Elternratgeber – Schulkinder „Hilfe, mein Sohn hat einen Tic!“

Wenn Kinder Tics haben, ist Geduld die Divise. Foto: imago images / Westend61/Joseffson

Irgendetwas ist immer. In unserem Elternratgeber diskutieren Mütter und Väter mit Experten Probleme, die in den besten Familien vorkommen. Heute fragt sich Helene D., ob sie sich Sorgen machen muss, weil sich ihr Sohn permanent räuspert.

Freizeit und Unterhaltung: Theresa Schäfer (the)

Stuttgart - Das Räuspern – Helene D. (Name geändert) kann gar nicht so genau sagen, wann es angefangen hat. Plötzlich war es da. Ihr achtjähriger Sohn Lukas räusperte sich. Und räusperte sich. Und räusperte sich. „Alle zehn, 20 Sekunden“, sagt seine Mutter. „Unablässig. Bei den Hausaufgaben, beim Spielen, beim Lesen.“ Schließlich googelte sich Helene D. durchs Netz und stellte fest: Ihr Sohn hat einen Tic. „Das hat mich wirklich erst einmal erschreckt: Was, wenn das nicht mehr weg geht? Könnte das ein erstes Zeichen von Tourette sein?“

 

Was sind Tics überhaupt?

Ulric Ritzer-Sachs arbeitet in der Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung. An ihn wenden sich immer wieder Eltern mit dem gleichen Problem wie Frau D. „Räuspern, Nase hochziehen, mit der Nase zucken, schmatzen, starkes Blinzeln, Kopfschütteln oder Zucken – es gibt viele Spielarten von Tics“, sagt der Sozialpädagoge.

„Tics sind kurze, wiederholte, nicht rhythmische Bewegungen oder Lautäußerungen, die plötzlich einsetzen, keinem Zweck dienen und als bedeutungslos erlebt werden“, heißt es auf der Homepage der Berufsverbände und Fachgesellschaften für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Deutschland.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Allein oder zusammen – wie Familien schlafen

Dass Kinder vorübergehend einen Tic entwickeln, ist gar nicht so selten. Neurologen gehen davon aus, dass bis zu 15 Prozent der Grundschulkinder betroffen sind. „Es beruhigt Eltern schon zu hören, dass sie nicht allein mit dem Problem sind. Tics sind wirklich gar nicht so selten“, erklärt Ritzer-Sachs.

Was aber sehr selten sei: Dass sich aus dem Tic ein ausgewachsenes Tourette-Syndrom entwickelt, bei dem Menschen chronisch mit schweren motorischen und vokalen Tics zu kämpfen haben. Darunter leidet nur ein Prozent der Menschen in Deutschland. „Da kann ich die Eltern beruhigen: In den allermeisten Fällen verschwindet der Tic nach einer Zeit von allein wieder.“

Woher kommen solche Tics? Hat mein Kind etwa Stress?

So ganz klar ist es der Forschung bislang nicht, woher die Tics kommen. Neurologen vermuten, dass eine Neurotransmitterstörung zugrunde liegen könnte. Dabei ist die zentrale Steuerung von Bewegungsabläufen beeinträchtigt. „Bei einfachen Fällen von Tics ist es aber auch gar nicht so wichtig, wo sie herkommen“, findet Ritzer-Sachs. „Wichtig für die Eltern zu wissen ist: Das geht höchstwahrscheinlich wieder weg.“

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: „Papa soll das machen!“

Helene D. sorgt sich, dass ihr Sohn zu viel Stress in der Schule haben könnte. „In Deutsch tut er sich nicht ganz leicht. Die Hausaufgaben dauern lange. Dazu kommt dann noch Freizeitprogramm am Nachmittag: Er geht montags zum Schlagzeugunterricht, mittwochs hat er Fußballtraining.“

„Tics können im Zusammenhang mit (psychischem) Stress stehen, müssen sie aber nicht“, stellt der Erziehungsexperte klar. „Wenn man den Verdacht hat, das Kind steht unter Druck, hilft es vielleicht, Stressquellen abzubauen.“ Vielleicht muss beim Nachmittagsprogramm abgespeckt werden oder die Eltern sollten bei Schulproblemen das Gespräch mit der Lehrerin suchen. Dann kann der Tic verschwinden – muss er aber nicht.

Er hüstelt und hüstelt und hüstelt – wie soll ich reagieren?

„So schwer es fällt: Am besten überhaupt nicht.“ Die effektivste Art, mit einem Tic umzugehen, ist, ihn möglichst zu ignorieren. „Auf keinen Fall sollte man als Mutter oder Vater genervt reagieren oder schimpfen“, erklärt Ritzer-Sachs. „Kinder können diese Tics nicht bewusst steuern. Oft merken sie gar nicht, dass sie permanent hüsteln oder die Nase hochziehen. Deshalb ist es ihnen unmöglich, das einfach sein zu lassen.“

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Autonome Kinder – wenn Eltern nicht mehr weiter wissen

„Manchmal hilft es, das Kind abzulenken. Es zu umarmen, seine Hand zu nehmen. Oder man holt seinen Sohn oder Tochter bewusst aus der Situation: Holt gemeinsam in der Küche einen Apfel, spielt ein Spiel“, schlägt der Erziehungsberater vor.

Druck, betont der Sozialpädagoge, macht die Tics eher schlimmer. Genauso sollte man sein Kind nicht damit belasten, indem man das Hüsteln oder Zwinkern ständig zum Thema macht. „Das Zauberwort der Erziehung heißt Gelassenheit – auch wenn das manchmal schwierig ist. Ich weiß, dass diese Tics furchtbar nervig sind, aber da müssen Eltern durch.“

Jetzt habe ich mich so zusammengerissen und dann ist es mir doch rausgerutscht: „Hör doch mal mit dem blöden Geräusper auf!“ Und was jetzt?

Tics können Eltern wirklich wahnsinnig machen. Auch wenn man es sich noch so fest vorgenommen hat – plötzlich rutscht einem der blöde Spruch raus. Auch Helene D. hat ihren Sohn schon angefahren. „Hinterher hat mir das natürlich total leid getan.“

„Alle Eltern sind Menschen, wir alle machen Fehler und niemand ist perfekt“, beruhigt Ritzer-Sachs. Wichtig ist es, dass man sich danach bei seinem Kind entschuldigen kann: „Ich war gestresst, es lag nicht an dir – da habe ich falsch reagiert. Entschuldige!“

Mein Sohn wird in der Schule schon von anderen Kindern auf sein Räuspern angesprochen. Es gab auch schon Hänseleien. Was können wir da tun?

Eltern sollten sich gemeinsam mit ihrem Kind einen guten Spruch überlegen, wie es auf blöde Bemerkungen reagieren könnte. „Wenn in der Schule eine Klassenkameradin fragt: ‚Was zuckst du so komisch?’ kann das Kind zum Beispiel antworten: ‚Mein Auge hat Schluckauf.’“, schlägt der Erziehungsexperte vor.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: „Hilfe, mein Kind will nicht mehr in die Kita“

Manchmal reiche es aber auch, wenn das Kind einfach erkläre, was ein Tic ist: „Oft wollen Kinder ja einfach nur wissen, warum, und es steckt gar keine böse Absicht hinter so einer Frage.“

Wie lange warte ich, bevor wir mit dem Problem zur Kinderärztin gehen?

Bei Tics brauchen Eltern vor allem Geduld und Gelassenheit. „Solche Tics können über Wochen gehen“, sagt Ritzer-Sachs. Wenn Mütter oder Väter aber besorgt sind oder vermuten, es könnte ein psychologisches oder neurologisches Problem dahinter stecken, können sie – auch zu ihrer eigenen Beruhigung – mit dem Kinderarzt sprechen oder bei einer der zahlreichen Erziehungsberatungsstellen vorstellig werden.

„Selten steckt ein schweres medizinisches Problem hinter einem Tic“, betont der Erziehungsexperte. „Aber es kann Eltern helfen, mit erfahrenen Fachleuten darüber zu sprechen.“

Ein Tic kann Wochen andauern, auch mal ein paar Monate. Meist schleicht sich das Räuspern, Zucken oder Schmatzen so schnell und heimlich wieder aus, wie es gekommen ist. Manchmal ist aber auch ein Tic weg und ein paar Wochen danach taucht ein anderer auf. „Meist sind Kinder im späten Kindergarten- und Grundschulalter betroffen“, sagt Ritzer-Sachs. „Spätestens mit der Pubertät wächst es sich in den allermeisten Fällen aus.“

Bis dahin brauchen Eltern gute Nerven, wenn das Kind ständig hüstelt, schnieft oder heftig blinzelt. Auch bei Lukas, dem Sohn von Helene D., war das Räuspern plötzlich weg: „Es ist verschwunden, wie es gekommen ist – praktisch über Nacht.“

Haben Sie auch eine Frage oder ein Problem, das sie mit einer unserer Elternratgeber-Expertinnen und Experten diskutieren wollen? Dann schreiben Sie an elternratgeber@stzn.de

Unser Experte

Ulric Ritzer-Sachs ist Diplom-Sozialpädagoge. Er arbeitet als Koordinator in der Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (BKE).

Ulric Ritzer-Sachs Foto: Ritzer-Sachs
Die Experten beraten Eltern und Jugendliche – online, anonym und kostenlos, rund um die Uhr.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Erziehung Kinder Familie