Stuttgart - Erst im Oktober hat die Württembergische Landesbibliothek ihren Erweiterungsbau an der Stuttgarter Kulturmeile in Betrieb genommen, aber schon jetzt zeichnet sich ab: Auch ohne große Eröffnungssause schreibt das neue Gebäude nach kurzer Zeit klammheimlich eine Erfolgsgeschichte. Kaum zu glauben, mit welcher Selbstverständlichkeit die neue Labi ihren Platz eingenommen hat und ausfüllt. Trotz der Bauarbeiten im Außenbereich scheint es so, als sei die neue Bibliothek schon immer da gewesen. Woran mag das liegen? Am Standort unmittelbar neben dem alten Gebäude, mit dem sie ein harmonisches Ganzes bildet? Oder daran, dass die überwiegend jungen Menschen, die das Gebäude bevölkern, offensichtlich von niemandem an die Hand genommen werden mussten, um diese Bibliothek zu ihrer zu machen? Trotz Teil-Lockdowns darf die Labi unter Einhaltung strenger Regeln öffnen. Arbeitsplätze müssen elektronisch reserviert werden, während des ganzen Aufenthaltes gilt Maskenpflicht.
Oho, ein Ohrstöpselautomat!
Stundenlang mit Maske am Schreibtisch zu sitzen ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Dass die Nachfrage trotzdem hoch ist, hat sicher auch mit Corona zu tun: Die Landesbibliothek bietet die Möglichkeit, der häuslichen Isolation zu entfliehen und beim konzentrierten Arbeiten wenigstens indirekt Gemeinschaft zu spüren. Das enorm freundliche, hilfsbereite Bibliothekspersonal, das sichtlich glücklich ist mit dem neuen Haus, trägt auch zum Wohlfühlcharakter im eigentlich nüchternen Bau bei. Es gibt sogar einen Ohrstöpselautomaten!
Wenn man Glück hat, teilt einem das Buchungssystem einen Fensterplatz mit wunderbarem Weitblick auf Stiftskirche, Altes Schloss und Dorotheen-Quartier zu. Das kalte Grausen packt einen dagegen, wenn man steil nach unten schaut. Sieben Fahrspuren trennen die Bibliothek von Landtag und Oper. Will man die B 14 an der Fußgängerampel queren, bleibt man inmitten der Blechlawine kleben, weil die Grünphasen nicht koordiniert sind.
Dem neuen OB ist Mut zu wünschen
Es ist paradox. Einerseits wird die Kulturmeile stetig erweitert und aufgewertet. Man kann sich ausmalen, wie großartig das hier einmal werden kann im Bildungsdreieck von Musikhochschule, Bibliothek und Stadtpalais, vor allem, wenn Café und Freitreppe der Bibliothek fertig sind und zur Belebung beitragen. Andererseits ist man verkehrstechnisch seit Jahrzehnten keinen Schritt weitergekommen. Diese Situation ist einer Landeshauptstadt, die wiederholt als Kulturhauptstadt ausgezeichnet wurde, absolut unwürdig.
Im September hat die Stadt den Siegerentwurf eines städtebaulichen Wettbewerbs präsentiert. Er entwickelt die Vision einer Kultur-Rambla mit fünfzig Prozent weniger Verkehr. Grün statt grau, auf einer Länge von vier Kilometern! Wirklich passiert ist seither nichts. Man wünscht dem neuen OB den Mut, den Ideen rasch Taten folgen zu lassen, damit nicht weitere Jahrzehnte verspielt werden.