronn – und mit der Straßenbahn fuhren sie zum Wohnort des anderen. Nach mehreren Dates traten sie 1959 vor den Traualtar.
Ähnliche Biografien
Ihre Biografien ähneln sich. Beide haben Fluchterfahrungen, den Verlust des Elternhauses, das Aufgeben der gewohnten Umgebung erlebt. Das schweißt zusammen. Sein Vater, erzählt Günter Langer, ist im Zweiten Weltkrieg gefallen. Diese Erfahrung prägte ihn schon als jungen Mann: „Ich wollte unter keinen Umständen eine Knarre in die Hand nehmen.“ Einen Dienst in der Armee der DDR lehnte er schon als 17-Jähriger ab.
Ein Kumpel von ihm wollte ebenfalls weg und hatte sich vorsorglich eine Adresse in Ostberlin besorgt. Mit wenig Gepäck und viel Unbehagen setzten sich die beiden in den Zug – zunächst nach Dresden und dann in die Hauptstadt der DDR. Hätte sie jemand kontrolliert, hätten sie die Adresse vorgezeigt und gesagt, dass sie bei dieser Familie Aufbauhilfe leisten wollten. Die Ausrede, meint Günter Langer noch heute, sei plausibel gewesen. Auch Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren die Schäden groß gewesen und junge Männer wurden immer wieder bei der Beseitigung eingesetzt. Doch er hatte Glück. Niemand wollte etwas von ihm. 1955 – sechs Jahre vor dem Bau der Mauer – spazierte er einfach über die grüne Grenze und meldete sich bei einer Auffangstelle in Berlin West.
Gesuchte Arbeitskraft
Zunächst ist er dort in einem Lager gelandet. Dann wurde er mit dem Bus quer durch DDR-Gebiet nach Nürnberg gebracht. Wie das zuging, weiß er heute nicht mehr. Aber dafür, dass alles glatt ging, ist er auch nach vielen Jahren noch dankbar. Das gewohnte Leben zurückzulassen, sei ihm damals als jungem Spund nicht schwer gefallen. Er habe gewusst, dass es kein Zurück gebe, aber das habe er für ein neues Leben in Kauf genommen, sagt er. Als gelernter Zimmermann war er während des Baubooms in den Nachkriegsjahren in Westdeutschland eine begehrte Arbeitskraft. In Esslingen wurden Männer seines Schlags dringend gebraucht.
Auch für Gerda Langer fand sich in der Neckarstadt ein Arbeitsplatz. In jungen Jahren kam die 1939 Geborene mit ihrer Mutter und sechs Geschwistern nach Glauchau in Sachsen. Der Vater war noch in Kriegsgefangenschaft. Ihren Beruf als Weberin hat sie gerne ausgeübt. Aber sie war jung, lebenslustig, voller Tatendrang. Als ihr über einen Bekannten eine Stelle in Westdeutschland angeboten wurde, schlug sie zu. „Die Ausreise erfolgte ganz regulär mit einem Fahrschein“, sagt sie. Der Arbeiter- und Bauernstaat ließ sie ohne Murren ziehen. Doch ihre Familie und die ihres Mannes mussten mit den Folgen klar kommen. Die Mutter von Günter Langer musste als Reaktion auf seine Flucht auf staatlichen Druck hin in eine kleinere Wohnung ziehen. Berufswünsche seiner Geschwister wurden ignoriert, Auszeichnungen verwehrt. Auch die Familie von Gerda Langer erlebte Restriktionen. Dennoch, sagen beide, sie bereuten nichts.
Überraschung zum Jubiläum
Auch nicht ihren Eheschluss. Zwei Söhne und eine Tochter brachte Gerda Langer zur Welt. Doch nebenher, betont sie, habe sie immer in verschiedenen Stellen gearbeitet, um die Familie mit durchzubringen. Nun freut sich das Ehepaar über Enkel und Urenkel. In vier Wochen geht es nach Tunesien in den Urlaub. Das Hotel hat zum Jubiläum ihrer Eisernen Hochzeit eine besondere Überraschung angekündigt, und Gerda Langer hofft, dass es nicht wieder eine klebrige Riesentorte ist. Die hat sie nämlich in einem anderen Hotel vor 15 Jahren zur Goldenen Hochzeit bekommen. Die Seniorin war mit dem Prachtstück heillos überfordert und musste Kuchenstücke an andere Urlauber abgeben. Auch ihr Leben war nicht immer nur ein Zuckerschlecken. Doch ihr Fazit nach langen Ehejahren lautet: „Nochmals 65 Jahre schaffen wir sicher nicht.“
Feiern im Ehealltag
Ehejubiläen
Das Ehepaar Langer feiert nach 65 Jahren die Eiserne Hochzeit. Nach 70 Jahren folgt die Gnadenhochzeit, nach 80 Jahren die Eichenhochzeit. 90 gemeinsame Ehejahre werden als Marmorne Hochzeit bezeichnet, 100 Jahre als Himmelshochzeit.
Ehefeiern
Nach 25 Ehejahren kann die Silberne, nach 50 die Goldene Hochzeit begangen werden. Aber auch für noch frisch vermählte Ehepaare gibt es Anlass zu feiern: Je nach Region unterscheiden sich die Bezeichnungen. Doch nach einem Jahr, wenn die Beziehung noch hauchdünn ist, kann die Papierhochzeit zelebriert werden. Nach zwei Jahren ist die Partnerschaft gefestigter – es steht die Baumwollhochzeit an.