ELF-Champion Stuttgart Surge Droht nun der große Umbruch, Coach Neuman?

Freude über den Titelgewinn: Jordan Neuman umarmt Luca Siebert. Foto: Baumann

Jordan Neuman ist der Meistermacher bei den Footballern von Stuttgart Surge. Obwohl der Cheftrainer etliche Spieler verlieren wird, sagt er: „Wir haben hier erst angefangen.“

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Mit ihm kam der Erfolg: Jordan Neuman machte Stuttgart Surge zum besten Team der European League of Football (ELF). Nun muss der Cheftrainer nach dem Titelgewinn eine neue Mannschaft aufbauen. Er ist voller Zuversicht, dass dies gelingt: „Bei Stuttgart Surge wird eine neue Ära beginnen.“

 

Coach Neuman, wie lange ging die Titelfeier?

Ich war gegen 3 Uhr morgens daheim. Was die Spieler danach noch gemacht haben, weiß ich nicht.

Was bleibt Ihnen von dieser Nacht in Erinnerung?

Wir hatten eine großartige Zeit, die Stimmung war top. Es war jederzeit zu spüren, dass wir zusammen etwas Tolles geschafft haben.

Das Finale zu gewinnen?

Auch. Aber es ging nie allein um diesen Titel, sondern immer auch um die Reise dorthin. Die Strecke war alles andere als einfach.

Inwiefern?

Es gab durchaus Probleme. Die Offensive hatte ein paar Spiele mit zu wenigen Punkten, auch die Defensive stand nicht immer perfekt. Vor sechs Wochen haben wir den Schlüssel gefunden. Von da an wussten wir, wer wir sind – und haben unseren besten Football gespielt?

Gab es ein Schlüsselereignis?

Nein, aber zwei wichtige Dinge: Es standen nun die richtigen Spieler auf den richtigen Positionen. Und wir sind fortan als echtes Team aufgetreten. Diesen Zusammenhalt haben wir uns gemeinsam erarbeitet, im ständigen Gedankenaustausch zwischen Spielern und Trainern. So wie es unserer Kultur entspricht. Auf den Weg, den wir zusammen gegangen sind, bin ich extrem stolz.

Welche Rolle hat der Druck gespielt?

Eine große. Wir hatten von Anfang an wahnsinnig viel Druck, weil jeder wusste, dass das Finale im VfB-Stadion stattfinden wird. Auch ich wollte unbedingt dorthin – für die Spieler und unsere Fans. Es war mein großes Ziel, ihnen diese einmalige Erfahrung zu ermöglichen.

Wie haben Sie das Finale erlebt?

Natürlich habe ich das Stadion und die Fans gespürt, das war cool. Und trotzdem hat es sich für mich ziemlich schnell angefühlt wie ein normales Football-Spiel, gar nicht besonders. Erst während des letzten Drives der Vienna Vikings wurde mir plötzlich bewusst: Wenn wir sie jetzt stoppen, sind wir Meister!

Was war ausschlaggebend für den Sieg?

Unsere Kultur und unsere Team-Chemie – darauf ist unser Spiel aufgebaut.

Viele Experten meinten hinterher, ausschlaggebend seien die Defensive und Louis Geyer mit seinen drei Touchdowns gewesen.

Das wäre mir zu einfach. Aber natürlich war unsere Defense superstark, ihre Leistung war in den ganzen Play-offs überragend. Unsere Defensive Line hat das Team zur Meisterschaft getragen. Und auch die Leistung von Louis Geyer war absolut top. Ich würde aber gerne noch eine andere Geschichte erzählen.

Bitte.

Am Sonntagmorgen bin ich aufgewacht und war mir nicht sicher, ob unser Quarterback Reilly Hennessey spielen kann.

ELF-Boss Zeljko Karajica (li). überreicht die Trophäe an Surge-Coach Jordan Neuman. Foto: Imago/Foot Bowl

Warum?

Er hatte wegen einer Rippenverletzung die gesamte Woche nicht trainiert, noch am Samstag sah es nicht gut aus. Doch er hat sich durch das Finale gekämpft, was extrem schmerzhaft war. Ich bin sehr stolz auf ihn, dass er für das Team alles gegeben hat.

Nach dem Spiel gab es eine lange Umarmung, er und Sie hatten Tränen in den Augen.

Wir haben eine besondere Beziehung. Ich bin sehr dankbar für die vielen Jahre voller Energie und Einsatz, die wir zusammen verbracht haben.

Ist die gemeinsame Zeit nun vorbei?

Natürlich hatten wir beide das Gefühl, dass es das war. Reilly wird sich diesmal schnell entscheiden. Ich bin so froh für ihn, dass er – wenn er geht – als Meister gehen kann. Er hat sein Ding gemacht.

Es war von vielen Spielern zu hören, dass nach drei Jahren harter Arbeit mit dem Titelgewinn das große Ziel erreicht und eine Geschichte zu Ende erzählt ist. Droht nun der große personelle Umbruch?

Das wird passieren. Es gibt eine Gruppe bei uns, die nach dieser Meisterschaft fertig ist mit Football.

Wie groß wird die Veränderung ausfallen?

Das kann ich nicht genau beziffern. Mein Gefühl ist, dass wir knapp ein Drittel des Kaders verlieren werden, vielleicht ein bisschen mehr, vielleicht ein bisschen weniger. Was ich sicher weiß: Es wird bei Stuttgart Surge eine neue Ära beginnen.

Mit welchen Spielern?

Enorm wichtig ist, dass wir auch eine andere Gruppe im Kader haben: Sie besteht aus jungen, hochtalentierten Spielern wie Louis Geyer, Luca Siebert, Marlon Werthmann oder Ben Wenzler, um nur ein paar zu nennen. Ich hoffe, dass sie alle dabei bleiben, denn auf diese Jungs wollen wir aufbauen. Und dann gibt es natürlich auch schon Ideen für Neuverpflichtungen. Dabei hilft uns die gewonnene Meisterschaft. Wir haben uns einen guten Ruf erarbeitet.

Offen ist, was mit der European League of Football passiert und auch die Frage, ob die Rebellen der European Football Alliance, zu denen Stuttgart Surge gehört, sich womöglich abspalten.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass es mit einer Liga auf höchstem europäischen Niveau weitergehen wird. Wie diese genau aussehen und welchen Namen sie haben wird, weiß ich nicht.

Machen Sie sich Sorgen um Ihren Arbeitsplatz?

Nein. Egal wie das neue Konstrukt heißt, ist für mich persönlich wichtig, dass die besten Spieler, die besten Teams und die besten Coaches in dieser Liga sind. Das ist alles, was ich will, und ich habe das sehr starke Gefühl, dass es auch so kommen wird.

Sie werden folglich weiterhin Cheftrainer bei Stuttgart Surge sein?

Wir haben hier erst angefangen.

Zu Ihrem Team gehören Johannes Brenner und Cody Pastorino, die gemeinsam die Auszeichnung als Assistant Coaches des Jahres 2025 erhalten haben. Wie sehr freut Sie diese Ehrung?

Die beiden sind bei uns für die Defense verantwortlich und ein wesentlicher Teil unseres Erfolgs. Sie sind nicht nur zwei der besten Football-Experten in ganz Europa, sondern auch großartige Anführer und Lehrer. Ich bin extrem dankbar für ihre Arbeit und freue mich, dass sie diese absolut verdiente Auszeichnung bekommen haben. Es ist unglaublich wertvoll, sie an meiner Seite zu wissen.

Zum Trainer des Jahres wurde Kendral Ellison von den Munich Ravens ernannt. Der Coach des neuen Meisters Stuttgart Surge gehörte nicht einmal zu den drei Nominierten.

(lächelt) Als ich Ende 2022 nach Stuttgart kam, hatte das Surge-Team eine Saison hinter sich, in dem alle Spiele verloren worden waren. 2023 standen wir dann im Finale, und schon damals bin ich nicht ausgezeichnet worden. Deshalb bin ich jetzt nicht sonderlich überrascht.

Yannick Mayr, der nach zwei Jahren bei Stuttgart Surge nun im Finale mit den Vienna Vikings verloren hat, war über die Niederlage ziemlich enttäuscht. Und meinte zugleich gegenüber unserer Zeitung, dass das Ergebnis viel mit Ihnen zu tun habe, weil Sie ein Genie seien.

Ich habe nicht gewusst, dass er so etwas gesagt hat. Umso mehr freut es mich, das zu hören. Es ist ein tolles Kompliment.

Wie werden Ihre nächsten Wochen aussehen – gibt es eine Pause vom Football?

Am Samstag findet unsere interne Abschlussfeier statt, danach gibt es eine kleine Auszeit. Allerdings nicht für rund ein Dutzend meiner Jungs. Stuttgart Surge stellt die meisten deutschen Nationalspieler, Lars Heidrich wird ziemlich sicher als Quarterback beginnen, wenn am 25. Oktober in Krefeld das EM-Halbfinale gegen Österreich stattfindet. Weil die Österreicher viele Vikings-Spieler haben, wird es zugleich eine Art Revanche für das ELF-Finale.

Werden Sie in Krefeld dabei sein?

Ja. Ich will mir das Spiel im Stadion anschauen, und ich bin jetzt schon ziemlich aufgeregt.

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