Elisabeth Kauder arbeitet mit Flüchtlingen Schaurige Erinnerungen im Sandkasten

Elisabeth Kauder hat sich in Stuttgart in einer eigenen Praxis als Psychoanalytikerin niedergelassen. Foto: Schiermeyer
Elisabeth Kauder hat sich in Stuttgart in einer eigenen Praxis als Psychoanalytikerin niedergelassen. Foto: Schiermeyer

Die Stuttgarter Psychotherapeutin Elisabeth Kauder baut in Nordgriechenland eine psychologische Betreuung für minderjährige Flüchtlinge auf. Sie zeigt sich einig mit ihrem Mann, dem Unionsfraktionschef Volker Kauder: Eine Obergrenze wäre falsch.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)
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Stuttgart - Junge Männer bis zu 18 Jahren im Sandkasten spielen zu lassen, ist ein Wagnis. Sie könnten dies als Zumutung empfinden. Doch auf der Flucht vor Krieg kann es helfen, schreckliche Erlebnisse zu verarbeiten. Für die Stuttgarter Psychotherapeutin und Präsidentin von German Doctors, Elisabeth Kauder, müssen unbegleitete junge Flüchtlinge zwingend psychotherapeutisch betreut werden. Dazu hat sie die Methode der „expressiven Sandarbeit“ nach Griechenland exportiert.

Die Ergebnisse können „berührend“ sein, wie sie jüngst im Lager Lagkadikia bei Thessaloniki erlebt hat. Ein junger Syrer habe von seinem Sandbild gar nicht mehr weggehen wollen, nachdem ihm klar geworden sei, was ihn innerlich umtreibt. Mit Hingabe werden oft schaurige Kriegsbilder dargestellt oder wilde Tiere – oder eingezäunte Areale als Zeichen für den Wunsch nach Geborgenheit. Als Folge der Traumatisierung werden Gefühle eingesperrt – diese „emotionale Panzerung“ solle aufgebrochen werden. Damit würde den Minderjährigen, die häufig schon Selbstmordversuche oder Selbstverletzungen hinter sich hätten, der Weg in ihr Inneres eröffnet, sagt Kauder, die Frau des Unionsfraktionschefs Volker Kauder. Über eigene Befindlichkeiten zu sprechen, sei in arabischen Gesellschaften nicht üblich.

Mit ihrem Mann „so was von einer Meinung“

1000 Flüchtlinge leben im Lager Lagkadikia. Die Partnerorganisation Arsis sammelt die Minderjährigen an sicheren Orten, „safe places“ genannt, damit sie von der Polizei nicht – zum eigenen Schutz – in Wohnheimen, Arrestzellen oder Gefängnissen untergebracht werden müssen. Geflohen sind sie oft aus Angst vor dem Kriegsdienst in der Assad-Armee oder beim IS. Praktisch jedes Kind muss Kriegsopfer in der Kernfamilie beklagen. In dem Camp Lagkadikia baut Kauder mit der Esslinger Kinderpsychotherapeutin Eva Feine-Enninger und Arsis eine umfangreiche therapeutische Betreuung auf. Derzeit werden bis zu 140 Minderjährige zwischen 13 und 17 Jahren behandelt. Dazu braucht es Helfer: Bei ihrem vierwöchigen Aufenthalt schulten die Psychologinnen Dutzende freiwillige Arsis-Mitarbeiter, meist junge Frauen, um Flüchtlingskinder bei den Sandspielen begleiten sollen.

Die Griechen würden mit dem Elend „ein Stück weit allein gelassen“, resümiert Kauder. Aber auch die Bürokratie verhindert Fortschritte: Seit Frühjahr habe es German Doctors nicht geschafft, zwei einheimische Ärzte einzustellen. Vieles sei überreguliert. Obwohl sie politische Wertungen sonst vermeidet, hat Kauder in einer hochumstrittenen Frage eine klare Position: „Sonnenklar“ sei für sie, dass man jeden, der aus einem Kriegsgebiet flieht, aufnehmen müsse. Die Menschen fürchteten um ihr Leben. „Da darf es keine Begrenzung geben.“ Und nach Afghanistan zurückschicken, wie etwa in der Union diskutiert, dürfe man die Flüchtlinge auch nicht. Die Afghanen seien seit dem Einzug der Sowjets vor gut drei Jahrzehnten über Generationen traumatisiert. An der Stelle erlaubt sie sich den knappen Hinweis: „In der Flüchtlingsfrage sind mein Mann und ich so was von einer Meinung – da gibt es keine Unterschiede.“ Von Anfang an sei er gegen die Obergrenze gewesen.

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