Eishockey: Stuttgart Rebels Der Lange mit dem dicken Fell
Jonas Gähr ist praktisch über Nacht zur Nummer eins beim Eishockey-Oberligisten Stuttgart Rebels geworden und bislang einer der Gewinner der Runde.
Jonas Gähr ist praktisch über Nacht zur Nummer eins beim Eishockey-Oberligisten Stuttgart Rebels geworden und bislang einer der Gewinner der Runde.
Fassungslos, chancenlos, aussichtslos – der Aufschrei in der Fangemeinde war groß, nachdem Lukas Steinhauer kurz vor Saisonstart um Auflösung seines Vertrags gebeten hatte. Das ausgeräumt geglaubte Torhüterproblem der Stuttgart Rebels war für die Anhänger über Nacht wieder eines.
Weniger panisch reagierten da schon die Mannschaft und Verantwortlichen des Oberliga-Neulings. „Eine schwierige Situation, aber wir haben ja noch Jonas Gähr“, sagte der sportliche Leiter Jakob Vostarek damals. Und der Torjäger Jannik Herm nahm’s lediglich mit Achselzucken hin und meinte: „Jonas ist auch sehr gut.“
Und nun? Der „innere Zirkel“ der Rebels hat sich nicht geirrt. Jonas Gähr gehört bislang zu den Gewinnern im Team, bekommt viel Lob für seine Leistungen – sowohl aus den eigenen Reihen als auch von der Eishockey-Konkurrenz. Dabei ist der Job des mit 1,90 Meter sehr großen Schlussmanns nicht einfach. Neun Spiele sind absolviert, acht verloren, eines durch Penaltyschießen gewonnen. Seine Gegentorquote pro Partie liegt bei rund 5,5, seine Fangquote aber bei fast 89 Prozent. Dennoch, wie verkraftet man die vielen Gegentore Woche für Woche? Gähr weiß dies gut einzuordnen. „Ich hab’ ein dickes Fell und lass’ Negatives erst gar nicht rein in meinen Kopf und schaue stets nach vorne“, sagt der 22-Jährige. Zumal, ganz überraschend sei der bisherige Negativlauf ja nicht. „Dass wir uns als Aufsteiger erst mal zurechtfinden müssen, Zeit brauchen, das war klar. Aber wir steigern uns durchgehend. Das sieht ganz gut aus und macht Mut, dass wir erfolgreicher spielen werden“, sagt der Torhüter.
Beeindruckt zeigt sich Vostarek von Gährs „ruhiger, sachlicher Art“. Für sein junges Alter sei er schon sehr weit, nicht explosiv wie andere Torhüter, sondern gelassen. Darüber hinaus überzeuge er durch ein ausgezeichnetes Stellungsspiel, lobt der sportliche Leiter der Rebels.
Die Sache mit der Ruhe nennt die Nummer eins der Degerlocher auch selbst als eine seiner Stärken, die er dann versuche, auf seine Vorderleuten zu übertragen. Und die Schwäche? Die noch fehlende Konstanz über die gesamte Spielzeit, um „noch den ein oder anderen Schuss zu halten“.
Die Rebels und Jonas Gähr, das wird immer mehr zu einer Win-Win-Situation. Der 22-Jährige, der vor kurzem ein Fernstudium in Sportwissenschaften begonnen hat, steht nämlich beim DEL-Kooperationspartner Löwen Frankfurt unter Vertrag. Heißt: das Gehalt wird von den Hessen überwiesen, die Rebels tragen lediglich die Mehrkosten während Gährs Aufenthalt in der Landeshauptstadt – und haben somit kostengünstig einen guten Mann zwischen den Pfosten. Dieser profitiert seinerseits von viel Eiszeit in Stuttgart – seit dem Abgang Steinhauers sogar jede Menge. Anders als in Frankfurt. Hinter dem US-Amerikaner Joe Cannata und Marvin Cüpper ist er dort die Nummer drei, die Chancen auf Einsätze sind also gering. „Ich bin den Rebels dankbar, dass ich die Möglichkeit habe, in der Oberliga wichtige Erfahrungen zu sammeln und mithelfen kann, meinen Heimatclub weiterzuentwickeln“, sagt der aus Esslingen-Zell kommende Gähr, der in der Jugend für Stuttgart spielte. „Da hatte Esslingen eine Kooperation mit Stuttgart, danach bin ich nach Bietigheim gewechselt“, erzählt er.
Unter anderem über die Jungadler Mannheim kam Gähr zu den Löwen nach Frankfurt. In der Mainmetropole trainiert er unter der Woche und analysiert jeden seiner Rebels-Einsätze mit dem dortigen Torwarttrainer Josh Robinson anhand von Videomitschnitten. „Wir schauen uns die Gegentore an, und er sagt mir, was ich besser machen kann.“ Weitere Hilfe holt sich der Rebels-Goalie durch Eigenrecherche. „Ich verfolge die Torhüter in der DEL sowie NHL und versuche, mir davon etwas abzuschauen.“
Meist donnerstags bezieht Gähr das „Hotel Mama“ in Esslingen und steht bis Sonntagabend den Rebels zur Verfügung. Mit denen empfängt er an diesem Freitag (20 Uhr) in der Eiswelt den sechstplatzierten EC Peiting. „Es wird zwar schwer. Wenn wir aber wieder alles geben, dann ist etwas drin“, sagt Gähr. Aussichtslos und chancenlos sind die Prognosen also keineswegs.