In den 1990er Jahren war er der frechste Sprücheklopfer der Nation: Elmar Hörig, damals einer der erfolgreichsten Radio- und Fernsehmoderatoren Deutschlands. Doch dann stürzte er ab.

Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Baden-Baden - Zu seinen Glanzzeiten war Elmar Hörig ein begnadeter Unterhaltungskünstler, abgedrehter als Helge Schneider, schlagfertiger als Thomas Gottschalk und respektloser als Harald Schmidt. Hörig machte sich über jede Minderheit, jede Kirche, jede Partei lustig. Er beleidigte Fans der „Kelly Family“, imitierte „den Bettnässer“ Hitler und fälschte Verkehrsnachrichten: „Achtung Autofahrer! Auf der A 8 kommt Ihnen die A 9 entgegen!“ Die Fans liebten ihren rotzfrechen Elmi, den König der Radiosatire.

Heute verbringt Elmar Hörig seine Tage mit Golfspielen oder Skilanglauf. Als Treffpunkt für ein Gespräch über alte Zeiten schlägt er eine Bar vor, die auf alkoholfreie Drinks spezialisiert ist. Das einstige Großmaul spricht leise. War er sehr gekränkt, als er vor 14 Jahren beim Südwestrundfunk gefeuert wurde? „Man trägt so etwas sein ganzes restliches Leben rum“, antwortet Hörig, „wie eine Wunde, die niemals verheilt.“

Was macht einen Menschen verletzlich? Elmar Hörig kommt am 15. Juni 1949 in Baden-Baden zur Welt. Als er zwei Jahre alt ist, stirbt seine Mutter. Sein Vater war im Dritten Reich als Soldat in Russland, nach der Wiederbewaffnung wird er als Bundeswehroffizier nach Hamburg versetzt. Elmar entwickelt sich zu einem Problemkind. Er streitet sich mit der Stiefmutter, stiehlt und prügelt sich. In der Schule ist er krottenschlecht, zu Hause schwer erziehbar. Der Vater steckt ihn in das katholische Internat im badischen Sasbach.

Sein Aufstieg beginnt mit einer Lüge

Dort, umgeben von Burschen mit ähnlichen Biografien, fühlt sich Elmar akzeptiert. Seine Noten werden besser, er macht ein ordentliches Abitur und studiert in Freiburg Sport und Englisch. Er träumt davon, Rockstar zu werden, reist nach London, singt in kleinen Clubs zur Gitarre, jobbt als Straßenkehrer und pennt bei einem Kumpel. Abends schaltet er Capital Radio ein, um seinem Helden Kenny Everett zuzuhören, einem Genie des britischen Humors. Nach zwei Jahren kehrt der Beatles-Fan Hörig desillusioniert nach Freiburg zurück: Er weiß nun, dass aus ihm kein Paul McCartney wird. Stattdessen lässt er sich zum Lehrer ausbilden. Nach dem Referendariat ist Hörig arbeitslos.

Sein Aufstieg beginnt mit einer Lüge. 1980 ruft Hörig bei dem öffentlich-rechtlichen Popsender SWF 3 an und behauptet, er habe für Capital Radio gearbeitet. Programmchef Peter Stockinger lädt den unbekannten Aufschneider zu einer Probemoderation ein. Hörig setzt sich vor das Mikro und legt los. Nach ein paar Minuten geht das Rotlicht wieder aus. „Also gut, Sie dürfen die Musikbox mitmoderieren“, sagt Stockinger, ein Fachmann mit gutem Riecher. „Das ist mein Glückstag“, denkt Hörig und fährt vom Funkhaus zu seiner alten Internatsschule, um seine Bewerbungsoffensive erfolgreich fortzusetzen. Die folgenden Jahre führt Hörig ein Doppelberufsleben als Gymnasiallehrer und Radiomoderator.

1985 schmeißt er den Pädagogenjob für eine eigene Sendung, die ,,Elmi Radio Show“. Hörig wird zum SWF-3-Trendsetter. Das Hightechstudio seines britischen Vorbilds Kenny Everett lässt er sich eins zu eins im badischen Eigenheim nachbauen. Akribisch bereitet er jede „Elmi Radio Show“ vor, stellt die Musiktitel nach Lust und Laune zusammen, gestaltet Jingles, denkt sich aberwitzige Horoskope aus oder erschließt mit der Juxweltraumserie „Käpt’n Kipp Dotter“, in der er alle Figuren selber spricht, unbekannte Rundfunkgalaxien. Hörig ist kein Teamplayer, er macht alles alleine. Und nennt sich „Radiogott“.

Hörig redet sich um Kopf und Kragen

Als ihn auch noch das Fernsehen als Sprücheklopfer engagiert, hebt er vollends ab. Zeitweise moderiert er bei Sat 1 vier Sendungen: „Pack die Zahnbürste ein“, „Elmis witzige Oldie-Show“, „Geh aufs Ganze“ und „Bube, Dame, Hörig“. Als Assistentin wählt er Barbara Schöneberger aus, seine Kollegen heißen Jörg Pilawa und Johannes B. Kerner. Hörig kommt sich wichtig vor, er zelebriert die Arroganz. Spricht nur, mit wem er will, sagt stets, was er denkt. Die Fusion von Südwestfunk und Süddeutschem Rundfunk nennt er „Blödsinn“, die Verantwortlichen bezeichnet er als „Sesselfurzer“. Nichtsdestotrotz geht er im Herbst 1998 beim neu geschaffenen Südwestrundfunk wieder auf Sendung. Doch Elmar Hörig hat nun mächtige Gegner. Er tut ihnen den Gefallen und redet sich um Kopf und Kragen.

Bei der Aufzeichnung seiner aberhundertsten Sat-1-Quizshow erklärt der Zotenreißer Hörig, dass Männer zwischen 40 und 50 die besten seien, weil sie genug Kohle und „noch Leben in der Hose“ hätten. Aus dem Publikum ruft eine Mädchen: „Zeigen, zeigen!“ und der Moderator kontert: „Komm runter, du kleine Ische, ich zeig’s dir.“ Der Vorfall landet bei der Boulevardpresse, wo die 17-jährige Schülerin von „massiver sexueller Belästigung“ spricht. Kurz darauf meldet die „Bild“-Zeitung, dass Sat 1 die Zusammenarbeit mit dem „Schmuddel-Hörig“ beende.

Weder für den Betroffenen, der es längst zum Millionär gebracht hat, noch für sein Publikum ist das besonders tragisch. Im Fernsehen wirkte Hörig ohnehin wie ein Spaßmacher in Zwangsjacke. Sein Medium ist das Radio, wo er unbeobachtet ein kreatives Chaos inszenieren kann. Zum 123. Geburtstag von Konrad Adenauer am 5. Januar 1999 spielt er für fünf Sekunden eine Hitlerrede und sagt: „Ups, das war ja gar nicht Adenauer.“ Seit 20 Jahren bewegt sich Elmis Humor abseits der politischen Korrektheit. Doch mit der Rundfunkfusion haben sich die Spielregeln geändert. Der SWR-3-Wellenchef Gerold Hug streicht den Anarchisten vom Dienstplan, weil er nicht die „öffentlich-rechtlichen Standards“ erfülle.

Ein Sprung ins nächste Fettnäpfchen

Die Hörer sind empört und fordern in Tausenden von Protestbriefen ihren Elmi zurück. Hug knickt ein und lässt den beliebten Scherzbold wieder ans Mikro, allerdings auf Bewährung und nur unter der Bedingung, dass er keine Witze mehr über Hitler, Frauen, die Kirche oder Minderheiten reißt. Und wie reagiert Elmar Hörig, mittlerweile fast 50 Jahre alt und noch immer ein infantiler Trotzkopf? Springt mit Karacho ins nächste Fettnäpfchen. Macht sich über eine Ankündigung der Bahn lustig, wonach homosexuelle Paare verbilligte Fahrkarten erhalten sollen. „Warme Woche bei der Bundesbahn“, kalauert Elmi, „dann braucht man die Züge künftig nicht mehr zu heizen.“ Unterste Schublade der Schwulenwitze, urteilt Hug. Der Senderchef hat die Faxen dicke und entlässt seinen Starmoderator fristlos.

Vierzehn Jahre später nippt Elmar Hörig in der Baden-Badener Wellnessbar Juice Me an einem Mango-Shake und sagt dann: „Ich war damals ein Arschloch.“ Er habe geglaubt, dass ihn seine Popularität unangreifbar mache. Der Hochmut ist mittlerweile der Demut gewichen. Gab Hörig nach seinem Rauswurf nur anderen die Schuld, sucht er die Fehler inzwischen vor allem bei sich selbst. „Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich mich anders verhalten.“

Manchmal liegt Elmar Hörig nachts wach und grübelt darüber nach, „dass ich mein Potenzial nicht ausschöpfen konnte“. Findet er dann Schlaf, träumt er wie in einer Endlosschleife von seiner Radioshow: „Ich will eine Platte auflegen, aber ich finde keine. Also muss ich reden, reden, reden.“

SWF 3 war seine große Liebe

Nachdem ihn der SWR nicht mehr wollte, war Hörig immer mal wieder für Privatradios tätig. Aber ständig Gewinnspiele anzukündigen und den Hörern damit das Geld aus der Tasche zu ziehen, ist nicht sein Ding. Er will auch keine Musiktitel spielen, die ihm ein Computerprogramm vorgibt. „Heutzutage gibt es nur noch formatiertes Hosenscheißerradio“, sagt er.

Vor ein paar Jahren entdeckte er das Internet für sich. „Arschgeigen TV“ nannte er seine Satireserie, die er via Youtube verbreitete. Stundenlang bastelte er an den Drei-Minuten-Folgen, als Lohn erntete er ein- bis zweitausend Klicks und ein paar dumme Kommentare. Nun postet er nur noch auf Facebook „irgendeinen Scheiß“.

Der Diego Maradona des Popradios

Hörig versucht, positiv zu denken. Er hatte ja großartige Jahre bei SWF 3, die schönen Erinnerungen kann ihm niemand nehmen. Er ist mit 63 noch immer topfit. Er hat eine liebe Frau, einen Porsche, ein Eigenheim und Katzen, die ihn schnurrend begrüßen, wenn er zur Tür reinkommt. Doch zum großen Glück fehlt ihm eine Aufgabe. „Ich bin ein bisschen leer“, sagt er.

Nach dem Rauswurf zog sich Elmar Hörig für ein Jahr in seine Ferienwohnung auf Lanzarote zurück. Wehmütig blickte er aufs Meer. Man hatte ihm seine große Liebe genommen, Hörigs Herz hing an einem Radiosender. SWF 3 war sein Spielfeld, und er, der Diego Maradona des Popradios, verzauberte mit Wortdribblings die Fans. Mancher Scherz ging daneben, aber kein Radiomoderator dieser Republik landete mehr Volltreffer als Elmi. Es wäre ihm zu wünschen, dass er noch einmal seine Show abziehen dürfte. Elmar Hörigs Karriere hätte ein Happy End verdient.