Das Angebot ist so prall wie vor der Pandemie. Zerreißen will man sich zwischen Festivals und Premieren. Das Angebot, ja, aber die Nachfrage? Die einen kleben auf dem Sofa fest, und es ist unklar, ob sie jemals wieder davon runterkommen. Die anderen sind noch immer zurückhaltend und tasten sich nur langsam zurück ins öffentliche Leben. „Meine erste Veranstaltung seit zwei Jahren!“, tönt es in den Fluren. Nun, da die Säle endlich wieder voll besetzt werden dürfen, bleiben Plätze frei, es gibt Karten auf den letzten Drücker für Veranstaltungen, die sonst ruckzuck ausverkauft sind. Überall wird appelliert, weiterhin Maske zu tragen. Man schaut sich um und hat den Eindruck, dass sich die Maskenfrage innerhalb einer Gruppe oder eines Paars entscheidet: Entweder alle mit, oder kollektiv ohne. Die Koexistenz ist friedlich, niemand mault, und man spürt eine große Freude darüber, dass gemeinsames Erleben von Kultur wieder möglich ist. Gleichzeitig ist der Krieg überall präsent, er drückt auf die Stimmung und dämpft die Begeisterung, den Applaus.
Ausflug ins Badische
Stuttgart strengt sich an, rasch wieder seinem Ruf als Tanzmetropole gerecht zu werden, und wer befürchtet hat, das tänzerische Niveau habe gelitten, weil Tänzerinnen und Tänzer in der Corona-Zeit statt im Ballettsaal zwischen Esstisch und Sessel trainieren mussten, kann ganz beruhigt sein. Beim Noverre-Abend des Stuttgarter Balletts stellen sich fünf junge Choreografen vor, die Compagnie zeigt sich in Bestform, das Schauspielhaus ist endlich mal wieder voll, die Stimmung prächtig. Noverre war das Sprungbrett für Bridget Breiner, die dort 2005 ihre erste Choreografie präsentierte. Mittlerweile hat sie Birgit Keil am Staatstheater Karlsruhe als Ballettdirektorin abgelöst. Wie wär’s also mit einem Ausflug ins Badische? Das geht dank guter Verbindungen Samstagabend sogar mit dem Zug. Breiner hat ihr Ballett „Ruß“ vom Ballett im Revier mitgebracht. Ihre im Ruhrpott verortete Version von Aschenputtel begeistert auch das Karlsruher Publikum, und hurra, das Theater ist fast ausverkauft.
Enthusiasmus und Denglisch
Das nächste Highlight dann in Stuttgart im Theaterhaus, Gauthier Dance kann die Premiere von „The Seven Sins“ feiern. Eric Gauthier, der wohl auch eine Vogelscheuche zum Tanzen bringen würde, hat sieben namhafte Choreografen in einem Projekt vereint. Das Publikum wird von Gauthiers überbordendem Enthusiasmus und wildem Denglish fortgerissen in einen umwerfenden Tanzabend. Der Tanz boomt, und es geht weiter. Bald kommt das internationale Tanzfestival „Colours“, auch ein Kind Gauthiers, und davor findet im Treffpunkt Rotebühlplatz noch das internationale Solo-Tanz-Theater-Festival statt. International, auch das haben wir lange vermisst. Das Sofa muss warten.