Elektromobilität in Baden-Württemberg Steht in Ihrer Gemeinde eine Schnellladesäule?

Schnellladesäulen stehen auch innerhalb Stuttgarts (Archivbild). Foto: imago/Arnulf Hettrich

Schnelle Ladesäulen für E-Autos gelten als die Zukunft, Firmen wie die EnBW setzen fast nur noch darauf. Doch in Baden-Württemberg steht in drei Vierteln der Gemeinden keine einzige. Braucht es Schnellladesäulen in der Fläche?

Digital Desk: Simon Koenigsdorff (sko)

Im Dezember ist in der kleinen Gemeinde Oberhausen-Rheinhausen ein Stück Zukunft angekommen. Seitdem steht auf einem Supermarktparkplatz im Gewerbegebiet eine Schnellladesäule, an der zwei E-Autos ihre Batterien aufladen können, Leistung: bis zu 120 Kilowatt. Es ist die erste öffentliche Ladesäule in dem Ort am Rhein zwischen Waghäusel und Speyer.

 

Oberhausen-Rheinhausen ist damit eine von 299 Gemeinden in Baden-Württemberg, in denen zu Jahresbeginn mindestens ein öffentlicher Schnellladepunkt mit mehr als 22 Kilowatt Leistung stand. Das zeigen Daten der Bundesnetzagentur mit Stand 1. Januar, die unsere Redaktion ausgewertet hat. In den Säulen steckt ein Versprechen der Elektromobilität: mit fortschreitender Technik in immer kürzerer Zeit, sogar in wenigen Minuten, das E-Auto laden zu können. Große Anbieter wie die EnBW bauen fast nur noch im Hochleistungssegment der Ladeinfrastruktur um die 300 Kilowatt Ladeleistung. Auch der Bund hat im sogenannten Deutschlandnetz Ladepunkte mit mindestens 200 Kilowatt ausgeschrieben. Dieses Netz, das bereits 2021 angekündigt wurde, soll mit rund 1000 neuen Ladestandorten Lücken schließen und dazu führen, dass Schnellladepunkte überall in Deutschland „in wenigen Minuten“ erreichbar sind.

Die meisten Gemeinden im Südwesten haben keine Schnellladestation

Das scheint nötig, denn zum Jahresanfang standen in Baden-Württemberg den 299 Gemeinden mit Schnellladesäulen 802 Kommunen gegenüber, in denen keine einzige stand – also rund drei Viertel, darunter vor allem Kleinstädte und Dörfer. Rechnet man langsamere Normalladesäulen hinzu, schrumpft die Zahl der Gemeinden ohne öffentliche Lademöglichkeit auf 243.

Braucht es für die angestrebten Millionen E-Autos auf deutschen Straßen aber in jedem Dorf eine Schnelllademöglichkeit? Nicht überall versprechen Einwohnerzahl und Autoaufkommen eine lohnende Investition. Doch für die Akzeptanz der Mobilitätswende spielt auch eine Rolle, ob das Ladenetz als dicht genug wahrgenommen wird. Bei Verbrennerautos müsse man sich selten über Tankmöglichkeiten Gedanken machen, sagt Josef Krems, Verkehrspsychologe an der TU Chemnitz, „das Laden eines E-Autos muss man genauer planen“. Seine Kollegin Bettina Kämpfe sagt: „Es ist wichtig, dass die Nutzenden die Sicherheit haben, irgendwo laden zu können, selbst wenn sie es gar nicht bräuchten.“

Ihre Erkenntnisse wie auch zahlreiche andere Befragungen sind jedoch eindeutig: Der beliebteste Ladeort für E-Auto-Fahrer ist die Wallbox in der eigenen Garage. Wer keinen eigenen Ladeplatz hat, lädt gerne über Nacht möglichst nahe an der Wohnung oder tagsüber beim Arbeitgeber – beides Fälle, in denen auch eine langsame Ladesäule reichen kann. „Den Bedarf für besonders schnelle Ladestationen gibt es vor allem an Autobahnen und Schnellstraßen, gerade für Dienstreisende“, sagt Kämpfe.

Schnellladesäulen ballen sich an Autobahnen und in Städten

Das spiegelt sich im Ausbaustand wieder: Rund 36 Prozent der Schnellladesäulen im Südwesten stehen innerhalb eines Kilometers vom nächstgelegenen Autobahnabschnitt. In anderen Bundesländern ist dieser Wert deutlich höher, teils über 50 Prozent – wobei durch Baden-Württemberg gemessen an seiner Fläche relativ wenige Bundesautobahnen führen. Ein Blick auf die Karte bestätigt: Der Großteil der Schnellladesäulen steht entlang der Autobahnen und in den Ballungsgebieten größerer Städte. Im Stadtgebiet von Ulm verzeichnete die Statistik am 1. Januar 85 Schnellladepunkte, in Stuttgart 79, in der Ortschaft Ilsfeld, zu der auch die Raststätte Wunnenstein an der A 81 gehört, ganze 25.

Der mit Abstand größte Anbieter von Schnellladesäulen in Baden-Württemberg ist die EnBW, im Januar war mehr als jeder zweite Schnellladepunkt im Land auf die Mobilitätstochter des Energieversorgers angemeldet. Ihr Vertriebsvorstand Lars Walch berichtet von zahlreichen weiteren Standorten, die bereits fertig gebaut, aber noch nicht in Betrieb seien, bis 2030 will man auf 30 000 Ladepunkte zusteuern. Schnellladesäulen seien langfristige Investitionen – „das ist nichts, womit man die schnelle Mark macht“. Man prüfe, wo die Kosten für die teure Infrastruktur samt Stromnetzanschluss über viele Jahre einem entsprechenden Bedarf gegenüberstünden: „Aus unserer Sicht macht es wenig Sinn, eine Ladesäule dorthin zu stellen, wo kein Bedarf ist“, sagt Walch. „Wir bauen stattdessen zwei oder vier oder mehr Ladesäulen dort, wo es tatsächlich Bedarf gibt.“

Die EnBW setzt auf Schnellladeparks in Städten und nahe Autobahnen – als Stromtankstellen mit mehreren Säulen, am besten überdacht und mit Toilette. Dazu kommen Kooperationen mit Tankstellen. Auch Krems glaubt, dass Tankstellen für E-Autos auf längeren Fahrten relevant bleiben, „als natürlicher Ort, den man aufsucht, wenn man Energie braucht“. Allein wegen der Standzeiten, selbst bei Schnellladern, werde es jedoch nicht ausreichen, einige Säulen an jede Tankstelle zu bauen.

Laden während des Einkaufs – auch auf dem Land

Im ländlichen Raum hält Walch vor allem das Modell am sinnvollsten, das auch die Schnellladesäule nach Oberhausen-Rheinhausen gebracht hat: Ladepunkte an Supermärkten, Baumärkten und anderen Geschäften mit großem Parkplatz. Statt „vollzutanken“, laden die Menschen hier oft nur ein paar Prozent der Batterie auf – so lange, wie ihr Einkauf dauert.

Walch ist überzeugt: Man könne in den meisten Gegenden rein mit öffentlichem Laden ein E-Auto betreiben. „Erfahrene Elektromobilfahrende wissen, wo sie laden können, und sehen das optimistischer“, bestätigt Bettina Kämpfe. „Mit der Erfahrung nimmt die Reichweitenangst ab.“ Ihr Kollege Josef Krems weist darauf hin, dass sich beim E-Auto wie bei anderen jungen Technologien erst eine Kultur der selbstverständlichen Nutzung entwickle. Inzwischen seien Ladesäulen im Straßenbild nicht mehr selten: „In der Wahrnehmung ist das Hindernis so kleiner geworden, sich mit E-Mobilität zu beschäftigen.“

Ladeinfrastruktur in Baden-Württemberg

Deutschlandnetz
Auch im Großraum Stuttgart sind rund zehn Gebiete ausgeschrieben. Die Suchräume, in denen der genaue Standort erst gefunden werden muss, liegen unter anderem in Leonberg, Böblingen oder Esslingen, aber auch in Stuttgart zwischen Stammheim, Zuffenhausen und Feuerbach soll ein „XL-Hub“ mit 16 Schnellladepunkten entstehen. Die Frist für die Gebote lief im Juni ab. Welche Anbieter die Zuschläge erhalten, ist noch nicht bekannt.

Ladesäulenranking
Wie viele Ladesäulen stehen in meiner Gemeinde – und wie viele E-Autos gibt es dort? Die vollständige Übersicht für Baden-Württemberg finden Sie unter www.stuttgarter-zeitung.de/ladesaeulenranking.

Weitere Themen