Elektriker ohne Grenzen Ein Dorf feiert sein erstes Lichterfest

Von  

Peter Althoff aus Stuttgart-Möhringen hat in einer abgelegenen Region im Norden Vietnams eine Solaranlage gebaut.

Die moderne Solaranlage vor den äußerst spartanischen Hütten. Foto: privat 10 Bilder
Die moderne Solaranlage vor den äußerst spartanischen Hütten. Foto: privat

Möhringen - In Ca Lo ist die Zeit stehen geblieben. Das Dorf liegt im Norden Vietnams in der Provinz Cao Bang. Dort leben die Red Dao, eine ethnische Minderheit. Ca Lo ist 62 Kilometer von der nächsten Stromversorgung entfernt. Das erfuhr Peter Althoff von den Pfadfindern der katholischen Kirchengemeinde Sankt Hedwig. Die Möhringer Rover waren 2014 in Vietnam gewesen, um ein Waisenhaus und ein Altersheim zu sanieren. Althoff ist Mitglied im Verein Elektriker ohne Grenzen (EoG). Dieser hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Energieversorgung in den ärmsten Regionen der Welt zu verbessern beziehungsweise überhaupt erst einmal herzustellen. Althoff ist gelernter Werkzeugmacher und studierter Kraftwerksingenieur. Er nahm sich vor, den Menschen in dem abgelegenen Bergdorf zu helfen.

Der Möhringer sammelte Spenden und suchte sich Partner in Asien. Das benötigte Material in Deutschland zu produzieren und dann zu exportieren, ging nicht. „Das wäre viel zu teuer geworden“, sagt Althoff. Das Unternehmen Red Sun Energie machte mit. Es ist in etwa die EnBW in Vietnam. Unterstützung bekam der 70-Jährige auch von der Organisation Dezen, die den Tourismus in Vietnam vorantreiben will. „Es war schwierig, das Projekt über eine Entfernung von 15 000 Kilometer zu organisieren. Das geht nur, wenn man sich gegenseitig vertraut“, sagt Althoff. Doch er kennt sich aus, kennt die Mentalität der Vietnamesen. Denn er lebte und arbeitete zwei Jahre lang in Südostasien.

Eine kleine Dorfschmiede fertigt die Strommasten an

Am 12. Juni machte sich Peter Althoff auf die Reise – zusammen mit einem jungen Mann aus Holland, den Althoff in seinen Erzählungen einfach nur „Tom“ nennt. 16 Stunden lang dauerte der Flug. Anschließend waren noch 280 Straßenkilometer zu bewältigen, bevor er in der Provinzhauptstadt Cao Bang ankam. Einige Vorbereitungen musste er noch vor Ort treffen, bevor er nach Ca Lo fahren konnte. In einer kleinen Dorfschmiede ließ er Strommasten anfertigen. Althoff hatte eine Skizze dazu angefertigt.

Pro Mast verlangte die Werkstatt umgerechnet etwa 80 Euro. In Deutschland hätte es das Zehnfache gekostet. „Das war eine typische Win-Win-Situation“, sagt Althoff. Denn der Chef der Werkstatt habe durchaus das Gefühl gehabt, ein sehr gutes Geschäft gemacht zu haben. Dann fuhren Althoff und Tom in das abgelegene Bergdorf. Die Reise führte durch eine traumhaft schöne Landschaft. Doch die Straße wurde zu einem immer enger werdenden Schotterweg, bis das Auto schließlich stoppte. Die letzten 14 Kilometer mussten sie zu Fuß gehen – und zwar stetig bergauf. Männer aus dem Dorf kamen und schleppten das Gepäck der Gäste.

Die Vietnamesen bewältigen den Kraftakt

Zu tragen gab es in den beiden Wochen danach noch viel. Nämlich alles, was Althoff zum Bau der Solaranlage und des Stromnetzes brauchte: die Masten, die Kabelrolle, die Solarzellen und vor allem die beiden Schaltschränke mit einem Gewicht von je 207 Kilogramm. Althoff war früher selbst Gewichtheber. Für ihn war es nahezu unbegreiflich, mit welcher Leichtigkeit die vergleichsweise kleinen und schmächtigen Vietnamesen diesen Kraftakt bewältigten.

In dem Dorf Ca Lo gibt es keine Straßen und kein fließendes Wasser. Die Menschen wohnen in einfachen Holzhütten: Unten ist der Stall, obendrüber die Stube. „Die Kinder sitzen am Feuer und machen ihre Schularbeiten“, sagt Althoff und schüttelt den Kopf. Denn das schädige die Augen und die Atemwege. Im ganzen Dorf gab es nur ein einziges Paar Schuhe. Die Dorfoberen, also der Ortsvorsteher und der Parteisekretär, trugen diese bei wichtigen Terminen.

Aufwendige Telefonate

Dennoch hatte so gut wie jeder Dorfbewohner ein Handy. Allerdings musste, wer telefonieren wollte, einen 70 bis 80 minütigen Fußmarsch auf sich nehmen und auf einen Berg klettern. Denn nur dort hatte man Empfang. Und auch das Aufladen der Mobiltelefone war mit einigen Mühen verbunden, zumindest bevor die Elektriker ohne Grenzen den Strom ins Dorf brachten. Nur wenige hatten daran geglaubt, dass das Projekt ein Erfolg werden könnte. Doch eines Abends war die 80 Quadratmeter große Solaranlage tatsächlich fertig und jedes der 30 Häuser an das neue Stromnetz angeschlossen. Das Dorf feierte das „Fest des ersten Lichts“.

Sonderthemen