Elektromobilität Der Strom aus der Laterne ist erst der Anfang
Das Start-up Ubitricity will Stromzähler und Ladekabel zum festen Bestandteil der Ausstattung eines Elektroautos machen. Prominente Unterstützer gibt es bereits.
Das Start-up Ubitricity will Stromzähler und Ladekabel zum festen Bestandteil der Ausstattung eines Elektroautos machen. Prominente Unterstützer gibt es bereits.
Stuttgart - Die Gründer sind ihrer Vision einen Stück näher gekommen. Denn Frank Pawlitschek und Knut Hechtfischer haben vor gut zehn Jahren das Unternehmen Ubitricity in Berlin mit dem Ziel gegründet, die Welt des Ladens von Elektroautos grundlegend zu verändern – und zu vereinfachen. Denn das Rätseln an den E-Ladesäulen – Wieviel kostet der Strom? An welcher Station kann ich laden? Wie kann ich bezahlen? – schreckt zusammen mit der lückenhaften Infrastruktur viele potenzielle E-Autokäufer ab. Ubitricity hat nun den Stromzähler, der üblicherweise fester Bestandteil der Ladestation ist, in ein mobiles Ladekabel gepackt, das der Fahrer immer im Auto mitführt; darin steckt auch eine SIM-Karte für die Online-Verbindung zur Erstellung der Stromrechnung.
Ubitricity ist in Berlin auf dem Euref-Campus untergebracht, dessen Mittelpunkt das Gasometer Schöneberg ist – dort hat Fernsehstar Günter Jauch bis 2015 in der mittlerweile demontierten Kuppel seine Polit-Talkshow moderiert. 150 Firmen mit 3500 Beschäftigten arbeiten auf dem Gelände, stets geht es um Energie- und Mobilitätskonzepte.
Bekannt geworden ist das nicht mehr ganz so junge Start-up, das bereits etwa 50 Beschäftigte hat, durch eine Idee, die eng mit dem mobilen Ladekabel verknüpft ist. Da hierin die gesamte Mess- und Abrechnungstechnik untergebracht ist, muss die Ladestation keine hohen technischen Ansprüche erfüllen – eine Straßenlaterne, versehen mit Ubitricity-Steckdose, reicht.
Dadurch sinken die Kosten für eine E-Zapfsäule nach Schätzung des Unternehmens um den Faktor zehn auf etwa 1000 Euro. Auch an Gebäuden, zum Beispiel Tiefgaragen, lassen sich solche preiswerten Ladepunkte einrichten. Das könnte aus Sicht von Ubitricity helfen, das deutsche Ladenetz engmaschiger zu machen.
Mehr noch: „Der mobile Stromzähler, den wir ins Ladekabel einbauen“, sagt Pawlitschek, „ist nur eine Übergangslösung. Langfristig muss der Zähler ins Auto.“ Das werde nicht anders sein als bei den Navigationsgeräten, die irgendwann einmal in das Multifunktions-Display des Autos integriert wurden. Pawlitschek, der ebenso wie Mitgründer Hechtfischer seine berufliche Laufbahn als Rechtsanwalt begonnen hat, sieht da keine grundsätzlichen Schwierigkeiten: „Schon heute ist in einem technisch anspruchsvollen Auto fast alles drin, was zum intelligenten Laden gebraucht wird“, sagt er. „Nicht zuletzt deshalb ist die Autoindustrie eigentlich unser natürlichster Vertriebspartner.“
Im März hat sich der erste Autohersteller an Ubitricity beteiligt: Honda. Die Japaner haben in diesem Jahr auf dem Genfer Autosalon den„Honda e Prototype“ vorgestellt und wollen ihre komplette Modellpalette für Europa bis 2025 elektrifizieren. Honda ist im Rahmen einer Finanzierungsrunde bei Ubitricity eingestiegen, die den Berlinern 20 Millionen Euro in die Kasse gebracht hat. Mitgezogen haben auch große Altgesellschafter wie der Stromkonzern Électricité de France (EdF) und Next47, die Risikokapitaltochter von Siemens. Hauptgesellschafter von Ubitricity ist jedoch der Stuttgarter Unternehmer und frühere Bahn-Vorstandschef Heinz Dürr mit etwa 30 Prozent; Honda, EdF und die Siemens-Tochter halten jeweils 15 Prozent. Auch Pawlitschek und Hechtfischer sind noch beteiligt.
Warum sich kein deutscher oder europäischer Autobauer an der Finanzierungsrunde beteiligt hat, ist eine Frage, der Pawlitschek und der neue Vorsitzende der Geschäftsführung, Lex Hartman, ausweichen. Beide sind aber überzeugt davon, dass sich über kurz oder lang die gesamte Autoindustrie für das Thema Strom interessieren wird – unabhängig davon, ob die Fahrzeugbauer nun ein intelligentes Ladekabel direkt einbauen oder nicht. So hat zum Beispiel Volkswagen im Januar die Gründung einer eigenen Ökostromtochter mit dem Namen Elli bekannt gegeben.
Pawlitschek: „Ich halte jede Wette, dass es in Zukunft keinen einzigen Automobilhersteller geben wird, der ein Auto nicht mit Stromvertrag verkauft. Dieser Stromvertrag wird Teil des Autos sein.“ Lex Hartman, der die letzten 20 Jahre seines Berufslebens vor dem Einstieg bei Ubitricity vor wenigen Wochen bei dem niederländischen Stromnetzbetreiber Tennet verbracht hat, sieht das genauso: „Die Automobilindustrie wird sich diese zusätzliche Wertschöpfung im Bereich Strom nicht entgehen lassen.“
In den zurückliegenden Jahren ist Ubitricity in Berlin trotzdem nicht recht vorangekommen, konnte nur ein paar dutzend Straßenlaternen umrüsten. Deutlich rascher, so erzählt Pawlitschek, habe sich das Unternehmen in London ausgebreitet, wo unlängst schon der tausendste Ladepunkt installiert worden sei. Seine Erklärung: die regulatorischen Barrieren sind im Ausland bisweilen niedriger als in Deutschland. Aber jetzt soll auch hier der Durchbruch gelingen. So hat Ubitricity im Rahmen des „Sofortprogramms Saubere Luft“ der Bundesregierung zusammen mit Partnern den Zuschlag für die Installation von Ladestationen in Berlin, Hamburg und Dortmund bekommen; geplant sind insgesamt mehr als 3000 Ladepunkte.
Ubitricity befindet sich nach den Worten von Hartman an der Stelle, die er nach der Terminologie in der Start-up-Szene „Tipping Point“ nennt: nach einer bisher linearen Entwicklung steht das Unternehmen danach nun vor einem exponentiellen Wachstum. „Das Geld, das wir bei der jüngsten Finanzierungsrunde eingesammelt haben“, sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung, „ist vor allem für die Weiterentwicklung gedacht. Und damit einhergehend ist die Erwartung verknüpft, Profit zu realisieren. Ubitricity steht jetzt an dem Punkt, ein richtiges Unternehmen zu werden. Und das ist einer der Gründe dafür, warum ich gekommen bin.“
Gezielt will der Niederländer, der mit einer Stuttgarterin verheiratet ist, die Expansion in Angriff nehmen. „Wir können nicht überall auf der Welt tätig werden“, sagt der Energieexperte. „Allein schon aufgrund unserer Größe müssen wir uns konzentrieren, und das sind zunächst einmal die Märkte Deutschland, Frankreich, England und vielleicht noch Belgien.“ Da liege der Fokus von Ubitricity.