Degerloch - Es ist die Konkurrenz mit den meisten Starterinnen: 29 Nachwuchs-Eiskunstläuferinnen im Alter von zehn bis 14 Jahren werden sich am Wochenende im Mädchenwettbewerb des traditionellen Eisemann-Pokals versuchen – bei den „Advanced Novice Girls“, wie es in der Fachsprache heißt. Eine der aussichtsreichsten Anwärterinnen auf den Sieg ist eine Lokalmatadorin, die zwölfjährige Hoshiyo Raasch vom Gastgeberverein TEC Waldau. Sollte die Sechstklässlerin der Degerlocher Fritz-Leonhardt-Schule am Ende tatsächlich ganz oben auf dem Siegertreppchen stehen, wird sich ihr größter Fan in rund 9000 Kilometer Entfernung mit ihr freuen.
Klar, die Eltern und die Trainerin Olga Daumann werden das Geschehen unmittelbar vor Ort verfolgen. Anders verhält sich dies im Fall von Ayako Fujii. Letztere ist 104 Jahre alt, lebt in der Stadt Yamaguchi auf der japanischen Insel Honshu und ist die Ururgroßmutter von Hoshiyo Raasch. „Sie ist sehr stolz auf mich, weil sie vor etwa 90 Jahren selbst gerne und regelmäßig Eis gelaufen ist und meinen Sport liebt“, sagt die in Heslach lebende Hoshiyo Raasch, die vor Corona mit den Eltern die Familie ihrer japanischen Mutter noch jährlich besucht hat, in den vergangenen Monaten aber notgedrungen nur Telefon- und Online-Medienkontakt nach Fernost hatte.
Mit Youtube-Videos fing es an
Das eigene Interesse an der Heimat der Verwandtschaft ist trotz der Entfernung in vielerlei Hinsicht groß. So war es auch eine Weltklasseathletin aus dem Land der aufgehenden Sonne, die die junge Schwäbin als Siebenjährige zum Eiskunstlauf und auf die Waldau gebracht hat. „Wir haben keinen Fernseher zuhause, aber ich habe auf Youtube Videos von Marin Honda angeschaut und wollte das auch alles einmal können“, sagt Hoshiyo Raasch über ihr Vorbild aus Kyoto, das 2016 Junioren-Weltmeisterin war und als mögliche künftige Olympiasiegerin gehandelt wird.
„Keine Grenzen nach oben“
Ob es für Hoshiyo Raasch selbst auch irgendwann einmal zu internationalen Meriten reicht, muss die Zukunft zeigen. Eine steile Karriere traut Olga Daumann ihrem Schützling, den sie seit fünf Jahren sechsmal in der Woche zum Training unter ihren Fittichen hat, allemal zu. „Sie ist ehrgeizig, lernwillig, fleißig und extrem talentiert. Es ist natürlich schwierig, in diesem Alter genaue Prognosen abzugeben, aber ich sehe für sie eigentlich keine Grenzen nach oben“, sagt die Trainerin über die Zwölfjährige, die mit den Elementen Salchow, Toeloop und Axel schon drei Dreifach-Sprünge im Repertoire hat. Das ist für ihr Alter eine Seltenheit. „Die Sprünge steht sie sehr sicher. Im Moment arbeiten wir an ihrem künstlerischen Ausdruck – da ist sie manchmal noch etwas zu schüchtern und zurückhaltend“, sagt die Übungsleiterin.
Die Qualifikation für die deutschen Nachwuchsmeisterschaften hat Hoshiyo Raasch zum zweiten Mal in Folge geschafft. Nun ist die Hoffnung da, dass die Titelkämpfe in Dortmund (17. bis 19. Dezember) nicht erneut abgesagt werden müssen. Im vergangenen Jahr fielen sie der Corona-Pandemie zum Opfer. Die junge Deutsch-Japanerin selbst ist eher vorsichtig, was die Einschätzung ihrer sportlichen Chancen anbelangt. „Da sind einige sehr gute Mädchen dabei. Ich weiß nicht genau, ob ich ganz vorne landen kann“, sagt Hoshiyo Raasch.
Sprung in den Bundeskader?
Für ihre Trainerin ist es dagegen keine Frage, dass ihre Sportlerin schon in diesem Jahr auf nationaler Ebene um die Medaillen mitlaufen kann – und dann sie zuletzt wohl auch die Nominierung für den Bundeskader in der Tasche haben wird. Notwendig ist für die Aufnahme in das Förderprogramm der Deutschen Eislauf-Union ein Wertungsergebnis von 90 Punkten. Bei der NRW-Trophy in Dortmund, dem neben der deutschen Meisterschaft wichtigsten nationalen Wettbewerb, kam Hoshiyo Raasch vor zwei Wochen gegen starke europäische Konkurrenz auf 85,67 Zähler und den vierten Rang.
Die Nachricht über dieses tolle Ergebnis wurde auch im fernen Japan mit großer Freude aufgenommen, wenn auch mit etwas zeitlicher Verzögerung. Aktuell wird Hoshiyo Raasch ihre beiden Auftritte am Samstag zwischen 13.30 und 17 Uhr (Kurzprogramm) sowie am Sonntag zwischen 11 und 15 Uhr (Kür) haben. Wenn der Wettbewerb zu Ende ist, ist auch diesmal in Nippon bereits Nacht.