Der Diktator mag Sport. Und besonders mag Alexander Lukaschenko Eishockey. So oft es geht, greift der Präsident Weißrusslands selbst zum Schläger, heißt es. Am Donnerstag startet die WM in Minsk, Weißrussland – ein umstrittenes sportliches Großereignis.

Chef vom Dienst: Tobias Schall (tos)

Stuttgart - Der Diktator mag Sport. Und ganz besonders mag Alexander Lukaschenko Eishockey. So oft es geht, greift der Präsident Weißrusslands selbst zum Schläger, heißt es. Im Januar zum Beispiel stand er mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin bei einem PR-Spiel vor den Olympischen Spielen in Sotschi auf dem Eis. Spötter sagen: Lukaschenko spielt, wie er regiert. Rustikal. Hart. Aber: „Berühren darf man ihn beim Spielen nicht“, hat der weißrussische Kajak-Olympiasieger Wladimir Parfenowitsch erzählt.

Andere haben weniger Berührungsängste. Etwa der Eishockey-Weltverband IIHF. Der gab 2009 sein wichtigstes Turnier, die WM, in die Obhut von Lukaschenko. Einem Mann, der als letzter Diktator Europas bezeichnet wird. Einem Autokraten, der sich laut internationalen Organisationen nicht um Menschenrechte schert.

Todesstrafen werden per Genickschuss vollstreckt

Die Eishockeywelt ist von morgen an also zu Gast in einer Nation, die weder über einen funktionierenden Rechtsstaat noch über demokratische Wahlen verfügt und als letztes Land in Europa die Todesstrafe praktiziert, die per Genickschuss vollstreckt wird. Berufungen gegen Todesurteile hätten, so Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, keine Chance. Zu Gast beim Diktator.

Wieder einmal bewegt sich der Sport auf dünnem Eis. Nach den umstrittenen Olympischen Spielen im russischen Sotschi stellen sich erneut Fragen nach dem Verhältnis von Sport und Politik und nach welchen Kriterien in der Brot-und-Spiele-Branche eigentlich die Großereignisse vergeben werden.

Amnesty International übt Kritik

Die Eishockey-WM ist im Vergleich viel kleiner als etwa Olympia in Sotschi, viel größer aber noch ist das Problem angesichts der politischen Verhältnisse im eishockeybegeisterten Weißrussland. Das Land ist international weitgehend isoliert, es pflegt ein gutes Verhältnis zu Nordkorea und – nicht immer spannungsfreie – Beziehungen zu Russland, von dessen Gas und Geld der Staat abhängig (siehe „Im Schatten der Ukraine-Krise“).

Amnesty International hat in dieser Woche erneut Einschränkungen der Meinungs- und Versammlungsfreiheit anlässlich der WM kritisiert. In den vergangenen zwei Wochen seien 16 Aktivisten festgenommen worden, erklärte die Menschenrechtsorganisation am Dienstag. „Im Vorfeld der Eishockey-WM versuchen die belarussischen Behörden, durch Verhaftungen kritische Stimmen auszuschalten und Aktivisten einzuschüchtern.“ Schon vor zwei Jahren forderten einige deutsche Politiker einen Boykott der WM, auch das EU-Parlament protestierte, und eine Kampagne von Menschenrechtsgruppierungen aus verschiedenen Ländern unter dem Motto „Don’t play with the Dictator“ („Spielt nicht mit dem Diktator“) verlangte ebenfalls, dem Land die WM zu entziehen.

Der Außenminister verurteilt die „Dämonisierung“

Es war eine vorhersehbare Eiszeit: Bei der Vergabe 2009, als Weißrussland mit großer Mehrheit von 75 Stimmen gegen Ungarn (24) sowie Lettland (3) und die Ukraine (3) siegte, waren die politischen Zustände kaum anders als heute. Und was sagt der Sport? Etwa der Eishockey-Weltverband IIHF mit dem Schweizer René Fasel an der Spitze? Das: „Sport und Politik sollten nicht vermischt werden.“ Eishockey ist Eishockey. Politik ist Politik. Und es gibt keine Schnittmenge. Basta. Das ewige Mantra des Sports. Und so spielen sie also trotz großer Widerstände und großem Unverständnis von morgen an in Minsk.

Der Außenminister Wladimir Makej hat gegenüber der Nachrichtenagentur Belta von einer „Dämonisierung unserer Republik“ durch Europa und die USA gesprochen. „Für mich ist es (ein Boykott, Anm. d. Red.) eine dumme Idee. Sport und Politik sollen getrennt sein.“ Ziel der WM sei „nicht das positive Image für Präsident Lukaschenko“, sondern man wolle Sportfans aus aller Welt mit neuen Eindrücken erfreuen.

In der Vorrunde kommt es zum Duell der Supermächte

Tatsächlich aber bietet die WM Lukaschenko die größte Bühne für seine nach innen wirkende Propagandashow. Einen dreistelligen Millionenbetrag soll das Land, das regelmäßig kurz vor dem Bankrott steht, angeblich in die beiden modernen WM-Stadien in Minsk investiert haben. Für Lukaschenko ist Sport Teil seiner Politik, wie er selbst sagt: Sport sei große Politik, Eishockey besonders. Die „FAZ“ zitierte den Regenten dieser Tage mit: „Sport allgemein, ganz besonders aber Eishockey, ist heute kein Wettbewerb, sondern Krieg.“

Für Weißrussland beginnt die WM am Freitagabend dementsprechend: mit einem Spiel gegen die USA, die den Gastgeber seit Jahren mit Sanktionen belegt haben. Am 12. Mai könnte vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise dann die Weltpolitik zu Gast in Minsk sein. Das politisch aufgeladene Duell der Supermächte steht an: In der WM-Vorrunde trifft die Auswahl Russlands auf die USA.

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