Eislaufskandal Das traurige Leben der Tonya Harding

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Ein Spielfilm, eine TV-Dokumentation und ein Song erinnern Amerika intensiv an den größten Eislaufskandal aller Zeiten. 1994 fühlte sich ein Land von einer jungen Frau und ihrer Geschichte gleichermaßen angezogen wie abgestoßen.

Eiszeit: Nancy Kerrigan und Tonya Harding bei den Spielen 1994 in Lillehammer Foto: Imago
Eiszeit: Nancy Kerrigan und Tonya Harding bei den Spielen 1994 in Lillehammer Foto: Imago

Portland - Einer, den dieses Drama auf dem Eis nie losgelassen hat, ist der Folk-Pop-Rocker Sufjan Stevens. Der vielfach ausgezeichnete Musiker hat im Dezember nun den verstörend schönen Song „Tonya Harding“ über die wohl meistgehasste amerikanische Sportlerin aller Zeiten veröffentlicht. Stevens hatte dieses Lied nach eigener Aussage schon im Hinterkopf, als er 1994 die Entscheidung im Eiskunstlauf bei den Olympischen Winterspielen in Lillehammer als 18-Jähriger im Fernsehen gesehen hatte. Damals saßen bei der Kür der Frauen rekordverdächtige 50 Prozent der amerikanischen Bevölkerung vor den TV-Schirmen, um den letzten Akt dieses epochalen Sportschauspiels zu erleben: den Showdown on Ice.

An diesem Donnerstag werden nun auch wieder sehr viele Amerikaner vor dem Fernseher dabei sein, wenn der Sender ABC eine zweistündige Dokumentation ausstrahlt, in der Tonya Harding 24 Jahre später ein Geständnis ablegen und zugeben wird, vom Anschlag auf ihre Rivalin Nancy Kerrigan gewusst zu haben. Was sie bis dato immer bestritten hatte. Bereits im Herbst 2017 sorgte der biografische Spielfilm „I, Tonya“ mit Margot Robbie in der Titelrolle auf dem Filmfestival in Toronto für großes Aufsehen.

„Die Schöne und das Biest“ wurde 1994 das Drama auf dem Eis betitelt, das niemanden kalt ließ. „Die Schöne“, das war Nancy Kerrigan, Typ Schneewittchen, ein Everybody‘s Darling aus Massachusetts. Auf der anderen Seite stand Tonya Harding, die in armseligen Verhältnissen einer Wohnwagensiedlung in Portland/Oregon aufgewachsen ist. Sie soll als Kind von einem Familienangehörigen missbraucht und von der Mutter regelmäßig geschlagen worden sein. Von „White Trash“, vom weißen Müll, spricht man in den USA von einem Umfeld ganz weit unten auf der sozialen Leiter.

Das Eiskunstlaufen bietet der ehrgeizigen Tonya Harding aber eine Aufstiegsmöglichkeit. Mit einem enormen Kampfgeist arbeitet sie sich in die Weltspitze, als erste Eiskunstläuferin der Welt steht sie in einem Wettbewerb 1987 den dreifachen Axel. Sie gilt als potenzielle Nachfolgerin der US-Olympiasiegerin Kristi Yamaguchi. Ebenso wie Nancy Kerrigan, die bei weitem nicht so dynamisch ist wie Harding, deren Auftritte auf und neben dem Eis aber weitaus eleganter wirken. Noch heißt das Duell Akrobatin gegen Tänzerin.

Nancy Kerrigan soll mit Gewalt gestoppt werden

Das ändert sich mit dem 6. Januar 1994. Nach einem Training im Zuge der US-Meisterschaften in Detroit wird Nancy Kerrigan in den Katakomben der Tony-Kent-Arena von einem Mann mit einem Schlagstock attackiert. Er schlägt damit auf die Knie von Nancy Kerrigan, um ihren Start bei der Olympia-Entscheidung zu verhindern und den Weg für Tonya Harding frei zu machen. Es gibt Filmaufnahmen, auf denen Nancy Kerrigan mit Tränen in den Augen auf dem Boden sitzt und sich fragt: „Warum ich?“

Jeff Gillooly kennt die Antwort. Doch der Plan des damaligen Ehemanns und Managers von Tonya Harding scheitert spektakulär. Der von ihm beauftrage Schläger Shane Stant verhindert zwar den Start Kerrigans bei den US-Meisterschaften. Bis zu den einen Monat später beginnenden Olympischen Spielen ist sie aber wieder fit und darf mit einer Sondergenehmigung des US-Verbands starten. Tonya Harding auch, weil die Ermittlungen gegen sie und ihr Umfeld zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen sind. So kommt es zum großen Finale. Nancy Kerrigan zeigt die beste Kür ihres Lebens und holt Silber, ganz knapp hinter der Ukrainerin Oksana Bajul. Die große Verliererin ist Tonya Harding, vom Publikum ausgepfiffen, reißt ihr während der Kür der Schnürsenkel, sie darf noch einmal beginnen, ist nervös und wird am Ende unter Tränen nur Achte.

Diese ganze Geschichte lebt in den USA noch einmal auf, wenn jetzt die dazugehörige Dokumentation ausgestrahlt wird. Vor laufender Kamera gibt Harding nun darin zu – entgegen zuvor gemachter Aussagen – von den Anschlagsplänen sehr wohl gewusst zu haben.

Wieder zurück im Schmuddelmilieu

„Nancy Kerrigan ist eine Prinzessin, und ich bleibe ein Haufen Scheiße“, hat Tonya Harding gesagt, als ihr sozialer Aufstieg auf halbem Weg abrupt endet. Für sie geht es nach dem Skandal 1994 auf direktem Weg zurück ins Schmuddelmilieu. Ihr damaliger Mann und sie verkaufen ein pornografisches Video ihrer Hochzeitnacht an ein Erotikmagazin. Später wird Tonya Harding in Mexiko Managerin eines Wrestlingteams namens „Los Gringos Locos“. Sie verdingt sich als Autoverkäuferin, Boxerin, Catcherin und Eishockeyspielerin, während Nancy Kerrigan als gefragte TV-Eiskunstlauf-Expertin arbeitet. Aber einmal schreibt die heute 47-jährige Tonya Harding eine positive Schlagzeile – zumindest in der Lokalpresse von Portland. In einer Bar unterbricht Tonya Harding nämlich zwischenzeitlich das Glücksspiel am Automaten, um einer zusammengebrochen am Boden liegenden 81-Jährigen durch Mund-zu-Mund-Beatmung das Leben zu retten.

Trotzdem wird sie für die meisten Amerikaner die „Eishexe“ bleiben. Allerdings nicht so für den Musiker Sufjan Stevens, in dessen Lied es heißt: „Tonya Harding, my star. God only knows what you are.“

Gott allein weiß, was du bist.