InterviewEltern gegen Lehrer „Die Extreme haben zugenommen“

Von  

Das Verhältnis zwischen Lehrern und Eltern ist gestört. Woran liegt das? Kathrin Grix, Vorsitzende des Stuttgarter Gesamtelternbeirats, und Michael Gomolzig, Sprecher des Verbandes Bildung und Erziehung Baden-Württemberg, suchen nach Antworten.

Häufig zeigen Eltern auf die Lehrer, wenn ihre Kinder in der Schule Probleme haben. Foto: Eduard Losing
Häufig zeigen Eltern auf die Lehrer, wenn ihre Kinder in der Schule Probleme haben. Foto: Eduard Losing

Stuttgart - Bedrohungen, Beleidigungen und Beschimpfungen sind keine Ausnahme: Etwas mehr als die Hälfte der Lehrer im Südwesten berichten in einer Studie im Auftrag des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) von psychischer Gewalt durch Eltern. Ja, es gibt Gesprächsbedarf, finden Kathrin Grix, Vorsitzende des Stuttgarter Gesamtelternbeirats, und Michael Gomolzig, Grundschulleiter und VBE-Sprecher. Was geht da schief zwischen zwei Parteien, die doch nur eines im Sinn haben: das Beste fürs Kind?

Frau Grix, Herr Gomolzig, welche Note hat die Kommunikation zwischen Eltern und Lehrern verdient?
Michael Gomolzig Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Michael Gomolzig Wir haben Gespräche, die „summa cum laude“ verdient hätten, und wir haben Gespräche, die gar nicht stattfinden, weil sich Eltern oder auch Lehrer dem entziehen. Eine Drei als Mittelwert für die Gesamtheit würde ja bedeuten, es läuft alles in allem befriedigend. Und das würde ich überhaupt nicht sagen. Kathrin Grix Das sehe ich genauso. Die Kommunikation kann wunderbar gelingen, aber vielerorts kommt sie gar nicht zustande. Gomolzig Ich begann 1974 im Schuldienst. Bei Elternabenden versuchten wir damals, alle Eltern zu motivieren, sich einzubringen und sich für ihr Kind zu interessieren. Heute sieht man eher die Tendenz der Überbeschäftigung mit dem Kind. Es wird als Statussymbol oder Projekt gesehen, in das man sein ganzes Leben hineinlegt.
Kathrin Grix Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Grix Die Extreme haben zugenommen. Mancherorts gibt es gar kein Interesse an der Schule und am Kind, das nicht mal ein Frühstück kriegt. Und es gibt die zahlenmäßig deutlich stärker vertretenen Helikoptereltern, die dem Kind am liebsten den Ranzen hinterhertragen würden. Gomolzig Was heißt würden, sie tun es. Und das noch bei Viertklässlern, denen das oft peinlich ist. Dabei sollten wir die Kinder zu selbstständigen Bürgern erziehen.
Sollten sich Eltern in die Belange der Schule nicht einmischen?
Grix Natürlich ermuntern wir Eltern, sich einzubringen. Sie sind nicht nur zum Kuchenbacken da. Manche Lehrer tun sich durchaus schwer damit, das zu akzeptieren.
Gomolzig Bis 2011 waren Eltern die Minderheit in der Schulkonferenz. Die jetzt ­paritätische Besetzung weckt bei manchen Kollegen Unmut, weil die Eltern mitunter eine enorme Erwartungshaltung haben.
Grix Wir sehen keinen Zusammenhang zwischen der paritätischen Besetzung und Eltern, die zu hohe Erwartungen an die Schule haben. Im Gegenteil bietet diese Neuregelung die Chance, die Eltern frühzeitig mit ins Boot zu nehmen.
Was ist dann das Problem?
Gomolzig Die Kinder sind, positiv bewertet, viel selbstbewusster geworden. Viertklässler klopfen mir auf die Schulter: Na, wie geht’s? Das hätte ich mich bei unserem Rektor nie getraut. Manche sind distanzlos bis hin zur Respektlosigkeit, andere eher freundschaftlich. Zugleich sind die Eltern deutlich aggressiver geworden. Ein Vater beschwerte sich vor einiger Zeit bei mir über die Grundschulempfehlung und drohte gleich mit dem Anwalt. Da finden sich ja inzwischen viele Kanzleien, die sich auf solche Fälle spezialisieren. Der Dokumentation von Elterngesprächen durch Lehrer kommt eine immer höhere Bedeutung zu.
Grix Eltern wenden sich immer seltener an den Elternbeirat, sondern würden am liebsten gleich bei Kultusministerin Eisenmann vorstellig werden. Man will sein Anliegen von oben nach unten durchdrücken. Im Studium werden die angehenden Pädagogen auf die Elternarbeit unzulänglich vorbereitet. Sie ist kein fester Bestandteil der Ausbildung. Am Ende ist es dann Typsache, wie jeder das umsetzt. Es gibt Schulrichtlinien in puncto Whatsapp-Gruppen, aber wie die Arbeit mit den Eltern gestaltet wird, ist individuell verschieden.
Worauf müssen sich Lehrer einstellen?
Gomolzig Ich habe oft erlebt, dass sich Eltern im Elterngespräch zoffen: Das ist die Frucht deiner Erziehung! Du bist viel zu lasch! Oder Ähnliches. Ich habe nicht geahnt, dass das auf mich zukommt. Ich dachte, wir sprechen über das Kind.
Grix Aber selbst das Gespräch über das Kind ist heikel, weil Eltern die Kritik heutzutage sofort persönlich nehmen. Eine bessere Vorbereitung in der Ausbildung würde die Hemmungen der Lehrer reduzieren. Ich weiß noch, dass ich als Lehrerin Bammel hatte vor meinem ersten Elternabend. Man sitzt vorne und hat das Gefühl, man muss alles verteidigen, was man tut.
Gomolzig Man glaubt gar nicht, wie viel Lob ein Mensch aushalten kann, sogar ein Lehrer. Und auch ein Kind. Ich rate Eltern: Lassen Sie sich auch Positives berichten.
Grix Eltern hören doch gern Positives über ihr Kind und nicht nur Schwächen.
Gomolzig Vieles an Ärger zwischen Eltern und Lehrern ist der fehlenden Verlässlichkeit in der Bildungspolitik auch über eine Legislaturperiode hinaus geschuldet. Bei einem Dampfer wie den Schulen kann ich das Ruder nicht ständig herumreißen. Siehe Grundschulempfehlung.
Grix Ähnlich bei der Gemeinschaftsschule. Keiner will sein Kind zum Versuchskaninchen machen.
Haben die Eltern große Angst davor, dass ihre Kinder abgehängt werden?
Gomolzig Sehr große. Da wird schon beim ersten Elternabend der Schulanfänger gefragt: Welchen Schnitt braucht mein Kind fürs Gymnasium?
Grix Diese Anfragen kriegen wir auch. Gängig sind auch die Vergleiche mit dem Lernstand der Parallelklassen.
Gomolzig Die Eltern vernetzen sich in Whatsapp-Gruppen und tauschen sich aus, wer wie viele Hausaufgaben aufhat. Oder sie prüfen, ob die Parallelklasse zwei Kapitel weiter ist im Mathebuch.
Grix Klar ist auch der Umgang von Lehrern mit Schülern manchmal nicht okay. Stichwort Lernmittelfreiheit. Da sagen Lehrer zu Kindern: Jetzt kommst du wieder und willst nicht zahlen. Manche Kinder kaufen sich Arbeitshefte oder Schullektüre vom Taschengeld, obwohl diese gestellt werden müssten, damit nicht auffällt, dass die Mutter Rabatz geschlagen hat in der Schule.
Sonderthemen