Eishockey-Oberliga: Stuttgart Rebels „Ich suche den blauen Ozean und greife dort zu“

Mittlerweile Spieler und sportlicher Leiter in Doppelfunktion: Rebels-Kapitän Matthew Pistilli. Foto: Günter Bergmann

Vor dem Heimspiel am Freitag gegen die Bietigheim Steelers spricht der Kapitän und nun auch sportliche Leiter des Eishockey-Oberligisten Stuttgart Rebels, Matthew Pistilli, über Trainer, Mitspieler und Zukunft.

Bereits seit 2019 wohnt Matthew Pistilli in Stuttgart. Seine Frau Jessica Croteau ist Lehrerin an der hiesigen internationalen Schule. Seit der Spielzeit 2023/24 stürmt er für die Stuttgart Rebels und hat vor kurzem an einer kanadischen Fernuniversität seinen Bachelor in Management absolviert. Mit ein Grund, warum er nun bei den Degerlochern neben seiner Spielertätigkeit auch noch den Job des sportlichen Leiters übernommen hat. Vor dem Heimspiel an diesem Freitag (20 Uhr) gegen den Erzrivalen Bietigheim Steelers sei das Team nach dem schwachen Start mittlerweile „deutlich stabiler und auf dem richtigen Weg“, sagt er.

 

Und Matt Pistilli, sind Sie aktuell mächtig im Stress?

Ja , bin ich. Die Position als sportlicher Leiter ist meine erste Tätigkeit im Management eines Eishockey-Clubs. Es fühlt sich an, als hätte ich Schmetterlinge im Bauch beziehungsweise spüre ich dieses Gefühl, als stünde eine wichtige Partie an. Doch es ist angenehm, weil mir der Verein viel Vertrauen entgegenbringt und ich mir sicher bin, das Vertrauen auch zurückgeben zu können. In Stuttgart schlummert viel Potenzial für Eishockey, der Verein ist ein schlafender Riese.

Es heißt, Sie seien bereits im Sommer mit einer SWOT-Analyse, einer Einschätzung von Stärken und Schwächen einer Organisation, bei Geschäftsführer Roland Schmid aufgetaucht. Was waren die Kernpunkte der Analyse?

Die Stärke ist die Wirtschaftsregion. Diese gilt es weiter für Eishockey auf der Waldau zu gewinnen. Darüber hinaus wohnen in der Region viele Nordamerikaner, die ja bekanntlich Eishockey lieben. Auch diese Gemeinschaft muss verstärkt auf die Rebels aufmerksam gemacht werden. Gleiches gilt für den Nachwuchs, indem wir Spieler in die Schulen gehen und den Schülern das zugegebenermaßen komplexe Spiel Eishockey näherbringen. Einen ähnlichen Weg gingen auch schone einige NHL-Clubs. Die Schwäche ist sicherlich die geringe Größe des Clubs beziehungsweise das niedrige Budget, das aber sukzessive auch erhöht wird. Dementsprechend setzen wir auf die Entwicklung der jungen Mannschaft. Schritt für Schritt wird sie besser.

Beim Blick auf die Tabelle steht aber die gleiche Platzierung wie im Vorjahr: Letzter. Damals sagten Sie, es fehlt an der Qualität.

Stimmt, im Vorjahr fehlte es wirklich an der Qualität. Das ist nun anders. Mein Vorgänger Jakob Vostarek hat einen perspektivisch guten Kader zusammengestellt. Alle Spieler sind auch charakterlich super Typen und bringen enormes Potenzial mit. Wir haben eines der jüngsten Teams der Liga und es macht halt eben einen enormen Unterschied, ob jemand 50 oder beispielsweise 500 Profispiele auf dem Buckel hat. Fehler sind deshalb einkalkuliert. Das Positive ist längere Sicht: die Jungs wollen ständig dazulernen.

Dann ist das Saisonziel, die Pre-Playoff-Plätze, doch noch zu erreichen?

Warum nicht? Auf Platz zehn sind es sieben Punkte. Das ist im Eishockey nichts, kann innerhalb von zwei Wochen ausgeglichen werden, zumal wir nach der Deutschland-Pokalpause deutlich konstanter spielen.

Wie ist die von Ihnen angesprochene Leistungssteigerung nach der Pause zu erklären. Zuvor wirkte das Team – wie im Vorjahr – nicht konkurrenzfähig?

Wir haben gut begonnen, früh drei Siege geholt. Dann folgten zehn Niederlagen. Grund war mit Sicherheit die fehlende Erfahrung. Je mehr Rückschläge es gab, umso geringer wurde natürlich das Selbstvertrauen. Ich mache die Misere aber auch an meiner Person fest. Ich konnte nicht den Leader geben, der ich eigentlich bin. Nach meinem Fußbruch im April hatte ich noch mit den Folgen zu kämpfen, hatte Probleme beim Schlittschuhlaufen, vor allem beim Richtungswechsel. Die Automatismen waren weg. So hatte ich mehr mit mir zu kämpfen, konnte dem Team nicht helfen. Die zehn Tage Pause haben dann allen gut getan, ich bin nun wieder bei 99 Prozent und auch die Jungs haben den nächsten Schritt gemacht. Der 3:0-Sieg zuletzt in Riessersee hat den allgemeinen Aufwärtstrend deutlich unterstrichen.

Das heißt, Ihr fegt am Freitag den Erzrivalen Bietigheim aus der Halle.

(lacht). Natürlich nicht. Für mich steht das Resultat nicht im Vordergrund, vielmehr die Art und Weise, wie sich die Jungs präsentieren. Derbys sind wie die möglichen Pre-Playoff-Spiele. Es gilt, die beste Leistung abzurufen, nicht bei klaren Angelegenheiten fünf Tore zu erzielen. Für die Jungs beginnt mit dem Bietigheim-Spiel sozusagen das Casting für die kommende Saison. In den restlichen 22 Partien der Hauptrunde kann jeder unter Beweis stellen, ob er es verdient, in der nächsten Runde noch in Stuttgart zu spielen.

Da sind wir schon bei Ihrer Hauptaufgabe, der Kaderplanung für die kommende Spielzeit. Das hört sich so an, als würden Sie mit den meisten der aktuellen Spielern verlängern wollen?

Natürlich nicht, Veränderungen muss es geben. Doch alle Akteure haben Potenzial, um in der Oberliga zu spielen. Wie gesagt, das können sie in der Restsaison nun weiter zeigen.

Gilt das auch für Trainer Jan Melichar? In der Fanszene wird zum Teil diskutiert, dass er so gefasst und wenig emotional wirkt.

Das wirkt nur so, in der Kabine kann er durchaus emotional sein. Er ist ein Top-Trainer und akribischer Arbeiter. Wir haben ihm ein Angebot für die kommende Saison unterbreitet, warten noch auf seine Antwort. Es wird häufig vergessen, dass auch er ebenfalls ein Rookie ist, bislang immer nur als Assistenzcoach tätig war. Bei den Rebels steht er erstmals in alleiniger Verantwortung. Deshalb muss man ihm ebenfalls Fehler verzeihen. Zudem übernimmt er aktuell alle Traineraufgaben alleine, das ist eigentlich nicht zu stemmen.

Wird sich das ändern?

Ja. Für die nächste Saison wird es zusätzlich einen Assistenz- sowie Videotrainer geben. Zudem werden die Trainingszeiten auf morgens verlegt, wie es bei vielen anderen Clubs auch der Fall ist. Ein weiterer Schritt hin zur Professionalisierung.

Welche Pläne haben Sie noch, um die Mannschaft trotz – wohl auch weiterhin geringem Etat – zu verstärken?

Ich suche den blauen Ozean und greife dort zu.

Wie bitte?

Das heißt, dort nach neuen Spielern zu suchen, wo es sonst keiner macht. Diesen Weg haben zum Beispiel die Fischtown Pinguins Bremerhaven eingeschlagen, sich in Dänemark umgeschaut. Erfolgreich, im Vorjahr wurden sie deutscher Vizemeister.

Und wo ist Ihr blauer Ozean?

(lacht) Das verrat ich nicht, sonst greifen auch noch andere Vereine zu.

Persönlich, wie geht es für Matt Pistilli auf dem Eis weiter?

Ich spiele weiter, wie lange, weiß ich noch nicht. Derzeit versuchen wir einen deutschen Pass für mich zu beantragen. Gleiches gilt für meinen Landsmann Mathieu Tousignant, damit beide Importstellen frei werden.

Apropos Tousignant, auch er muss sich gelegentlich Kritik aus dem Fanlager anhören, weil er nicht der Top-Scorer schlechthin hin?

Die Leistung von Toussi (Anmerkung der Redaktion: Spitzname Tousignants) für die Mannschaft lässt sich nicht in Scorerpunkten messen. Er ist so wichtig für die jungen Spieler, unterhält sich ständig mit ihnen, gibt ihnen Tipps, baut sie auf. Er macht unsere Spieler besser. Ich denke dabei nur an Daniel Pronin, der nun leider verletzt ist, und David Makuzki. Ihr Aufschwung hängt stark mit Toussis Unterstützung zusammen. Zudem hatte er die besten Werte in der Plus-Minus-Statistik, also dem Verhältnis zwischen erzielten und bekommenen Tore, wenn er auf dem Eis war.

Und wie sehen Sie die Rebels-Zukunft?

Sehr rosig. Ich bin hier mittlerweile heimisch und möchte helfen, den Club größer zu machen. Wie gesagt, es ist ein schlafender Riese. Schaffen wir es, ihn zu erwecken, ist in acht bis zehn Jahren die DEL2 durchaus drin.

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