Das Unternehmen will den Beschäftigungsrückgang in dem Werk abfedern und setzt noch stärker auf das E-Auto: Die Kapazität soll auf eine Million Antriebe verdoppelt werden.

Mercedes-Benz setzt bei der Elektromobilität verstärkt auf das Werk Untertürkheim und will die Produktionskapazität für elektrische Antriebseinheiten von 2024 an verdoppeln. Dies gaben Unternehmensleitung und Betriebsrat in Stuttgart bekannt. Damit können in dem Werk mit seinen rund 16 000 Beschäftigten nun eine Million Antriebseinheiten pro Jahr fertiggestellt und an die Werke geliefert werden, die daraus Autos produzieren.

Enorme Bedeutung für das Werk

Für das bisher gut ausgelastete Werk haben Produktionsumfänge für die Elektromobilität eine immense Bedeutung, denn bisher werden dort vor allem Komponenten für den Verbrennungsmotor gebaut, deren Stückzahlen bis zum von der EU beschlossenen Ende des Verbrennungsmotors Ende 2035 stark sinken werden. Da Mercedes-Chef Ola Källenius bereits bis 2030 auf eine komplett vollelektrische Modellflotte umgestellt haben will, sofern die Märkte dies erlauben, wird die Transformation hin zum E-Auto schneller vorankommen müssen als durch die Politik ohnehin vorgegeben. Neue Arbeitsplätze für das E-Auto sollen den Beschäftigten eine längerfristige Perspektive geben.

Als Gegenleistung für die zusätzlichen Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe ist der Betriebsrat bereit, die gleichen flexiblen Regeln bei der Arbeitszeit anzuwenden wie sie für den bereits vereinbarten Ausbau der Kapazität auf eine halbe Million Euro gelten. Um die Zugeständnisse des Betriebsrats darzustellen, reiche ein „weißes Blatt“, sagte der Untertürkheimer Betriebsratschef Michael Häberle. Die Arbeit an 19 Samstagen soll bei Bedarf verpflichtend sein, wobei die tariflichen Zuschläge gezahlt werden. Das Unternehmen habe wegen der „Remanenzkosten“ ein Eigeninteresse daran, für die perspektivisch sinkende Beschäftigung im Bereich des Verbrennungsmotors Ersatz zu schaffen. Demnach wäre ein größerer Stellenabbau mit hohen Kosten verbunden.

Der Standortverantwortliche für Untertürkheim und Produktionschef für Antriebe von Mercedes-Benz Cars, Frank Deiß, sagte, die hohe Qualifikation der Beschäftigten in Untertürkheim und die räumliche Nähe zur Entwicklung seien „extrem wertvoll“, um die Fertigung zügig hochzufahren. Viel Nacharbeit und hohe Anlaufkosten könne man sich angesichts der ehrgeizigen Effizienzziele nicht leisten.

Nach monatelangen heftigen Auseinandersetzungen hatten Betriebsrat und Unternehmensleitung sich vor drei Jahren auf eine Vereinbarung geeinigt, wonach in Untertürkheim künftig der komplette elektrische Antriebsstrang (eATS) montiert und zudem dessen zentrale Teile auch gebaut werden sollen. Zuvor hatte das Unternehmen den eATS vom Zulieferer ZF bezogen. Zu diesem gehören insbesondere der E-Motor, die Leistungselektronik und das Getriebeteil zur Kraftübertragung. Der E-Motor wird in Untertürkheim allerdings nur teilweise gefertigt.

Der Antrieb soll weiterhin aus Untertürkheim kommen

„Untertürkheim wird Mercedes-Benz auch im Elektrozeitalter im wahrsten Sinne antreiben“, sagte Mercedes-Produktionschef Jörg Burzer. Mit der Verdoppelung der Kapazität untermauere man die Ausrichtung von Stuttgart-Untertürkheim im globalen Netzwerk für Antriebe „und damit auch die Rolle unserer hoch kompetenten Kolleginnen und Kollegen“.

Standort erhält auch Batteriezentrum

Erst im Mai dieses Jahres hatte Mercedes den Grundstein für ein neues Kompetenzzentrum für Batterietechnologien in Untertürkheim gelegt, in dem die weltweiten Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten für E-Batterien gebündelt werden sollen. Unter anderem sollen dort zukünftige Generationen von Batterien und Batteriezellen getestet werden; zudem ist eine kleine Serienfertigung von Zellen geplant. Mercedes arbeitet dort unter anderem an der Festkörperbatterie, die eine höhere Energiedichte mit einem geringeren Bedarf an kritischen Rohstoffen verbinden soll.

Für die Elektroproduktion wird weniger Personal benötigt

Das Werk Untertürkheim baut heute Motoren, Batterien, Achsen, Getriebe und Komponenten. Da sich diese je nach Antriebstechnologie stark unterscheiden, ist der Standort von der Transformation weit stärker betroffen als Aufbauwerke wie das in Sindelfingen, die mit den Komponenten ein fertiges Fahrzeug herstellen. Für die Produktion des elektrischen Antriebs wird deutlich weniger Personal benötigt als für die Herstellung eines Benzin- oder Dieselantriebs; deshalb erklärte Mercedes wiederholt, dass die Beschäftigung in der Produktion in Untertürkheim perspektivisch sinken werde. Die Ansiedlung der Fertigung von Komponenten für die Elektromobilität soll diesen Abbau begrenzen.