Eltern am Limit Der stumme Schrei nach Hilfe

Viele Eltern haben das Gefühl, dass alle an ihnen zerren und dass sie vielem nicht gerecht werden können. Sich Hilfe zu suchen ist kein Zeichen von versagen, sondern es zeigt Stärke und Mut Foto: Adobe Stock/Kudryavtsev

Obwohl immer mehr Mütter und Väter unter der ständigen Belastung leiden, ist Burnout aus familiären Gründen nach wie vor ein Tabuthema.

Trennung, neue Stadt, neuer Job – und als Alleinerziehende auch der Druck: Das muss jetzt einfach alles funktionieren. Also arbeitete Jay Rebel 60 Stunden die Woche, häufig auch an den Wochenenden. Sie verdiente trotzdem wenig, vernachlässigte ihre damals vierjährige Tochter – und sich selbst. „Ich war ständig hundemüde, konnte aber nicht mehr richtig schlafen“, erinnert sie sich an die ersten Anzeichen ihres Eltern-Burn-outs.

 

Der Hausarzt bemerkte irgendwann ihren schlechten Gesundheitszustand und schrieb sie krank. „Plötzlich war mir klar, dass ich meine Scham herunterschlucken und Hilfe annehmen muss“, erinnert sich Jay Rebel, die in Köln lebt. In ihrem Fall bedeutete das, die Arbeitszeit zu reduzieren und finanzielle Unterstützung vom Staat anzunehmen. „Das war ein Riesenschritt für mich, denn ich hatte das Gefühl, alle anderen bekommen alles gebacken, nur ich nicht.“

79 Prozent der Eltern fühlen sich in ihrem Alltag unter Druck

Heute weiß sie, dass das nicht stimmt. Dass Phasen von übermäßigem Stress und Überlastung im Leben bei ganz vielen Menschen irgendwann dazu gehören, insbesondere wenn sie Familie haben. „Wer nicht selbst betroffen ist, hat garantiert irgendwann jemanden in seinem näheren Umfeld, der Hilfe benötigt“, sagt sie. Sie gründete die Online-Plattform „Zeit für Heldinnen“, auf der Betroffene ihre Geschichten teilen und Hilfe finden können.

In Deutschland fühlen sich 79 Prozent der Eltern in ihrem Alltag unter Druck, so ein aktuelles Ergebnis der Umfrage „Eltern im Fokus“ der Körber-Stiftung. Sie haben zu wenig Zeit für sich selbst, für ihren Partner und erleben Vereinbarkeitsprobleme zwischen Beruf und Familie. Hält dieser Druck dauerhaft an, kommen zur Erschöpfung, Gereiztheit und innerer Unruhe körperliche Symptome wie Rückenschmerzen oder Kopfschmerzen hinzu, können die Symptome auf das hinweisen, was im Volksmund als Burn-out bezeichnet wird.

„Wir gehen davon aus, dass 24 Prozent aller Mütter, das sind rund zwei Millionen, und 14 Prozent aller Väter mit minderjährigen Kindern in Deutschland einen Bedarf an einer stationären Vorsorge- oder Rehabilitationsmaßnahme haben. Erschöpfungssymptome sind dabei typisch“, sagt Rebekka Rupprecht, Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks. In den Vorsorge- und Reha-Kliniken im Verbund des Müttergenesungswerks können jährlich aber nur etwa 50 000 Mütter und 3500 Väter aufgenommen werden. „Die Wartelisten werden immer länger, und die Mütter und Väter sind dann häufig noch stärker belastet als zum Zeitpunkt der Antragsstellung, wenn sie die Kurmaßnahme antreten“, sagt Rebekka Rupprecht.

Der ständige Vergleich über soziale Medien belastet zusätzlich

Die Ursache für den steten Anstieg an überlasteten Eltern sieht sie in mehreren gesellschaftlichen Entwicklungen. „Ständige Verfügbarkeit, eine höhere Erwerbsbeteiligung auch von Müttern, Vereinbarkeitsprobleme durch fehlende institutionelle und familiäre Strukturen erschweren die Sorgearbeit“, sagt Rebekka Rupprecht.

Frauen, die nach wie vor meist die Hauptbelastung durch Haus- und Care-Arbeit tragen, spürten in diesem Bereich den größten Druck. „Das ist einfach ein Rund-um-die-Uhr-Job, ohne Feierabend und Wochenende. Und man könnte immer noch mehr tun“, erklärt Rebekka Rupprecht. Befeuert werde dieses Gefühl durch den ständigen Vergleich über soziale Medien, wo vieles so perfekt und einfach erscheine, was die eigenen Ansprüche zusätzlich in die Höhe schraube.

Väter, die eine Vorsorge- oder Rehamaßnahme im Verbund des Müttergenesungswerks machen, sind häufiger in Vollzeit beschäftigt als Mütter. „Sie geben Vereinbarkeitsprobleme von Familie und Beruf als stärksten Belastungsfaktor an“, sagt Rebekka Rupprecht.

Schon heute würden viele Eltern viel zu spät erkennen, dass es so nicht weitergehen könne. „Sie bemerken zwar, dass sie ständig erschöpft und angespannt sind, aber wir wissen aus Untersuchungen auch, dass viele Mütter und Väter glauben, nicht krank genug zu sein“, sagt Rebekka Rupprecht. Es lohnt sich jedoch präventiv zu denken: Die Folgen chronifizierter Gesundheitsprobleme sind schwerwiegender – für die eigene Person, die Familie und auch im beruflichen Kontext.

Die Zahl der Pflegebedürftigen wird steigen

Eine große Rolle spielt zudem die Scham, die auch Jay Rebel beschreibt. „Sich Hilfe zu holen wird oft gleichgesetzt mit: ich habe versagt. Dabei ist es etwas sehr Starkes und Mutiges“, sagt Rebekka Ruprecht. Sie hofft, dass sich das Bild in den kommenden Jahren hier positiv verändert – denn die Belastungen, die auf Eltern zukommen, werden noch weiter steigen. Eine Ursache sieht Rupprecht in der massiv wachsenden Zahl der Pflegebedürftigen. „Sie wird in den kommenden fünf Jahren um 50 Prozent steigen“, sagt Rebekka Rupprecht. Und die meisten Pflegebedürftigen würden nun mal ganz oder zumindest teilweise durch ihre Angehörigen gepflegt. „Wie sollen die das machen, wenn sie schon heute überlastet sind?“ so Rupprecht.

Jay Rebel rät allen Eltern dazu, genau in sich hinein zu hören, was ihnen persönlich wirklich wichtig ist – und sich nicht zu stark mit anderen zu vergleichen. Ein Beitrag von Martha auf der Plattform „Zeit für Heldinnen“ ist genau zu diesem Thema. Sie schreibt unter anderem folgende Sätze: „Das Bild von der glücklichen Familie, die alles gewuppt bekommt und nie gestresst ist, ist so omnipräsent, dass fast alle darauf hereinfallen. Sieht die Realität manchmal anders aus? Großes Ja! Warum denken wir das dann nicht anders?“

das sind Anzeichen für ein Burn-out

Symptome
 Sind Stress und Erholung über einen längeren Zeitraum nicht mehr im Gleichgewicht, begünstigt das Symptome und Beschwerden, die unter dem Begriff Burn-out zusammengefasst werden. Es gibt die drei Kategorien:

Erschöpfung
Man hat das Gefühl, sich nicht mehr erholen zu können, dazu können auch Ängste sowie körperliche Beschwerden wie Kopf-, Bauch- oder Rückenschmerzen kommen.

Entfremdung
von der eigenen Tätigkeit: Alltagsaufgaben werden als belastend und frustrierend empfunden. Man spürt eine emotionale Distanz zur eigenen Familie oder zu Kollegen sowie fehlende Wertschätzung für das, was man leistet.

Leistungsfähigkeit
Fehlender Antrieb und Motivation sowie Probleme bei der Konzentration erschweren die Arbeit. Die Identifikation mit der Elternrolle schwindet. Zunächst sind die Auswirkungen eines Eltern-Burn-outs vor allem psychisch. Ein Team um die belgische Psychologie-Professorin Moïra Mikolajczak konnte aber körperliche Auswirkungen nachweisen. Wegen des Anstiegs des Stresshormons Cortisol könne es auch häufiger zu Vernachlässigung und Gewalt in der Familie kommen.

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