Elektropop-Pionier Jean-Michel Jarre: „Im Moment ist KI wie der Wilde Westen“
Jean-Michel Jarre tritt bei den Jazz Open in Stuttgart auf und spricht über die Rolle von KI in der Kunst und die Verbindung von Jazz und elektronischer Musik.
Jean-Michel Jarre tritt bei den Jazz Open in Stuttgart auf und spricht über die Rolle von KI in der Kunst und die Verbindung von Jazz und elektronischer Musik.
D ie französische Musiklegende Jean-Michel Jarre (76) hat mit Alben wie „Oxygène“ und „Zoolook“ Meilensteine der elektronischen Musik geschaffen, sieht sich selbst als Handwerker des Klangs und tritt am 11. Juli bei den Jazz Open auf dem Schlossplatz auf.
Monsieur Jarre, Sie treten bei einem Festival auf, das Jazz im Titel trägt. Bei Ihrer Musik, denke ich allerdings nicht unbedingt an Jazz.
Oh, ich habe durchaus einige Verbindungen zum Jazz. Zunächst einmal war Jazz in meiner Kindheit sehr wichtig für mich. Eine der besten Freundinnen meiner Mutter war Mimi Ricard, die nach dem Krieg einen der einflussreichsten Jazzclubs in Paris gründete: Le Chat Qui Pêche. Hier gastierten Musiker wie Artie Shaw oder John Coltrane. Und immer wenn meine Mutter sich sonntags mit Mimi traf, ging ich runter in den Club. Ich hatte keine Ahnung, wer diese Leute waren, aber ich war fasziniert von ihnen und blieb dort, um ihnen bei den Proben für die Nacht zuzuhören.
Stimmt es, dass Ihnen da Chet Baker mal ein Geburtstagsständchen gespielt hat?
Ja, an meinem 10. Geburtstag setzte mich Chet Baker auf das Klavier und spielte für mich. Jedes Mal, wenn ich mich daran erinnere, spüre ich immer noch die Luft auf meiner Brust. Und er sagte mir damals, dass im Jazz zwei Dinge wichtig seien: Erstens, sich so schnell wie möglich von der Melodie zu entfernen. Und zweitens, was das Wichtigste in der Musik, im Jazz ist, ist der Klang. Es ist nicht die Melodie, es ist nicht die Harmonie, es ist der Klang, den man erzeugt, die Bedeutung des Klangs. Und insofern denke ich, dass es eine echte Verbindung zwischen elektronischer Musik und Jazz gibt, worüber nicht viele Leute nachdenken. Es ist die Idee der Suche nach dem ultimativen Klang. Und als Handwerker der elektronischen Musik kreieren wir unsere eigenen Klänge. Musik basiert nicht nur auf Noten, sondern auch auf Klängen und Geräuschen. Das verbindet Jazz und elektronische Musik.
Sie sind ein Pionier der elektronischen Musik – wie Kraftwerk, die ebenfalls bei den Jazz Open auftreten.
Wir haben die Türen zu unberührten Gebieten geöffnet. Vor uns hatten wir keine wirklichen Referenzen in purer elektronischer Musik, außer vielleicht Pierre Schaeffer oder Pierre Henry. Unsere Musik hatte nichts mit Rock, Blues oder Pop zu tun, sondern stand in der Tradition des Russen Léon Theremin oder des Franzosen Maurice Martenot, die in den 1920er Jahren die eigentlichen Pioniere der elektronischen Klangerzeugung waren. Als ich letztes Jahr bei der Abschlussfeier der Olympischen Spiele in Paris spielte, war es eine gute Gelegenheit, daran zu erinnern, dass die elektronische Musik wirklich in Europa, hauptsächlich in Frankreich und Deutschland, geboren wurde.
Waren Sie anfangs ein Außenseiter?
Absolut. Frühere Bewegungen haben immer schon die folgende abgelehnt. So war das damals auch. Die damalige Rock- und Popmusikszene hat uns komplett abgelehnt. Elektronische Instrumente nennen wir ja heute noch „Maschinen“. Für mich ist jeder Synthesizer oder jedes elektronische Instrument natürlich ein echtes Instrument wie eine Geige oder eine Gitarre. Als ich zum ersten Mal elektronische Musik im französischen Opernhaus spielte, zogen einige Musiker des Orchesters aus Protest den Stecker, weil sie dachten, elektronische Musik würde das Ende des Orchesters bedeuten. Und mein erstes Album „Oxygène“ wurde von vielen Plattenfirmen abgelehnt, weil es keinen Gesang gab und die Songs zu lang waren, um im Radio gespielt werden zu konnten.
Elektronische Musik ist heute allgegenwärtig. Haben Sie damals damit gerechnet?
Ich war absolut davon überzeugt, dass elektronische Musik extrem populär werden würde: Zum ersten Mal in der Musikgeschichte kann man zum Handwerker werden, seine eigenen Klänge formen, wie ein Maler, der Farben wählt. Natürlich konnte man vorher mit einem Orchester mit dem Klang der Streicher, der Blech- und Holzbläser und der Perkussion arbeiten. Aber diese Klänge waren von den Leuten, die die Instrumente entworfen hatten, vorgegeben. Plötzlich waren wir frei, die Klänge zu kreieren, die wir für unsere eigene Musik verwenden wollten. Das ist etwas völlig Neues. Das Gleiche wird mit KI passieren.
Sie sehen Künstliche Intelligenz also eher als Chance denn als Bedrohung?
Absolut, ich denke, dass es bei jeder Revolution, jeder Innovation, jedem Fortschritt die gleiche Geschichte gibt. Die Entdeckung des Feuers ist natürlich gefährlich, aber Feuer war am Ende des Tages gut für die Menschheit, für unsere Evolution. Auch Elektrizität ist gefährlich. Aber ich denke, wir können den Fortschritt nicht aufhalten, und je früher man ihn annimmt, desto früher kann man ihn verstehen, ihn erforschen, ihn nutzen und auch bereit sein, gegen die potenziellen negativen Auswirkungen zu kämpfen. Aber wir müssen Regeln aufstellen. Im Moment ist KI wie der Wilde Westen, wie der Anfang des Internets oder der Anfang der aufgenommenen Musik.
Haben Sie keine Angst, dass die KI den Künstler ersetzen könnte?
KI ist eine Chance für Künstler. Ich verwende viel KI, noch nicht wirklich in der Musik, aber im grafischen Bereich. Die Show, die ich in Stuttgart präsentieren werde, alle Visuals werden mit KI erstellt. Ich gehe trotzdem davon aus, dass das, was ich schaffe, absolut ich selbst bin, absolut originell. KI erweitert die Grenzen meiner eigenen Vorstellungskraft.
Ihr Album „Zoolook“ aus dem Jahr 1984 ist gerade als remasterte Jubiläumsausgabe erschienen. Der Einsatz von Sprachsamples spielt auf dem Album eine große Rolle. Das war eine weitere Erfindung, die Sie vor 40 Jahren in die populäre Musik eingebracht haben.
Die Idee hinter „Zoolook“ war, ein Vokalalbum ohne Lyrics zu schaffen. Die Stimmen sollten für ihren tonalen Aspekt verwendet werden, nicht für die Bedeutung der Worte, sondern für den Ton und den Klang. Damals stand die Sampling-Technik noch ganz am Anfang. Man konnte nur 0,8 Sekunden in 8- Bit-Sound sampeln. Aber genau diese Begrenztheit ist das Besondere des Sounds dieser Ära – „Zoolook“ entstand im Goldenen Zeitalter des Samplings. Das Gleiche gilt etwa auch für „My Life in the Bush of Ghosts“ von Brian Eno und David Byrne. Was damals das Sampling war, ist jetzt die KI. Das, was wir heute mit KI schaffen, wird in zehn oder zwanzig Jahren als das Goldene Zeitalter der KI angesehen werden, weil die Technologie noch so schwach, so fehlerhaft ist. Das wird den Stil der 2020er Jahre prägen.
Sie haben bereits vor den Pyramiden, in der Wüste oder der Verbotenen Stadt in Peking gespielt. Gibt es eine Show, auf die Sie besonders stolz sind?
Die Show, auf die ich am meisten stolz sein werde, ist die nächste. Der gemeinsame Auftritt, den ich beim Starmus Festival in Bratislava mit Brian May von Queen hatte, war für mich eine Meisterleistung in Bezug auf die Beziehung zwischen dem, was man hört, und dem, was man sieht. Ich lerne immer noch aus den vorherigen Erfahrungen. Deshalb hoffe ich, dass dieses Konzert in Stuttgart und die wenigen Konzerte, die ich 2025 geben werde, eine Weiterentwicklung gegenüber dem sind, was ich letztes Jahr gemacht habe.
Person
Jean-Michael Jarre, der 1948 in Lyon geboren wurde, ist ein Pionier der elektronischen Musik. Seine wichtigsten Alben sind „Oxygène“ (1976) und „Zoolook“ (1984). Auf „Electronica 1 & 2“ (2015–2016) arbeitete er unter anderem mit Moby, Massive Attack und den Pet Shop Boys zusammen.
Festival
Die Jazz Open finden vom Mittwoch, 2. Juli, bis Sonntag, 13. Juli, an verschiedenen Veranstaltungsorten in Stuttgart statt. Eröffnet wird das Festival an diesem Mittwoch mit dem Konzert von Ezra Collective im Alten Schloss und dem Auftritt von Dianne Reeves im SpardaWelt Eventcenter, der bereits ausverkauft ist. Keine Tickets gibt es zudem für die Schlossplatz-Konzerte von Kraftwerk (8. Juli), Kylie Minogue (9. Juli) und Lionel Richie (13. Juli) sowie für den Auftritt von Gregory Porter im Alten Schloss (6. Juli). Zwar sind bereits auch schon einige Konzerte im Jazzclub Bix ausverkauft, für einige Shows im Alten Schloss – Ezra Collective (2. Juli), Marcus Miller (3. Juli), Dianne Reeves (4. Juli), Herbie Hancock (5. Juli) – und auf dem Schlossplatz – Raye (7. Juli), Joe Bonamassa (10. Juli), Jean-Michel Jarre (11. Juli) und Zucchero (12. Juli) – sind zumindest zurzeit aber noch Restkarten erhältlich. Informationen und Tickets gibt es hier.