Eiswein-Lese in Fellbach Süße Sünde mit 179 Oechsle

Frostig, aber traumhaft schön: Bilderbuch-Ansicht vom Fellbacher Kappelberg. Foto: privat

Bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt haben die Fellbacher Weingärtner am Dienstag kurz nach Sonnenaufgang einen zuckersüßen Spätburgunder geerntet. Auch Weinmacher wie Aldinger, Schnaitmann und Beurer nutzen die Kältewelle.

Rems-Murr: Sascha Schmierer (sas)

Die warme Ski-Unterwäsche holt Thomas Seibold nicht aus dem Schrank, wenn es bei eisiger Kälte in den winterlichen Weinberg geht. Eine lange Unterhose tut es bei der Eisweinlese auch. Denn erstens sind für den Vorstandschef der Fellbacher Weingärtner „eine gute Jacke und gescheite Handschuhe“ als Schutz vor Minusgraden fast wichtiger als ein kälteabweisendes Beinkleid. Und zweitens ist der Einsatz am frühen Morgen ja keine tagesfüllende Aufgabe.

 

Nicht mal eine Stunde hat es am Dienstag gedauert, um am Fellbacher Kappelberg die hart gefrorenen Trauben für den Eiswein von den Rebstöcken zu holen. Kurz vor Sonnenaufgang waren knapp zwei Dutzend Helfer aufgebrochen, gegen 8.30 Uhr in der Frühe konnte vor der Kelter bereits auf den erfolgreichen Ernteeinsatz angestoßen werden.

Die Trauben strotzen trotz der extralangen Hängezeit noch vor Gesundheit

Denn was nach dem Rundgang durch die Rebzeilen im Goldberg im Zuber lag, löst bei den Wengertern ein durchaus zufriedenes Lächeln aus: Satte 179 Oechslegrade haben die auf einer Fläche von gerade mal zwölf Ar gelesenen Trauben, die bei exakt zehn Grad unter dem Gefrierpunkt und einem fast schon atemberaubend schönen Sonnenaufgang geerntet wurden. Und: Die Beeren, nach dem Riesling vom vergangenen Jahr nun übrigens Spätburgunder, strotzen trotz der extralangen Hängezeit auch kurz vor Weihnachten vor Gesundheit. „Ich glaub, dass das was Gescheites wird“, freut sich Oberwengerter Seibold über die Erntemenge von knapp tausend Kilogramm.

Abgepresst und vergoren könnte diese Ausbeute für annähernd 350 Liter der edelsüßen Spezialität reichen – und der lokalen Genossenschaft einmal mehr zu einem imageträchtigen Vorzeigeprodukt verhelfen. Bereits vor Jahren haben die Fellbacher Weingärtner das Kunststück geschafft, beim Deutschen Rotweinpreis den ersten Platz in der Kategorie für Eiswein zu erringen. Der auch seinerzeit mit einem über Monate im Weinberg hängenden Spätburgunder erreichte Erfolg belohnte nicht nur den Mut, sich mit einem Teil der Ernte an der von Liebhabern zuckriger Nachtisch-Tropfen sehr geschätzten Besonderheit zu versuchen. Seither gibt es kaum ein Jahr, in dem die Weingärtner nicht wenigstens ein paar Rebzeilen als Eiswein-Sonderfläche ausweisen. „Es ist ja immer ein Blick in die Glaskugel, wenn wir uns im Herbst dazu entschließen, für Eiswein noch Trauben hängen zu lassen. Umso erfreulicher ist es, wenn es im Winter so schön kalt wird“, sagt Thomas Seibold.

Der Mut zum Risiko wird in Fellbach fast regelmäßig belohnt

Entscheidend fürs Gelingen ist, dass die Beeren für die Nachzügler-Ernte noch vital und geschmacklich tadellos sind. Wenn dann noch die Temperaturen stimmen, kann es was werden mit dem zuckersüßen Sahnehäubchen für einen erfolgreichen Jahrgang. Minus sieben Grad müssen es mindestens sein, ohne eine knackige Kälte geht nichts beim Eiswein. Warum erst der Frost über die Trauben muss, ist kein Geheimnis: Erst bei über Stunden anhaltenden Temperaturen unter dem Gefrierpunkt kristallisiert das in den Weinbeeren noch enthaltene Wasser aus. Zurück bleibt durch diesen Effekt ein Konzentrat aus Traubenzucker und hocharomatischen Fruchtsäuren, bei dem die Oechslegrade durch die Decke schießen.

Die von Kellermeister Tobias Single am Dienstag gemessenen 179 Oechsle sind so gesehen nur ein mehr als ordentlicher Durchschnittswert. Der Riesling vom vergangenen Jahr brachte ein Mostgewicht von 137 Oechslegrad auf die Waage. An den Rekordwert von 207 Grad, den die Fellbacher Weingärtner im Jahr 2009 mit einem Riesling erzielt haben, kommt die Traubensüße nicht heran. Dafür gab es seinerzeit auch nur knapp 150 Liter – die jetzige Ernte fällt da schon deutlich üppiger aus. Eine so frühe Eisweinlese hatte es am Kappelberg übrigens zuletzt im Jahr 2012 gegeben. Der am Dienstag geerntete Spätburgunder wird nun langsam im Keller gären, bevor er in die jeweils 0,375 Liter fassenden Flaschen gefüllt werden kann. Wer über die Festtage in den Genuss der Spezialität kommen möchte, findet bei den Fellbacher Weingärtnern aktuell Eiswein von 2020. Ganz günstig ist das opulente Geschmackserlebnis verständlicherweise nicht – ein Fläschchen der süßen Sünde geht für immerhin 39 Euro über den Tresen.

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