Elternseminar der Stadt Stuttgart Gesprächsrunden ziehen bei Männern nicht

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Das Elternseminar unterstützt seit 5o Jahren Mütter und Väter. Genauso wie sich die Gesellschaft in den vergangenen fünfzig Jahren geändert hat, hat sich auch die Arbeit des Elternseminars verändert und angepasst.

Zum 50. Geburtstag gibt es auch Programm für Kinder. Foto:  
Zum 50. Geburtstag gibt es auch Programm für Kinder. Foto:  

Stuttgart - Im Jahr 1963 waren die Zuständigkeiten meistens klar aufgeteilt: Die Väter haben von neun bis 17 Uhr gearbeitet, kamen zum Abendessen heim und haben sich zum Ausgleich gern noch im Sportverein oder beim Kegeln vergnügt. Die Mütter haben sich um den Haushalt und um die Kinder gekümmert. In diese Zeit fällt die Gründung des Elternseminars der Stadt Stuttgart. Geradezu progressiv war die Idee des damaligen Leiters des Jugendamtes, Robert Scholl: Jugendhilfe kann nur dann wirksam sein, wenn man die Eltern mit einbezieht. Fortbildung für Eltern sozusagen. Angesprochen fühlten sich damals fast ausschließlich Frauen.

Genauso wie sich die Gesellschaft in den vergangenen fünfzig Jahren geändert hat, hat sich auch die Arbeit des Elternseminars verändert und angepasst. Das wurde nicht zuletzt am Wochenende deutlich, als der 50. Geburtstag der kommunalen Einrichtung groß begangen wurde: Mit einem Festakt im Rathaus, einer Fachveranstaltung mit Vorträgen und Dialogrunden sowie mit einem bunten Programm für Kinder.

Von Vätern war damals wenig zu sehen

Dieter Pandtle vom Elternseminar erinnert sich gern an seine Anfänge in den 70er Jahren. „Das war für alle ein Selbstfindungsprozess“, erzählt Pandtle. „Man hat sich emotional geöffnet und ist sehr in die Tiefe gegangen.“ Von Vätern war damals noch wenig zu sehen. „Erst wenn die Kinder in die Pubertät gekommen sind und es zu Hause richtig gebrannt hat, haben sich Männer erstmals Gedanken über Pädagogik gemacht“, erzählt Pandtle.

Anfang der neunziger Jahre war er es, der Programme entwickelt hat, die gezielt Männer ansprechen. Weil man Männer kaum mit Gesprächsrunden locken kann, hat Pandtle damals die Vater-Kind-Wochenenden eingeführt. Heute sind sie nicht mehr aus dem Programm des Elternseminars wegzudenken. „Sie sind auch nach wie vor sehr wichtig – wenn auch aus anderen Gründen als früher“, sagt Pandtle. Früher ging es darum, dass Männer überhaupt mal Zeit mit ihren Kindern verbringen, heute dagegen müssten viele Männer mit den vielen Erwartungen an sie kämpfen. „Sie haben Stress im Beruf und wollen sich auch um die Erziehung kümmern.“

Heute wird eine allgemeine Lebenshilfe geboten

Mehr Platz als die Vater-Kind-Angebote nehmen seit einigen Jahren die Sprachkurse und Integrationshilfen ein. Bereits Anfang der 80er Jahre hat das Elternseminar erste Deutschlerngruppen gestartet, bereits damals gab es einige muttersprachliche Honorarkräfte. Heute weist ein großer Teil der insgesamt 19 Hauptamtlichen und 160 Honorarmitarbeitern einen Migrationshintergrund auf. „Es geht heute nicht mehr nur darum, den Erwachsenen deutsch zu lernen, wir bieten eine allgemeine Lebenshilfe“, sagt eine Mitarbeiterin, die seit einigen Jahren mit russischen und bulgarischen Müttern arbeitet. „Wir üben Bewerbungsgespräche und reden über die weiterührenden Schulen, die für die Kinder in Frage kommen“, sagt die Mitarbeiterin. „Russische Frauen leben sehr isoliert und nehmen das Angebot gerne an. Türkische Frauen sind dagegen sehr gut untereinander vernetzt.“

Die schnelle Lösung für Erziehungsprobleme gibt es nicht

Clemens Schneider vom Elternseminar nennt diese Art der Unterstützung Lebensbegleitungskurse. Um die Hemmschwelle niedrig zu halten, mache man dezentrale Angebote. „Wir sind sehr stark in den einzelnen Stadtteilen vertreten“, sagt Schneider.

Bei allem, was das Elternseminar seit fünfzig Jahren anbietet – eines kann es nicht: die schnelle, einfache Lösung für Erziehungsprobleme bieten. Dabei erhoffen sich viele Eltern genau dies, wie Theoklis Chimonidis in den letzten Jahren erfahren hat. „Viele haben Angst, etwas falsch zu machen und wenig Zeit, sich mit Erziehungsfragen auseinanderzusetzen.“ Chimonidis rät den Eltern, mehr auf ihre intuitiven Kräfte zu hören und sich mit anderen auszutauschen. Den Eltern dafür einen Raum zu geben, ein offenes Café – auch das ist inzwischen eine der Hauptaufgaben des Elternseminars.

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