Eltern-Kind-Treff Müze in Stuttgart-Vaihingen Rauskommen aus dem Sumpf der Sorgen

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Im Eltern-Kind-Treff Müze gibt es künftig einen Treff für Eltern behinderter Kinder.

Sandra Köhler hat zwei Kinder: Sara (Foto) ist kerngesund, ihre große Tochter hat eine Behinderung. Foto: Alexandra Kratz
Sandra Köhler hat zwei Kinder: Sara (Foto) ist kerngesund, ihre große Tochter hat eine Behinderung. Foto: Alexandra Kratz

Vaihingen - Es ist eine heile Welt. In dem bunt eingerichteten Raum spielen Kinder. Immer wieder holen sie etwas Neues aus dem Regal, ein Auto oder ein Plastiktier. Dann klettern sie auf das Spielhaus und sausen die kleine Rutsche hinunter. Fröhliches Lachen ist zu hören. Die Mütter sitzen auf dem Fußboden, schauen ihrem Nachwuchs zu und unterhalten sich. Im hinteren Teil der zu einem Eltern-Kind-Treff umfunktionierten Wohnung an der Ernst-Kachel-Straße gibt es an schön dekorierten Tischen Lebkuchen und Kaffee.

Dort nimmt Stefanie Schönleber Platz. Sie ist die Geschäftsführerin der Müze. Nahezu täglich trifft sie dort auf glückliche Eltern. Mütter und Väter, die froh darüber sind, dass ihr Nachwuchs gesund ist. Doch Schönleber weiß, dass dieses Glück nicht allen Eltern beschieden ist. „Wir hatten mal eine Mutter, die regelmäßig mit ihrer Tochter bei unserem Babytreff war. Doch irgendwann kam sie nicht mehr“, erinnert sich Schönleber. Eine Vorstandskollegin habe die Mutter Monate später zufällig getroffen und nach dem Grund gefragt. „Mein Kind ist anders“, antwortete die junge Frau.

Ein Riesenberg von Problemen

In diesem Moment kommt Sandra Kohler an den Tisch. Sie ist die junge Frau, von der Schönleber gerade gesprochen hat. Kohler ist an diesem Morgen mit ihrer jüngeren Tochter Sara in die Müze gekommen. Die Einjährige ist gesund und spielt bereits mit den anderen Kindern. Kohler bestellt einen Latte Macchiato und beginnt zu erzählen. „Als mein erstes Kind geboren wurde, war zunächst alles in Ordnung. Doch irgendwann habe ich gemerkt, dass sie sich gar nicht entwickelt.“ Die Ärzte konnten ihr nicht helfen. Sie wussten nicht, was dem kleinen Mädchen fehlte. Die junge Familie fühlte sich allein. Mittlerweile ist ihr Kind fünf Jahre alt und die Ärzte haben einen Gendefekt diagnostiziert.

Kohler weiß, dass es vielen Eltern mit einem behinderten Kind so geht wie ihr, wenn sie erfahren, dass ihr Kind anders ist. „Man steht vor einem riesigen Berg von Problemen“, sagt die junge Mutter. In dieser Situation sei es wichtig, die Eltern abzuholen, rauszuholen aus ihrem Sumpf von Sorgen und ihnen die Möglichkeit zu geben, mit anderen darüber zu reden. „Und zwar mit Gleichgesinnten. Mit Eltern, die in der gleichen Situation sind, die die Ängste und Nöte verstehen können“, sagt Sandra Kohler.

Es kann auch um rechtliche Fragen gehen

Von Januar an gibt es einen solchen Treff im Eltern-Kind-Treff Müze. „Wir wollten schon lang so ein Angebot ins Leben rufen. Aber dazu brauchten wir jemanden, der Erfahrung mitbringt“, sagt Schönleber. Als Kohler mit ihrer Idee auf den Müze-Vorstand zugekommen sei, habe dieser sofort zugestimmt. „Gerade Eltern, für die es besonders wichtig ist, sich mit anderen auszutauschen, kommen bisher nicht in die Müze. Das ist sehr schade“, sagt Schönleber und ergänzt: „Wir wollen diesen Eltern künftig ein bisschen mehr Halt geben in einer Situation, in der ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wird.“

Sandra Kohler wird das neue Angebot leiten. „Wir wollen zeigen, dass es weitergeht. Dass es auch andere Eltern gibt, die den ganz normalen Wahnsinn mit einem behinderten Kind meistern müssen. Ich kenne viele Eltern, die sich immer noch nicht raustrauen. Dabei ist das so wichtig“, so Kohlers Erfahrung. Auch rechtliche Fragen können bei dem Treff im Müze besprochen werden. Zum Beispiel, wie Eltern eine Pflegestufe für ihr Kind beantragen können und welche Hilfen ihnen zustehen.

In Zukunft könnte es einen inklusiven Treff geben

Die Eltern und ihre Kinder sollen zunächst in einem geschützten Raum zusammenkommen können. Wenn es sich anbiete und wenn es gewünscht sei, könne irgendwann vielleicht auch mal ein offener Treff daraus werden, also ein inklusives Angebot für Eltern mit behinderten und nicht behinderten Kindern. Aber das sei noch Zukunftsmusik, betont Schönleber.

„Zunächst hoffen wir, dass sich die Eltern trauen, unser neues Angebot wahrzunehmen“, sagt Kohler. Sie und Schönleber rühren derzeit die Werbetrommel und verteilen Infozettel, zum Beispiel im inklusiven Kindergarten Sonnenblume auf den Hengstäckern und in den Krankenhäusern. Denn es soll ein Angebot für ganz Stuttgart sein. „Der Kreis der Betroffenen ist klein. Aber für diejenigen, die es betrifft, ist so ein Treff wichtig“, sagt Schönleber.

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