InterviewElternbeiratsvorsitzende über die Glemstalschule in Schwieberdingen „Es gibt gravierende Sicherheitsmängel“

Von und Stefanie Köhler 

Die Glemstalschule in Schwieberdingen ist zum Zankapfel der Kommunalpolitik geworden. In erster Linie geht es um die Frage, ob Schüler dort jemals Abitur machen können. Inzwischen geht es aber auch darum, ob sie dort sicher sind.

Michaela Nowraty will sich mit    der  ablehnenden Haltung des Kultusministeriums   nicht zufriedengeben. Foto: factum/Bach
Michaela Nowraty will sich mit der ablehnenden Haltung des Kultusministeriums nicht zufriedengeben. Foto: factum/Bach

Schwieberdingen/Hemmingen - Hemmingen und Schwieberdingen verantworten die Glemstalschule. Doch Michaela Nowraty hat das Kultusministerium aufgefordert hat, die Schulträgerschaft zu übernehmen.

Frau Nowraty, das Tischtuch zwischen dem Elternbeirat und dem Schulträger ist zerschnitten, spätestens seit Ihrem Brandbrief an das Ministerium. Wie geht es weiter?

Die angesprochenen Missstände bestehen und müssen dringend behoben werden. Ich bin kein Kommunalpolitiker, ich kann nur für die dringende Sanierung der Glemstalschule und für die Einrichtung der gymnasialen Oberstufe werben. Eine zukunftsweisende Entscheidung müssen die Gemeinderäte treffen. Es ist der Wunsch der Eltern – zumal die gymnasiale Oberstufe im Konzept der Gemeinschaftsschule verankert ist. Die Eltern haben es in der Hand - nächstes Jahr sind Kommunalwahlen. Es ist auch ein Appell an die Bürgermeister.

Gehen wir einen Schritt zurück. Es ist nicht die erste Konfrontation mit dem Schulträger.

Wenn es Probleme gibt, passiert immer erst etwas, wenn ich mit der Öffentlichkeit drohe oder bereits an sie herangetreten bin. Als ich 2016 zur Vorsitzenden des Elternbeirats gewählt wurde, wurde seit Jahren regelmäßig auf dem Schulhof gefeiert. Hinterher lagen Müll und Glasscherben herum, einmal war eine Scheibe eingeschlagen. Die Schulleiterin meldete das regelmäßig dem Träger. Nichts passierte. Auch nicht, als der Bürgermeister schriftlich aufgefordert wurde, dafür zu sorgen, dass der Schulhof nicht mehr von Feiernden belagert wird. Erst als ich mit einem öffentlichen Brief drohte, geschah sofort etwas. In einer ähnlichen Lage sind wir jetzt.

Elf Klassenzimmer fehlen

Was meinen Sie konkret?

Im Gebäude gibt es seit mindestens 2015 gravierende Sicherheitsmängel. Zum Beispiel haben nach dem Amoklauf von Winnenden viele Stuttgarter Schulen die Schlösser getauscht, sodass Türen von innen verschließbar sind. Das ist kein großer Aufwand. Es ist kein Argument, alles beim Alten zu belassen, weil wir in ein paar Jahren ohnehin bauen. Bei der Sicherheit darf man nicht sparen. Es ist schlimm, wie sich der Schulträger herausnimmt. Wir können froh sein, dass noch nichts passiert ist. Aber darauf kann man sich nicht ausruhen.

Schwieberdingen ist keine Großstadt.

Das ist doch kein Argument. Mal ganz abgesehen davon ist Winnenden auch keine Großstadt. Ich habe viele Schulen besucht und sah, welche präventiven Maßnahmen sie treffen. Die Sicherheit darf man nicht aus den Augen verlieren. Ich habe aber das Gefühl, dass sie an der Glemstalschule aus dem Fokus gerückt ist. Eins aber will ich klar sagen: Es geht mir nicht darum, den Träger anhand der Sicherheitsmängel dazu zu zwingen, die Sekundarstufe II umzusetzen. Das ist ein absurder Zusammenhang. Ich will, dass die Sicherheit überprüft wird.

Die Sicherheitsmängel sind aus Ihrer Sicht nur eine Baustelle.

Es fehlen elf Klassenzimmer. Der Bedarf einer Erweiterung ist seit 2012 bekannt, so geht es zumindest aus dem Schulentwicklungsplan hervor, der Grundlage war für die Umwandlung der Realschule in eine Gemeinschaftsschule. Darin steht, dass schon zum damaligen Zeitpunkt Klassenzimmer fehlten. Und schon damals war klar, dass zum Schuljahr 2015/16 weitere Klassenzimmer vorhanden sein müssen – nicht nur die frei werdenden der Hermann-Butzer-Hauptschule, sondern auch die der Hemminger Schule. Nachdem das in Hemmingen nicht und in Schwieberdingen nur zum Teil realisiert wurde, hätte der Schulträger über Ausweichmöglichkeiten nachdenken müssen. Die Studie hat er bei den Planungen aber einfach außen vor gelassen.

Folgen des Platzmangels

Wie wirkt sich der Platzmangel aus?

Fachräume wurden in Klassenzimmer umfunktioniert, die Schüler beklagen, es stinke aus den Waschbecken. Ein Schülercafé fehlt, der Erste Hilfe-Raum hat keine natürliche Belichtung oder Belüftung, doch die Tür muss zugemacht werden, weil er gleichzeitig der Serverraum ist. Wenn dann ein Kind drin liegt, dem es schlecht geht, sind das unhaltbare Zustände. Die Glemstalschule ist eine Gemeinschaftsschule, aber am Gebäude hat sich seit der Umwandlung nichts getan. Die räumliche Konzeption kann längst nicht mehr für alle Klassen umgesetzt werden.

Welche Konsequenzen hat der Platzmangel?

Alle, Lehrer wie Schüler, leiden darunter, und das finde ich dramatisch. Jeder noch so kleine Raum wird häufig mehrfach genutzt. Trotz der Probleme schafft die Schule es, mit diesem eklatanten Mangel bewundernswert umzugehen. Doch leider lässt uns selbst das Schulamt im Stich. Daher haben wir uns schließlich an das Kultusministerium gewandt, in der Hoffnung, dass die Schule einen anderen Träger bekommt.

Sie selbst legen zudem großen Wert auf die gymnasiale Oberstufe. Warum?

Ich tue nur kund, was die Eltern sich wünschen. Ich wurde im September für die zweite Amtszeit gewählt. Die Eltern gaben mir ausdrücklich mit, nicht aufzugeben. Wir wollen, dass die Kinder an der Schule Abitur machen können. Das ist mein Auftrag, dem komme ich nach.

Die Bürgermeister werfen Ihnen vor, die Schule schlecht machen zu wollen.

Im Gegenteil, ich stehe völlig hinter dem Konzept Gemeinschaftsschule. Ich betreibe bald sechs Kindertagesstätten und schon dort vertreten wir die Ansicht, jedes Kind brauche individuelle Förderung. Die endet nicht mit dem Übergang zur Schule. Die neuen Schulen entwickeln sich in eine für mich gute Richtung: Die Schüler werden individuell unterstützt. Weil ich hinter der Glemstalschule stehe, ist es mir wichtig, dass die Schüler dort die Möglichkeit haben, Abitur zu machen.

Fürs Abitur könne man ans berufliche Gymnasium gehen, lautet ein Gegenargument.

Das berufliche Gymnasium ist klassisch für Schüler mit mittlerem Bildungsabschluss, egal welche Schule sie besucht haben. Auf einer Gemeinschaftsschule arbeiten Schüler durchgängig auf erweitertem Niveau mit zwei Fremdsprachen, wie am allgemeinbildenden Gymnasium. Diese Schüler sind im Topf der gymnasialen Wechsler.

Mit welchen Konsequenzen?

Man muss dazu wissen, dass von diesen Schülern nur 15 Prozent an einem beruflichen Gymnasium angenommen werden. Im Umkehrschluss bedeutet das: Viele Gemeinschaftsschüler machen bewusst einen Realschulabschluss, um in das viel höhere Kontingent der Schüler mit mittlerem Bildungsabschluss zu kommen. Ich muss also hoch motivierte Kinder in der zehnten Klasse bremsen. Da steckt doch ein Fehler im System. Es ist daher wichtig, mindestens an zwei oder drei der 16 Gemeinschaftsschulen im Landkreis Ludwigsburg eine Sekundarstufe II anzubieten – damit die Schulform weiterlebt.

Die Glemstalschule ist prädestiniert dafür?

Sie hat alle dafür nötigen Voraussetzungen: Gymnasiallehrer, genug Schüler und die durchgängige Vierzügigkeit. Es sind viele Gymnasiallehrer dorthin gewechselt, eben weil man damals entschieden hatte, sich als Realschule weiterentwickeln zu wollen, also den starken Schülern auch die Möglichkeit zu geben, dort das Abitur abzulegen. Was passiert aber, wenn man ihnen diese Perspektive nimmt, sich Kommunal- und Landespolitik nicht dafür interessieren und dann auch noch die Stimme des Elternbeirats verstummt?

Eine Möglichkeit: Lehrer lassen sich versetzen, Schüler bleiben weg. Die Hemminger Verwaltung argumentiert, man bräuchte für die Sekundarstufe II mehr Platz und Geld.

Es handelt sich um drei bis maximal fünf Millionen Euro zusätzlich. Wenn ich schon baue und so viel Geld in die Hand nehmen muss, dann will ich doch eine Schule auch zukunftsfähig machen. Doch welche Motivation haben Eltern, ihre Kinder auf die Glemstalschule zu schicken ohne die Perspektive auf Abitur? Ihnen muss ich als Träger doch garantieren, dass die Schule auch in zehn Jahren noch gut funktioniert.

Nach dem Brandbrief

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Ich wünsche mir, dass die Politiker unabhängig ihrer Einstellung aus der jetzigen Situation das für die Kinder Beste machen. Die Politik hat sich für die Gemeinschaftsschule entschieden, dann soll sie sie jetzt bitte auch zu Ende bringen.

Will sie das aus Ihrer Sicht nicht?

Ich befürchte, dass der Träger zurück zur Realschule will. Dass wir von Kultusministerin Susanne Eisenmann mit ihrem schwarzen Parteibuch keine große Unterstützung erhalten, ist offensichtlich. Von ihr kam die Antwort, die Trägerschaft der Glemstalschule nicht übernehmen zu können. Von den anderen Parteien kommt aber auch nichts beziehungsweise zu wenig.

Warum ist eine Trägerschaft einer übergeordneten Ebene dennoch möglich?

Im Gesetz ist die Rede von „besonderem öffentlichen Interesse“. Das ist bei der Glemstalschule der Fall. Im Prinzip ist doch jedes Gesetz Auslegungssache. Will ich etwas, bringe ich die Argumente dafür, will ich etwas verhindern, liefere ich die passenden Gegenargumente. Es kann nicht sein, dass die Schule, die es allein schaffen könnte, daran scheitert, weil der kleinere Bruder des Trägers „Nein“ sagt.

Zurück auf die örtliche Ebene. Gab es nach dem Brandbrief ein Gespräch?

Nein. Nach der Sitzung des Schulträgers wurde mir gesagt, Punkt für Punkt unseres Schreibens sei widerlegt worden. Wenn alles in Ordnung gewesen wäre, warum waren in der folgenden Woche täglich Bauarbeiter auf dem Schulhof, warum wurde eine Stolperstelle entfernt, warum schauten Externe nach den Brandschutztüren?

Der Kampf trägt also doch Früchte?

Er hat auf jeden Fall etwas Gutes. Das ist ja die Erfahrung aus der Vergangenheit. Aber man hätte doch einfach mit der Schulleiterin Sandra Vöhringer reden können. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie überzogene Forderungen hat und bewusst die Schule mit Schülern „volllaufen“ lässt, wie ihr der Schulträger vorwirft. Wenn so viele Eltern ihre Kinder anmelden, dann liegt das am guten Ruf der Schule.

Wie geht es jetzt unmittelbar weiter?

Ich hoffe, dass sich die Schulbehörde die Sicherheitsthemen vor Ort anschaut. Die Situation mit elf fehlenden Klassenzimmern ist unhaltbar. Ich erwarte, dass sich im nächsten Schulhalbjahr etwas verändert - nicht erst mit dem Neubau. Container müssen ohnehin beschafft werden, dann soll der Schulträger sie früher beschaffen oder ein Ausweichgebäude bereitstellen.

Person und Schule

Verantwortung
Michaela Nowraty ist seit dem Jahr 2016 Elternbeiratsvorsitzende der Glemstalschule. Die Kriminalhauptmeisterin war zum Zeitpunkt des Amoklaufs von Winnenden im Dienst. In der Folge war sie mit Amokandrohungen an mehreren Schulen befasst. Inzwischen ist die Geschäftsführerindes Kita-Trägers Polifant außer Dienst. Die 50-Jährige ist Mutter von drei Kindern, eines geht in die achte Klasse der Glemstalschule.

Veränderung
Die Glemstalschule ist im Jahr 2013 aus der Realschule Schwieberdingen-Hemmingen hervorgegangen. Die Schule mit derzeit fast 600 Schülern hat bisher keine gymnasiale Oberstufe. Diese gibt es landesweit nur in Tübingen und in Konstanz.

Verstimmung
Die jüngste Debatte der Kommunen dreht sich um die Modernisierung der Schule. Diese kostet rund 30 Millionen Euro – und damit das Doppelte dessen, was wie beide eingeplant haben.