Elternbegleiterinnen in Ostfildern Dieses Ehrenamt ist ein Sprungbrett

Im Elterncafé von „Eins plus B“ in Ostfildern vernetzten sich Frauen mit Migrationshintergrund. Viele von ihnen haben sich längst zur Elternbegleiterin ausbilden lassen. Foto: /Caroline Holowiecki

Seit zehn Jahren werden in Ostfildern internationale Elternbegleiterinnen ausgebildet. Sie sprechen 18 unterschiedliche Sprachen. Für etliche Frauen mit Migrationshintergrund ist das der Wiedereinstieg ins Berufsleben

Muffins, Pide und Börek mit Hackfleisch und Käse, Bratlinge, Zitronenkuchen, dazu Tee und Kaffee: Selbst wer ohne Appetit gekommen ist, dem läuft spätestens beim Blick auf den reich gedeckten Frühstückstisch das Wasser im Mund zusammen. Das internationale Elterncafé im Treffpunkt Parksiedlung verlässt jedenfalls niemand hungrig. Im Zwei-Wochen-Rhythmus wird hier im Ostfilderner Stadtteil montagmorgens aufgefahren. Jede Teilnehmerin bringt etwas mit. An diesem Vormittag sind ausschließlich weibliche Frühstücksgäste gekommen, wie so oft. Frauen aus der Türkei, aus Taiwan und dem Iran, aus dem heutigen Moldawien und aus Aserbaidschan sind da. „Wir haben hier 22 Nationalitäten“, sagt Emine Völkel über die Gruppe.

 

Verbesserung der Bildungschancen für Kinder

Das Besondere: Am Tisch sitzen etliche Elternbegleiterinnen. Seit zehn Jahren, seit dem Start des städtischen Bildungsnetzwerks „Eins plus B“ in Ostfildern, werden die Ehrenamtlichen ausgebildet. Primäres Ziel ist es, Familien mit Migrationshintergrund zu unterstützen und die Bildungschancen der Kinder zu verbessern. Die Engagierten bringen sich bei „Eins plus B“-Angeboten wie internationale Musik- und Spielgruppen ein, bei Elterntreffs, Sprachcafés und mehr, sie fungieren als Sprach- und Kulturdolmetscher, Vertrauensperson und Helferin im deutschen Behördendschungel rund ums Thema Sprache, Kita und Schule. „Mit unseren Angeboten erreichen wir jedes Jahr 170 Familien“, sagt Nathalie Stengel, die Koordinatorin Bürgerschaftliches Engagement bei der Ostfilderner Stadtverwaltung.

Um ihr Ehrenamt ausüben zu können, werden die Elternbegleiter in 30 Workshop-Stunden in puncto deutsches Schulsystem, Konfliktbewältigung oder interkulturelle Kompetenzen geschult. Rund 60 Elternbegleiterinnen gibt es, 45 aktive. Darunter ist nur ein Mann. Sie sprechen 18 unterschiedliche Sprachen. 15 neue Mitstreiterinnen haben jüngst ihre Zertifikate erhalten.

Fei-Fei Ou-Yang hat sich bereits 2020 qualifiziert. Die 53-Jährige stammt aus Taiwan, lebt heute im Scharnhauser Park. „Ich interessiere mich schon immer für Sprachen und Kultur. Als ich eine Anzeige gesehen habe, dachte ich: Das wäre was für mich“, erzählt sie. Fei-Fei Ou-Yang arbeitet hauptberuflich als Übersetzerin für Deutsch, Englisch und Chinesisch, hatte aber das Bedürfnis, sich ehrenamtlich zu engagieren. Nun leitet sie einen Eltern-Kind-Treff in Ruit. „Das hat mir positive Energie gegeben.“

Lockere Atmosphäre

Positive Energie, darum geht es bei „Eins plus B“ und den Elternbegleiterinnen. Empowerment, wie man auf Neudeutsch sagt. Die Koordinatorin Deniz Lechner, eine gebürtige Türkin, war vor zehn Jahren selbst eine der ersten Ehrenamtlichen. „Ich habe gemerkt, draußen gibt es viele Leute, die wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen“, sagt sie. Im internationalen Elterncafé träfen Frauen in lockerer Atmosphäre auf Frauen mit ähnlichen Erfahrungen – die sich im fremden Land schwertun. Jede, die an diesem Vormittag am Frühstückstisch sitzt, kann sich damit identifizieren. Eine Hebamme ist da, eine Psychotherapeutin, eine Bankkauffrau, eine Sozialpädagogin. „Die meisten haben einen akademischen Grad in der Heimat. Hier ist es schwierig“, erklärt Semra Özaydin.

Gleichgesinnte zu treffen und zu sehen, wie sie sich erfolgreich für andere engagieren, „das gibt den Frauen Perspektiven, es gibt Vertrauen“, erklärt Deniz Lechner. Tatsächlich ist das Ehrenamt für viele Frauen ein Sprungbrett und ein Einstieg ins Berufsleben. Die Iranerin Sara Dehghan ist mit 25 nach Deutschland gekommen, heute ist sie 41 – und bringt sich seit 2018 als Elternbegleiterin ein. „Meine erste Frage damals war, ob meine Sprache reicht“, erinnert sie sich. Sara Dehghan hat in ihrer Heimat Politikwissenschaften studiert, in Deutschland habe sie die Sprache als Hindernis empfunden. Erst habe sie bei den internationalen Treffs nur reingeschnuppert, dann doch ihre ehrenamtliche Qualifikation begonnen – und sich zur Ausbildung im sozialpädagogischen Bereich entschlossen. „Es hat mich einfach ermutigt.“ Heute arbeitet die zweifache Mutter als staatlich anerkannte Erzieherin. Und nicht nur sie hat diesen Weg eingeschlagen. Zehn Elternbegleiterinnen haben sich für eine Erzieherausbildung entschieden, drei weitere spielen mit dem Gedanken. Zwei Frauen sind zudem als Tagesmütter tätig. „Sie sind Multiplikatorinnen“, sagt Stengel und betont: „Wir sind eine Anlaufstelle für Frauen, die ihren Weg gehen möchten.“

Eine internationale Stadt

„Eins plus B“
Das städtische Netzwerk „Eins plus B“ rund um Sprache und Bildung, bietet in Ostfildern aktuell 19 Gruppenangebote für Familien mit Migrationsbiografie an: fünf internationale Spiel- und Krabbelgruppen, drei Musik- und Bewegungsgruppen, zwei Eltern-Kind-Treffs, ein Sprachcafé mit Kinderbetreuung, das Angebot digitaler Lernort für Frauen mit Kinderbetreuung, ein internationales Marktcafé und mehr. Eine Übersicht ist auf der Homepage der Stadt hinterlegt.

International
Ostfildern ist international. Bei einer Erhebung im Jahr 2018 hatten mehr als 15 Prozent der gut 40 000 Menschen im Ort keinen deutschen Pass. Die mit Abstand meisten stammten aus der Türkei. Mittlerweile dürfte sich die Ausländerquote allein durch die Menschen aus der Ukraine erhöht haben.

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