Elektromobilität in Stuttgart Daimler-Motorenwerk soll Batterien entwickeln

Von Anne Guhlich 

Daimler-Betriebsrat Wolfgang Nieke fordert, dass Entwickler der Tochter Accumotive ins Stammwerk nach Untertürkheim wechseln. Er geht davon aus, dass Anfang kommender Woche eine Entscheidung getroffen wird.

Im Stammwerk Untertürkheim werden heute Motoren gefertigt. Künftig sollen dort auch Batterien für Elektromotoren entwickelt werden. Foto: Daimler
Im Stammwerk Untertürkheim werden heute Motoren gefertigt. Künftig sollen dort auch Batterien für Elektromotoren entwickelt werden. Foto: Daimler

Stuttgart - Nach Informationen unserer Zeitung plant der Stuttgarter Autobauer Daimler seine Batterieentwicklung neu aufzustellen. Bislang betreibt das Unternehmen die Entwicklung der Zukunftstechnologie bei der Konzerntochter Accumotive in Nabern (Landkreis Esslingen).

Wie Wolfgang Nieke, Betriebsratschef in Untertürkheim, unserer Zeitung bestätigte, laufen derzeit Gespräche, den Bereich in die Daimler AG zu integrieren. Das heißt: Die Betroffenen hätten ihren Arbeitsvertrag dann nicht mehr mit der Daimler-Tochter geschlossen, deren Mitarbeiter unter Tarif bezahlt werden, sondern mit der Daimler AG. Langfristig werden bis zu 400 Mitarbeiter in dem Bereich arbeiten. „Ich gehe davon aus, dass wir Anfang kommender Woche zu einer Entscheidung kommen“, sagte Nieke.

Konzerne lagern Zukunftsentwicklung derzeit eher aus

Das Thema ist brisant. Die Frage, welche Zukunftstechnologien die Autobauer künftig von ihrer gut bezahlten Stammbelegschaft bearbeiten lassen und welche sie von ausgelagerten Töchtern fertigen lassen oder komplett zukaufen, treibt derzeit die ganze Branche um. Die Hersteller wollen die Fertigungstiefe aus Gründen der Kosten und der Flexibilität niedrig halten. Die Mitarbeiter hingegen sorgen sich um Hunderttausende Arbeitsplätze, da bei der Fertigung eines elektrifizierten Antriebsstrangs nur ein Bruchteil des Personals nötig ist, das bei der Produktion eines Verbrennungsmotors zum Einsatz kommt.

Warum wird für den Bau eines E-Autos viel weniger Arbeitskraft benötigt wird als bei einem Verbrennungsmotor? Welche Folgen könnte das für Jobs in der Region Stuttgart haben? Sehen Sie die Antworten im Erklärvideo:

In Untertürkheim eskalierte der Streit im Sommer: Der Betriebsrat sagte Überstunden für das aus allen Nähten platzende Werk ab, weil der Konzern keine Zusagen machen wollte, wie das Werk an der Elektrostrategie von Daimler beteiligt werden soll. In der Folge einigten sich Arbeitnehmervertreter und Arbeitgeber darauf, dass das Stammwerk zum Leitwerk für Elektromobilität innerhalb des Konzerns werden soll. An dem Standort werden neben Motoren, Achsen und Getrieben künftig auch Batterien und weitere Komponenten des elektrifizierten Antriebsstrangs produziert. Das Ergebnis ist wegweisend, hat aber keine große Auswirkungen für die Beschäftigungsbilanz. 250 zusätzliche Stellen bedeutet der Kompromiss. Zur Erinnerung: Insgesamt sind in dem Stammwerk 19 000 Männer und Frauen beschäftigt. Nieke jedenfalls ist das Ergebnis noch nicht genug. „Mir ging es immer auch um die Entwicklung“, sagt er. „Wir entwickeln heute Motoren und wollen künftig auch Batterien entwickeln.“ Der Standort bliebe bei einer Integration der Entwicklungsabteilung in einem ersten Schritt Nabern – er wäre aber ein weiterer Werkteil von Untertürkheim, so Nieke.

Mitarbeiter bei Accumotive werden unter Tarif bezahlt

Der Gewerkschaft IG Metall ist die 2009 gegründete Daimler-Tochter Accumotive schon länger ein Dorn im Auge, da die Mitarbeiter dort unter Tarif bezahlt werden. Man befinde sich zu der Thematik in kons­truktiven Gesprächen, heißt es von den Betriebsräten nur.

Batterien baut Daimler bislang am Accumotive-Standort im sächsischen Kamenz. Dort entsteht derzeit eine zweite Batteriefabrik. Weitere Produktionsanlagen sollen in den kommenden Jahren in den USA und in China gebaut werden.

Insgesamt investiert Daimler zehn Milliarden Euro in seine Elektrooffensive. Bis 2025 sollen die Elektroautos vom gesamten Pkw-Absatz 15 bis 25 Prozent ausmachen. Dafür bringt der Konzern bis 2022 insgesamt zehn E-Autos auf den Markt – drei davon sollen Smarts sein.

Daimler verfolgt bei der Fertigung seiner E-Autos eine dezentrale Produktionsstrategie. Das heißt, dass die Fahrzeuge der neuen Familie für Elektroautos EQ in das bestehende Produktionsnetzwerk inte­griert werden. So werden etwa in Sindelfingen künftig E-Autos der Ober- und Luxusklasse vom Band laufen, während Bremen den E-SUV produziert und Rastatt Elektroautos der Kompaktklasse. Der dezentrale Produktionsverbund gibt Daimler Flexi­bilität.